Polizisten aus Ruanda und Soldaten aus Mozambik stellen sich bei einem Beuch von Ruandas Präsident Kagame in Pemba gemeinsam auf . | AFP

Ruandas Auslandseinsätze Der neue Polizist Afrikas

Stand: 02.11.2021 17:07 Uhr

Rund zehn Prozent der Soldaten Ruandas sind in anderen Teilen Afrikas im Einsatz. Das kleine Land weitet so seinen Einfluss auf dem Kontinent aus - trotz der Kritik an Ruandas Präsidenten Kagame.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Gekleidet in eine Militäruniform steht Ruandas Präsident Paul Kagame vor seinen Soldaten. Ende September besucht er sie auf ihrer Mission in Mosambik im Süden des Kontinents. "Wir danken Euch, dass ihr die Teile Cabo Delgados befreit habt, die von Aufständischen besetzt waren", sagt Kagame. "Die nächste Mission ist es, diese Gebiete zu sichern, so dass sie wieder aufgebaut werden und ihre Bewohner zurückkehren können." Die Truppen aus Mosambik würden den ruandischen Soldaten zeigen, wo und wie sie sie dabei unterstützen könnten.

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Seit 2017 hatten die Aufständischen, die sich selbst "Ansar-al-Sunna" (in etwa "Verteidiger der islamischen Tradition") nennen, in der Provinz Cabo Delgado im Norden von Mosambik Anschläge verübt, Zivilisten getötet, die Bevölkerung terrorisiert. Im März dieses Jahres überrannten sie die Stadt Palma. Dem Militär Mosambiks gelang es nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Mithilfe der ruandischen Truppen jedoch konnten die Aufständischen vertrieben werden. Der Erfolg wird vor allem den Ruandern zugeschrieben.

Die Präsidenten von Ruanda und Mozambik, Kagame (r.) und Nyusi nach einer Pressekonferenz in Pemba (Mozambik) | REUTERS

Paul Kagame (r.) wirkte zufrieden nach einer Pressekonferenz mit Mozambiks Staatschef Nyusi (4.v.r.). Das dürfte auch an dem wachsenden Einfluss seines Landes liegen. Bild: REUTERS

Schlagkräftige Armee mit klaren Zielen

Ihre Truppen gelten als schlagkräftig und besonders effektiv. "Das Militär ist sehr gut trainiert, sehr widerstandsfähig und professionell", erklärt Eric Ndushabandi vom Institut für Forschung und Dialog für Frieden (IRDP) in Ruandas Hauptstadt Kigali. "Sie sind organisiert und verfolgen direkt ihr Ziel. Das ist in Afrika nicht immer der Fall." Das Militär Ruandas sei ein Baustein der Außenpolitik des Landes. Denn von seinen effektiven Einsätzen profitiert der kleine, zentral gelegene, afrikanische Staat.

"Ruanda wird immer bekannter als Land, das sich bemüht, sein Militär auf dem Kontinent zu exportieren", sagt Lewis Mudge, Zentralafrika-Direktor von Human Rights Watch. "Die Regierung hat verstanden, dass sie mit einer der effektivsten Armeen des Kontinents in einer einzigartigen Position ist. So können sie das Ziel realisieren, afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme anzubieten."

Ein Ansatz, der nicht nur auf dem Kontinent begrüßt wird, sondern auch international. Zwar werden Einsätze der Vereinten Nationen von vielen westlichen Ländern finanziert, doch Truppen können oder wollen sie nicht immer stellen.

Großer Verteidigungsetat

Auch deshalb investiert Ruanda viel Geld. Laut Daten des Stockholmer Instituts für Internationale Friedensforschung gab das Land für sein Militär im Jahr 2020 rund 1,4 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes aus. Prozentual gesehen mehr als Südafrika (1,1 Prozent) oder Nigeria (0,6 Prozent), der bevölkerungsreichste Staat Afrikas, der mit Konflikten und Terrorgruppen zu kämpfen hat, wie beispielsweise mit Boko Haram im Norden des Landes.

Nach Mosambik entsandte Ruanda rund 1000 Soldaten und Polizisten, als bilateral vereinbarte Hilfe. Außerdem unterstützt das Land Missionen der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen. Neben Mosambik ist das ruandische Militär unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik oder im Süd-Sudan im Einsatz.

Auch eine Lehre aus der Geschichte

Motivation sei dabei auch die Geschichte des Landes, sagen die Experten. 1994 starben beim Völkermord in Ruanda mehr als 800.000 Tutsis und gemäßigte Hutus. "Bis zu einem gewissen Punkt will Ruanda das Richtige für seine Nachbarn tun", erklärt Mudge. So sei es auch gewesen, als sie begonnen hätten, sich in der Zentralafrikanischen Republik zu engagieren. Dort habe ein Völkermord gedroht.

Doch längst hat Ruanda nicht mehr nur die Nachbarstaaten im Blick. Der Einfluss, den das Land auf dem Kontinent und international durch den Einsatz seiner Truppen gewinne, beginne sich auszuzahlen, so Mudge: "Sie nutzen es im Narrativ des 'wohlwollenden' Autoritarismus der Ruandisch Patriotischen Front zum Vorteil - um Menschenrechtsverletzungen, die die Regierung inner- und außerhalb des Landes begeht, zu einem gewissen Grad zu verdecken, beispielsweise das Verfolgen ruandischer Dissidenten in Afrika."

Diplomaten überlegten dann genauer, ob sie es sich leisten könnten, die Regierung und den Präsidenten darauf hinzuweisen, in der Sorge, dass Ruanda Truppen aus Missionen abziehe.

Die wirtschaftlichen Aspekte im Blick

Der ruandische Wissenschaftler Eric Ndushabandi weist dies zurück. Er betont die wirtschaftlichen Vorteile, die dem militärischen Engagement folgen könnten. "Ruanda bietet auch Expertise in ökonomischen Fragen an", so Ndushabandi. "Das Banksystem, der Finanzsektor, aber auch die Infrastruktur, wie die Fluglinie RwandAir." So profitiere Ruanda, aber auch die anderen Staaten. Das Land selbst hat keinen eigenen Zugang zum Meer und wenig Rohstoffe, im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarn.

In Mosambik ging es wohl auch um die Interessen eines größeren Partners. Der französische Energieriese "Total" startete im vergangenen Jahr ein großes Erdgasprojekt vor der Küste des Landes. Mehr als 1,8 Billionen Kubikmeter sollen hier gefördert werden. Ein wichtiges Projekt für die französische Regierung. Wegen des Anschlags auf die in der Nähe liegende Stadt Palma ruht es, doch sollte sich die Lage nach dem Einsatz der ruandischen Truppen jetzt stabilisieren, wolle man zurückkehren. Von der Partnerschaft mit Frankreich, der Zusammenarbeit mit Russland und auch mit den Chinesen, sagt Ndushabandi, werde Ruanda eines Tages Ruanda profitieren.

In der Stadt Pemba schwenkten die Menschen bei einer von der Regierung organisierten Veranstaltung  Fähnchen und Bilder des ruandischen Präsidenten. Sein Militär in afrikanischen Ländern einsetzen, zahlt sich aus für Ruanda: Der kleine Staat in Zentralafrika gewinnt an Einfluss.