Flamingos am Nakurusee in Kenia. | picture alliance / imageBROKER

Ökosysteme in Ostafrika Probleme im Flamingo-Paradies

Stand: 19.04.2021 16:42 Uhr

An Kenias Nakuru-See tummelten sich die Flamingos - nun verhungern einige von ihnen, obwohl der See wächst. Es ist nur das erste Anzeichen: Auch andere Ökosysteme der Region sind in Gefahr, warnen Experten.

Von Sabine Krebs, ARD-Studio Nairobi

Der Nakuru-Nationalpark, etwa drei Stunden entfernt von Nairobi im Nordwesten Kenias, ist ein Naturparadies: Mit 188 Quadratkilometern ist der Touristenmagnet in nahezu jedem Afrika-Reiseführer zu finden und ein beliebtes Ziel von Safariveranstaltern und Individualreisenden. Die Artenvielfalt kann sich im weltweiten Vergleich sehen lassen: Mehr als 50 Säugetierarten leben hier, darunter Nashörner, Zebras, Büffel, Antilopen und Gazellen. Auch etwa 450 Vogelarten sind zu finden: Reiher, Kormorane, Pelikane. Wegen seiner Einzigartigkeit und Schönheit wurde der Nakuru-Nationalpark 2011 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Doch das ökologische Gleichgewicht des Parks ist in Gefahr und könnte kippen, beobachten kenianische Umweltschützer.

Sabine Krebs ARD-Studio Nairobi

Die Perle des Nationalparks ist der Nakuru-See: Unvergleichlich der Anblick, wenn das Wasser mit tausenden rosa Tupfern gesprenkelt war - mit Flamingos, die sich hier zu Tausenden, manchmal zu Hunderttausenden aufhielten. Die Zahl hat bisher je nach Jahreszeit und Wasserstand variiert. Gekommen waren so die kleineren Zwergflamingos, die sich von Spirulina-Algen ernähren und die großen Rosaflamingos, die kleine Krebse fressen. Doch seit einigen Jahren blieben immer mehr von ihnen weg.

Der Nakuru-See wird größer

"Mit dem zunehmenden Wasserstand und der zunehmenden Verschmutzung können verschiedene Arten einfach nicht mehr gedeihen. Das hat sich also hier geändert", sagt Elizabeth Wanja von der "Kenya Climate Change Working Group", einem Dachverband mehrerer Klima-Organisationen.

Die Verschmutzung und enorme Wasserschwankungen nehmen zu - mit weitreichenden Folgen: Denn der bis zu vier Meter tiefe, alkalische Nakuru-See ist in den letzten Jahren fast auf die doppelte Größe angewachsen. Überdurchschnittliche Regenfälle in Ostafrika spielen dabei eine wichtige Rolle. Zuletzt mussten sich viele Flamingos in andere Regionen ansiedeln, weil es mit steigendem Wasserpegel an Brutplätzen und Futter fehlt.

Wichtigstes Nahrungsmittel für die Zwerg-Flamingos ist die Blaualge. Sie wächst im Plankton der Soda-Seen. In den letzten Jahrtausenden hatte sich das Wasser des Nakuru-Sees durch Verdunstung stark mit Salzen angereichert - ideale Lebensbedingungen also für die Flamingos. Doch das zuströmende Süßwasser verdünnt die Lösung - damit nimmt das Nahrungsangebot ab, und die Flamingos müssen notgedrungen ausweichen.

Ein verendeter Flamingo am Nakurusee in Kenia: Immer weniger nahrhaftes Futter finden die Tiere. | EPA

Ein verendeter Flamingo am Nakurusee in Kenia: Immer weniger nahrhaftes Futter finden die Tiere. Bild: EPA

Immer wieder Fischsterben

Darüber hinaus berichten lokale Medien nicht nur vom Abwandern der rosa Vögel, sondern auch von Flamingo- und Fische-Sterben. Das hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Faktoren wie mögliche industrielle Verschmutzungen werden als Auslöser vermutet. In der Nähe befindet sich die Kläranlage Mwariki und der Fluss Njoro - möglicherweise gelangen von dort Abwässer und Abfälle in den See.

Zuletzt hatte Greenpeace Afrika mit einem offenen Brief auf die Probleme aufmerksam gemacht. Joseph Edebe, der beim "Kenia Wilflife Service" zur Biodiversität forscht, berichtet von Untersuchungen an verendeten Tieren und Wasserproben.

"Die Grundparameter sahen in Ordnung aus. Bei den toten Flamingos haben wir allerdings Infektionen gefunden und vor allem war ihr Zustand schlecht", sagt er. "Sie waren unterernährt, weil ihnen die Nahrung gefehlt hat. Was bedeutet, dass sie gehungert haben. Flamingos ernähren sich von Algen, doch dadurch dass sich das Wasser verdünnt hat, fehlt nun die Nahrung."

Seen im Rift-Tal betroffen

Von dem steigenden Wasserpegel ist nicht nur der Nakuru-See betroffen, sondern alle acht Seen im Großen Afrikanischen Grabenbruch, der von Äthiopien bis Malawi durch Ostafrika verläuft. Auch der 150 Kilometer von Nairobi entfernte Baringo-See wächst schnell: Dort wurden ganze Orte vom Wasser quasi verschluckt. Das Wasser dort ist in den letzten Jahren um mehr als zehn Meter gestiegen.

Neben den Regenfällen könnten darüber hinaus auch die tektonischen Platten im geologisch aktiven Großen Afrikanischen Grabenbruch eine Rolle spielen, meinen Experten - ebenso wie die Entwaldung und die zunehmende Besiedlung entlang der Seen.

"Es ist ein Weckruf für Naturschützer und alle Naturliebhaber, sich zusammenzuschließen", sagt Wanya von der "Kenya Climate Change Working Group dazu. "Wir müssen weitere Untersuchungen dazu durchführen, wie das Problem gelöst werden könnte. Denn wir müssen davon ausgehen, dass sich aufgrund des Klimawandels die Niederschlagsmuster natürlich weiter ändern werden."

Am Nakuru-See, dem Flamingo-Paradies, sind die rosa Flecken derzeit weniger geworden. Der See verliert möglicherweise nicht nur seine Flamingos, sondern damit auch seine Schönheit und Einzigartigkeit.  

Über dieses Thema berichtet das Erste in der Sendung "Wissen vor Acht" am 20. April 2021 um 19:45 Uhr.