Sicherheitsfirma in der Stadt Palma, Mosambik | dpa
Hintergrund

Angriffe in Mosambik Wer terrorisiert Cabo Delgado?

Stand: 07.04.2021 06:26 Uhr

Islamistische Terroristen haben die Stadt Palma im Norden Mosambiks erobert. Selbst Experten wissen wenig über die Gruppe, die international kaum vernetzt scheint - und doch das Militär machtlos dastehen lässt.

Von Richard Klug, ARD-Studio Johannesburg

Es ist das größte einzelne Investitionsprojekt in ganz Subsahara-Afrika: Fast 17 Milliarden Euro will der französische Energie-Konzern Total in die Förderung von flüssigem Erdgas vor der Küste Mosambiks stecken. Allerdings: Die Region im Norden, vor der das stattfinden soll, ist seit mehr als drei Jahren von einer islamistischen Splittergruppe bedroht, der Ahlu Sunnah Wa-Jama’a.

Richard Klug ARD-Studio Johannesburg

Zuletzt war es so still um die Terrorgruppe geworden, dass Total am 24. März verkündete, man werde jetzt mit den Arbeiten zügig und intensiv fortfahren. Stunden später griffen die Terroristen in der Stadt Palma Zivilisten an: Dutzende, vermutlich Hunderte Menschen starben, Tausende sind auf der Flucht, das mosambikanische Militär ist überfordert.

Wer steckt hinter der mordenden "Jugend"?

"Das sind Kinder", sagte schon vor einigen Jahren ein Imam einer kleinen Gemeinde in der Provinz Cabo Delgado dem portugiesischen Fernsehen RTP über die Terrorgruppe. "Frustrierte, bösartige Kinder, die vom Weg abgekommen sind." Der Norden Mosambiks ist muslimisch, es ist ein sanfter, kein radikaler Islam, der hier existiert. Die Provinz an der Grenze zu Tansania ist eine der ärmsten in einem Land, das selbst immer noch einer der ärmsten Staaten der Welt ist - ein idealer Nährboden für Frust, Hass und Gewalt.

Seit 2007 schon soll sich die Gruppe gebildet haben, anfangs noch tolerant und gewaltlos, dann sich immer mehr in Richtung eines puren, radikalen Islams entwickelnd. Al-Shabaab nennen sie sich auch, "die Jugend", aber zu der berüchtigten somalischen Terrormiliz Al-Shabaab scheinen sie keine Kontakte zu haben. Einige Tage nach dem Angriff auf Palma bekannte sich der sogenannte Islamische Staat zu der Attacke. Vermutlich gibt es aber nur lose Kontakte zu den mosambikanischen Aufständischen.

4500 Mitglieder soll Ahlu Sunnah Wa-Jama’a jetzt haben, 2000 davon bewaffnet. Woher sie diese Waffen haben ist unklar, ebenso diffus ist es, wer diese Gruppe eigentlich anführt. Die USA haben Abu Yasir Hassan im Verdacht, einen Tansanier. Aber viel weiß man über diesen Mann nicht - jedenfalls nichts, was jemals veröffentlicht wurde.

Bemerkenswert ineffizienter Militäreinsatz

Die Waffen könnten von anderen islamistischen Gruppen auf dem afrikanischen Kontinent geliefert worden sein - oder aber sie sind aus den Beständen der mosambikanischen Armee, die in den letzten Jahren mit bemerkenswerter Ineffizienz in der Provinz Cabo Delgado operiert hat. Bei den zurückliegenden Angriffen auf die Stadt Palma waren es fünf Hubschrauber einer südafrikanischen Sicherheitsfirma sowie Boote aus der 250 Kilometer entfernten Stadt Pemba, die Flüchtlinge retteten. Die Hubschrauber der Südafrikaner konnten maximal vier Personen pro Rettungsflug aufnehmen. Von den großen Hubschraubern der mosambikanischen Armee aus russischer Produktion war weit und breit nichts zu sehen.

All das wirkt erst recht hilflos, wenn man bedenkt, dass nur 100 bewaffnete Aufständische den Angriff ausgeführt haben. Besonders abgesehen hatten es die Terroristen auf westliche Ausländer. Ein Konvoi mit 17 Fahrzeugen versuchte, sich zur nahegelegenen Küste durchzuschlagen. Nur sieben kamen durch. Die Terroristen tönten, sie hätten mehrere Menschen aus "Kreuzritterstaaten" getötet - ein islamistischer Kampfbegriff für christlich geprägte Länder.

Mosambikanische Soldaten auf dem Flughafen von Pemba (31.03.2021). | AFP

Mosambikanische Soldaten auf dem Flughafen von Pemba (31.03.2021). Bild: AFP

Problem nur wirtschaftlich zu lösen

Am 6. April endete der Vertrag der Regierung Mosambiks mit der südafrikanischen Sicherheitsfirma Dyck Advisory Group. Damit sind nur noch mosambikanische Bodentruppen im Norden des Landes. Mosambik hat zwar sechs Hubschrauber einer anderen südafrikanischen Firma gekauft, aber die Piloten sind noch nicht fertig ausgebildet, sie können sie noch nicht fliegen. Unterdessen sind immer noch fast zehntausend Menschen auf der Flucht vor der Miliz.

In Lagern der Ärzte ohne Grenzen oder der Vereinten Nationen berichteten Augenzeugen von grausamen Szenen: Lkw-Fahrer in Palma, der 75.000-Einwohner-Stadt am Indischen Ozean, die mittlerweile menschenleer scheint, seien enthauptet worden, die Terroristen hätten auch auf Kinder geschossen. Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder.

Total hat seine Mitarbeiter gänzlich von der Erdgas-Anlage abgezogen und wartet darauf, dass die mosambikanische Regierung für die Sicherheit des Geländes garantiert. Die 1000 zuvor schon auf dem Gelände stationierten mosambikanischen Soldaten waren dazu offenbar nicht in der Lage. Portugal, die ehemalige Kolonialmacht, hat angekündigt, 60 militärische Ausbilder zu schicken. Auch die USA wollen Elite-Soldaten entsenden.

Inzwischen meldet das Militär, Palma sei zurückerobert worden. Mosambik-Analysten wissen aber: Eine reine militärische Lösung wird keine Stabilität bringen. Es gilt, den Norden Mosambiks wirtschaftlich zu festigen. "Es wird einige Jahre dauern, bis das der Fall ist. Aber es sollte möglich sein", sagte der Afrika-Experte Alex Vines vom britischen Think Tank Chatham House der südafrikanischen Zeitung "Daily Maverick". "Die Provinz Cabo Delgado ist nicht die Sahelzone oder der Tschad. In Mosambik ist das kein Volksaufstand."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Februar 2021 um 18:40 Uhr.