Malische Streitkräfte bilden einen Konvoi. | AFP
Analyse

Söldner in Mali Was will Russland in Afrika?

Stand: 17.09.2021 20:05 Uhr

Die Regierung des Krisenlandes Mali möchte angeblich russische Söldner anheuern. Den Westen stellt das vor große Herausforderungen. Welche Ziele verfolgt Russland auf dem afrikanischen Kontinent?

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Russlands Fahnen auf den Straßen von Bamako, Schmähsprüche gegen Frankreich. Sidi Traoré von der Bewegung "Pro-Russland" marschiert mit: "Wir sind hier, um den Abzug der Franzosen zu fordern. Und wir wollen, dass Russland uns zur Hilfe kommt." Um ihn herum sagen alle das Gleiche. Die Gruppe von Protestierenden im Mai war klein, ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist übersichtlich, aber stabil. Für viele Malier hat die internationale Gemeinschaft Sicherheit versprochen, aber nicht geliefert - so sehen sie es jedenfalls.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Der Frust ist groß, die malische Regierung verständnisvoll. Die Putschisten aus dem Militär müssen schließlich auch liefern. Schon im Juni 2019 - vor dem Umsturz gegen den gewählten Präsidenten - war ein Militärhilfeabkommen zwischen Russland und Mali unterzeichnet worden. Dann, im vergangenen Sommer, schien die Stunde für die neuen Freunde erst recht zu schlagen: Teile der Putschisten waren in Russland militärisch ausgebildet worden. Seitdem wird spekuliert, was bald aus Russland an Militärhilfe kommen könnte.

Karte: Mali mit der Hauptstadt Bamako

Absatzmarkt für Waffen

Russland ist längst nicht das einzige Land, das Afrika als lukrativen Zukunftsmarkt erkannt hat. Während es vielen anderen Ländern wie etwa China vor allem um Afrika als Rohstofflieferant und Absatzmarkt für zivile Produkte geht, hat Russland bei letzterem wenig zu bieten. Anders in puncto Sicherheit: Die berühmt-berüchtigten AK-47-Gewehre kommen aus Russland, Kampfhubschrauber, Panzer - alles verlässlich und im Preis konkurrenzfähig.

Erstes größeres Ziel der neuen Afrika-Politik Moskaus war 2018 die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Russland sorgte dafür, dass das UN-Sanktionskomitee eine Ausnahme machte und Waffen für die Regierungsarmee in das vom Krieg gebeutelte Land ließ. Die privaten Wagner-Kämpfer kamen gleich mit, ein paar hundert sollen es gewesen sein. Noch heute sind die Russen im Land. Ohne ihre Hilfe wäre die zum Jahreswechsel neu gewählte alte Regierung womöglich nicht mehr im Amt.

Erst seit kurzem Thema

Ende 2019 waren die Russen noch ein Thema, mit dem der Westen geschmeidig umging. Der damalige Leiter der europäischen Ausbildungsmission, der französische Brigadegeneral Eric Peltier, sagte: "Die Russen bieten etwas Zusätzliches an, sie beschränken sich auf Kampf- und Schießausbildung. Das ist eine Ergänzung und deshalb muss man sich mit den anderen internationalen Akteuren auch nicht abstimmen." Für alle sei Platz.

So sah es auch ZAR-Verteidigungsministerin Marie-Noelle Koyara und hoffte, dass "Deutschland gemeinsam mit den Partnern beim Aufbau der Armee" mithelfen werde.

Moskau schweigt - und dehnt Einfluss aus

Die freundlichen Zeiten sind vorbei. Vor allem Frankreich reagiert immer gereizter. Paris warf Moskau in den vergangenen Wochen mehrfach vor, den Ruf Frankreichs in Afrika zu schädigen, um den eigenen Einfluss auszudehnen. Moskau wies das einsilbig zurück und machte weiter wie bisher. Im umkämpften Norden Mosambiks waren auf Regierungsseite zeitweise Wagner-Söldner gesichtet worden, in Libyen sollen zwischen 2019 und 2020 etwa 1000 Kämpfer aktiv gewesen sein.

Russische Kriegsschiffe im Sudan

Im Februar dieses Jahren legte das erste russische Kriegsschiff im Hafen von Port Sudan an. Im vergangenen Jahr soll Präsident Wladimir Putin den Ausbau eines Hafens im Sudan genehmigt haben, in den auch nukleargetriebene Schiffe einlaufen können und der Platz für 300 Seeleute und Mitarbeiter bieten soll.

Auch bei der Handelsware geht es aufwärts: Laut Friedensforschungsinstitut SIPRI in Stockholm ist Russland mittlerweile für fast die Hälfte aller Waffeneinfuhren auf den Kontinent verantwortlich - vor Frankreich, den USA und China. Es geht um Milliarden, zurückgezahlt wird in Rohstoffen, gern Gold und Edelmetall. In Mali könnte es sogar um Uran gehen, mit dem auch französische Atomkraftwerke betrieben werden. Zugute kommen könnte das neben der russischen Staatskasse auch dem mutmaßlichen Wagner-Unternehmer Yevgeny Prigozhin.

Private Söldner haben Vorteile

Eine Sache sind die Verkäufe von Waffen durch den Staat, eine andere der Einsatz privater Söldner. Der Vorteil von Privatarmeen: Geht etwas schief, kann sich das Land, aus dem die Kämpfer stammen, leichter aus der Verantwortung stehlen - man weiß einfach nichts. Im Fall der Wagner-Truppe war das bislang praktisch, denn für eine Reihe von mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen fühlte sich Moskau natürlich nicht zuständig.

Nach Recherchen der Internet-Journalisten von "Intercept" hat der Gründer der berüchtigten US-Söldnerfirma Blackwater und damaliger Trump-Berater, Erik Prince, versucht, Wagner seine Dienste anzubieten, so "Intercept". Wagner soll das Angebot abgelehnt haben. In den USA allein arbeiten Zehntausende Firmen im Bereich Sicherheit - ein Milliardengeschäft.

Priorität der russischen Außenpolitik

Russland will über das Geschäft mit Waffen und Söldnern nicht nur verdienen, sondern auch Einfluss aus den Tagen der alten Sowjetunion zurückgewinnen. Putin hatte bereits beim Russland-Afrika Gipfel 2019 klar gemacht, die "Stärkung der Verbindung zu den afrikanischen Ländern" sei eine der Prioritäten der russischen Außenpolitik.

Sidi Traoré von der Pro-Russland-Bewegung hält das für eine gute Idee. Er sieht die Franzosen als Ausbeuter der Ressourcen des Landes und Russland als Retter. Zumindest Traoré und seine Mitstreiter hoffen, dass sich das ändern würde, wenn Russland und Mali "Hand in Hand" in eine neue Zukunft marschieren würden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2021 um 20:00 Uhr.