Migranten protestieren im Oktober 2021 in Tripolis gegen ihre Lebensbedingungen. | REUTERS
Reportage

Repressalien gegen Flüchtlinge Gestrandet im Elend Libyens

Stand: 12.11.2021 15:00 Uhr

Internationale Finanzhilfe soll das zerrissene Libyen stabilisieren - auch um die Flüchtlingskrise im Land zu bewältigen. Doch gerade Migranten sehen sich massiven Repressalien ausgesetzt und fürchten in Libyen um ihre Existenz.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Sie haben fast alles verloren, leben auf Planen und Decken am Straßenrand in Serradsch, einem Viertel im Westen von Tripolis. Etwa 3000 Migranten aus verschiedenen afrikanischen Ländern kämpfen ums Überleben, unter ihnen Hunderte Frauen und Kinder. Sie wollen nach Europa und sind in Libyens Hauptstadt gestrandet. Nun naht der Winter.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Drehen ist in Serradsch nicht erlaubt, Journalisten sind unerwünscht. Bei der Fahrt durch das Viertel winken uns einige der Migranten zu, hoffen auf Hilfe. Doch die kommt nur sporadisch.

Seit dem 1. Oktober hat sich ihre ohnehin schon prekäre Situation dramatisch verschlechtert. Libysche Sicherheitskräfte stürmten ohne jede Vorwarnung Flüchtlingsunterkünfte, nahmen in wenigen Stunden etwa 4000 Menschen fest. Mindestens ein Mensch starb, 15 wurden verwundet. "Sie haben bei diesen Razzien alles verloren, was sie hatten, auch ihre Bleibe", sagt Djamal Zamoum, stellvertretender Leiter des Flüchtlingshilfswerk in Libyen im ARD-Interview.

Offiziell galt der Einsatz dem Kampf gegen Drogen und illegale Migration. Doch die Betroffenen fühlen sich schikaniert und erniedrigt. "Sie haben uns angegriffen, gedemütigt, viele verletzt", sagt Halima Mokthar Bshara aus dem Sudan. Waffagh Driss ergänzt: "Wir sind völlig schutzlos. Unser Leben hängt am seidenen Faden."

Migranten protestieren im Oktober 2021 in Tripolis mit einem Sit-in gegen ihre Lebensbedingungen | EPA

Im Oktober protestierten Migranten in Tripolis gegen ihre Lebensbedingungen, doch gebessert hat sich ihre Lage seither nicht. Bild: EPA

Völlig überfüllte Haftlager

Tausende konnten sich noch kurz vor dem Zugriff absetzen. Nichts fürchten sie mehr als die Haftlager von Tripolis und Umgebung. Sie sollen mittlerweile dreifach überbelegt sein. Gewalt, Misshandlungen und Korruption sind laut Hilfsorganisationen dort an der Tagesordnung. Viele können dort kaum Schlaf finden, Krankheiten verbreiten sich, von Corona ganz zu schweigen. Am 8. Oktober wurden nach UN-Angaben sechs Migranten in einem völlig überfüllten Lager erschossen, nachdem sie gegen die Bedingungen dort revoltiert haben.

Eigentlich sollte Migranten in Libyen die Chance auf Ausreise in ein Drittland wie Niger, Ruanda, auch Italien geboten werden. Aber die Regierung hat die Flüge im April einfach eingestellt. Nun sollen sie wieder aufgenommen werden. "Wir planen gerade fünf Flüge bis zum Jahresende", sagt Djamal Zamoum vom Flüchtlingshilfswerk. 1100 Flüchtlinge wurden dafür registriert und warten nun auf ihre Ausreise aus dem Elend Libyens.

Zehn Jahre Krieg und Chaos

Zehn Jahre nach dem Tod von Langzeitherrscher Muammar Gaddafi versucht das ölreiche Land den Neuanfang. Über Jahre herrschte Krieg zwischen rivalisierenden Banden. Sie verdienten Millionen mit dem Schleusen von Flüchtlingen, Schmuggel und Drogenhandel. Die Terrormiliz IS trieb ihr Unwesen.

Libyen war zweigeteilt. In Tripolis regierte eine internationale anerkannte, aber schwache Regierung. Sie stützte sich auf Milizen und die Türkei, die Soldaten und Söldner entsandte. Im Osten herrschte General Haftar, der die Rückendeckung Russlands, Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate genießt. Seit seiner gescheiterten Offensive auf Tripolis im Juni 2020 herrscht ein Patt im Land.

Beide Seiten einigten sich auf eine Übergangsregierung und Wahlen am 24. Dezember. Die Vorbereitungen laufen, doch ob sie tatsächlich zustande kommen, ist noch immer ungewiss. Die Regierung zeigt sich führungsschwach. Das Misstrauen zwischen allen Beteiligten sitzt tief. Die Sorge ist groß, dass alte Gräben jederzeit wieder aufreißen können.

Die Nöte der Bevölkerung

Die Menschen im Land haben genug vom Chaos der vergangenen zehn Jahre, leiden unter dem wirtschaftlichen Niedergang. Die Inflation liegt bei 20 Prozent, die Währung ist abgestürzt, die Korruption blüht. Viele Libyer hoffen darauf, ihr Schicksal endlich wieder in die eigenen Hände nehmen zu können und fordern den Abzug aller ausländischen Söldner und Soldaten.

Doch bislang zeigen weder die Türkei noch Russland daran tatsächlich Interesse. Sie streben nach Kontrolle über das Öl im Land, den Flüchtlingsstrom nach Europa.

Riskante Überfahrt

Noch immer legen zahllose marode Schiffe von der libyschen Küste ab. Viele Migranten ertrinken auf der gefährlichen Route. Andere werden von der libyschen Küstenwache aufgebracht und zurückgeführt in das Elend von Tripolis. "Flüchtlinge werden hier als illegale Migranten angesehen", sagt Djamal Zamoum vom Flüchtlingshilfswerk. "Sie müssen ständig fürchten, festgenommen zu werden und in einem Haftlager zu landen."

Offenbar will die neue Regierung Härte demonstrieren, um bei den anstehenden Wahlen damit zu punkten. Derzeit kann das Flüchtlingshilfswerk nur die wenigsten Bedürftigen erreichen. Es fehlten Mittel, der Zugang zu ihnen sei schwierig, oft nicht sicher. Etwa 500 Menschen seien dringend auf Hilfe angewiesen, erzählt Zamoum. Aber die Regierung wolle nun mal nicht, dass die Verwundbarsten Zugang zu lebensrettenden Maßnahmen erhielten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. November 2021 um 12:46 Uhr, die tagesthemen berichten zudem um 21:45 Uhr.