Desmond Tutu | REUTERS
Nachruf

Desmond Tutu gestorben Trauer um das "Gewissen Südafrikas"

Stand: 26.12.2021 12:22 Uhr

Nelson Mandela nannte ihn die "Stimme der Schwarzen", andere bezeichneten ihn als "Großvater der Nation Südafrika": Desmond Tutu, Friedensnobelpreisträger und früherer Erzbischof von Kapstadt, ist gestorben.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Ein kleiner quirliger Mann, fast 80 Jahre alt, hüpft vor einer riesigen Videoleinwand auf und ab. Das gelb-grüne Fußball-Trikot spannt über dem Bauch. Er trägt eine Pudelmütze und wackelt jauchzend mit angewinkelten Armen und dem Hinterteil - ein bisschen wie beim Ententanz.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Es ist kein Komiker, der hier tanzt. Es ist der ehemalige Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger Desmond Mpilo Tutu. Sein Auftritt vor Zehntausenden beim Eröffnungskonzert der Fußball-WM 2010 war typisch: Ein Würdenträger als Entertainer, dessen Appell zu Brüderlichkeit und Versöhnung immer auch zur fröhlichen Botschaft wurde.

Folter und Tod während der Apartheid

Aber auch die verletzliche Seite des Erzbischofs hatte die Welt schon gesehen: Den zusammengesunkenen, vor laufenden Kameras weinenden Tutu. Ein kleiner Mann in lilafarbener Bischofsrobe auf dem Podium, die Hände vors Gesicht geschlagen, schluchzend. Vor ihm ein Mann im Rollstuhl, der gequält von seiner Haft und Folter während der Apartheidjahre erzählte.

Tausende solcher Fälle hörte Tutu als Vorsitzender der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission. Immer wieder: Folter, Entführung, Tod. "Es war schrecklich. Ja, zugegeben, ich weine leicht, aber schon am ersten Tag bin ich zusammengebrochen. Doch dann habe ich mir gesagt: Das ist nicht fair. Gott, du darfst das nicht zulassen. Weil sich die Medien sofort auf mich konzentrierten. Und nicht mehr auf die Menschen, die etwas zu sagen hatten - auf die Opfer."

Verbrechen der Apartheid-Regierung anprangern

Tutu war 1931 im Schwarzen-Ghetto des Minenstädtchens Klerksdorp bei Johannesburg geboren worden. Er wollte Arzt werden, aber die Ausbildung war für seine Familie zu teuer. Also wurde er erst mal Lehrer, kündigte aber nach kurzer Zeit - das war sein Protest gegen die Entscheidung der Regierung, schwarze Schüler schlechter auszubilden als weiße. Tutu schlug eine theologische Laufbahn ein, er wurde erst Priester, dann der erste schwarze anglikanische Bischof von Johannesburg und später Erzbischof von Kapstadt.

In dieser Zeit wurde Tutu zum überzeugten Anti-Apartheid-Aktivisten. Rastlos nutzte der charismatische Geistliche seine Rolle und seinen Einfluss, um an die katastrophale Lage seiner Landsleute zu erinnern und die Verbrechen der Apartheid-Regierung anzuprangern.

Ich denke, es ist wichtig, wieder und wieder zu betonen, dass die Lage in Südafrika gewalttätig ist. Es ist die Gewalt der Apartheid. Es ist die Gewalt der Zwangsumsiedlung der Bevölkerung. Es ist die Gewalt der minderwertigen Bildung für Schwarze. Es ist die Gewalt des Ausschlusses. Es ist die Gewalt der Wanderarbeit und so weiter.

Versöhner und Vermittler

1984 wurde er für seinen Kampf belohnt: Für seinen gewaltlosen Einsatz für Menschenrechte und gegen die Apartheid wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen.

Aber auch nach Ende der Apartheid war Tutu gefordert - als Versöhner und Vermittler. Südafrika war ein Pulverfass. Zu groß war nach den brutalen Jahren der Rassentrennung das Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß.

Um das zerrissene Land zu einen, rief die Regierung die Wahrheits- und Versöhnungskommission TRC ins Leben. Den Tätern wurde Amnestie in Aussicht gestellt. Das war für die Opfer eine Zumutung, aber immerhin konnten sie endlich die Wahrheit über verschleppte oder getötete Angehörige erfahren. Und zum ersten Mal fanden sie selbst Gehör für ihre traumatischen Erfahrungen. Mehr als 20.000 Fälle von Folter, Anschlägen, Entführung und Mord wurden zwischen 1996 und 98 verhandelt - unter dem Vorsitz von Tutu. "Es war, als ob man eine verschorfte Wunde öffnet, die geheilt schien. Diese Wunde zu öffnen war ein schmerzhafter Prozess - sie zu reinigen. Aber dann machte man eine Heilsalbe drauf."

Desmond und Leah Tutu (Bild vom 31.10.2019) | AP

Desmond Tutu mit seiner Frau Leah - fast 70 Jahre waren sie verheiratet. Bild: AP

Moralische Instanz im Land

Auch in den Folgejahren ist Tutu der "Quälgeist der Gerechtigkeit" geblieben - so hat er sich gerne selbst bezeichnet. Dabei schonte er auch nicht die Regierungspartei ANC, die er über Jahrzehnte unterstützt hatte. Und das auch lange nach seinem vermeintlichen Abschied in den Ruhestand, den er entspannt mit seiner Frau Leah genießen wollte. Er wollte keine Interviews mehr geben - damit sollte Schluss ein.

Fast 70 Jahre waren die Tutus verheiratet. Leah, so heißt es, schätzte den gepflegten Ehestreit und liebte es, ihren weltweit vergötterten Gatten auf den Boden zurückzuholen.

Tutu war ein ewiger Versöhner, der aus der Reihe tanzen konnte und trotzdem weder seine Autorität noch seine Integrität verlor. Nach dem Tod Nelson Mandelas war er die moralische Instanz im Land. Die Welt trauert um einen Mann, der als das "Gewissen Südafrikas" in die Geschichte eingegangen ist.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.