Ein Unicef-Mitarbeiter kontrolliert im August 2021 eine Lieferung mit Impfstoff gegen Covid-19. | AP

Corona-Impfstoff für Afrika Zu wenig, zu spät

Stand: 23.12.2021 08:53 Uhr

Nach wie vor erreicht die afrikanischen Staaten zu wenig Impfstoff. Häufig kommt er zu spät. Zudem sind viele Länder nicht auf schnelle Impfungen eingestellt. Dabei gibt es ein Vorbild für eine erfolgreiche Impfkampagne.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Es sind wohl die strengsten Corona-Regeln auf dem afrikanischen Kontinent: Kenia führt 1 G ein, obwohl ein Gericht das eigentlich untersagt hatte. Im November hatte die Regierung verkündet: Nur wer zweimal geimpft ist, darf ab Mitte Dezember in die Nationalparks, Bars und Restaurants oder die Matatus, die Kleinbusse im öffentlichen Verkehr, nutzen.

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Doch die Vorgaben scheiterten vorerst am Oberen Gericht, denn all das verstoße gegen die kenianische Verfassung. Auch Human Rights Watch (HRW) warnte, die Direktive diskriminiere. Denn für viele Kenianer war es nicht möglich, sich rechtzeitig impfen zu lassen. Bisher sind nur rund 6,5 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft, rund zehn Prozent einmal.  

Doch Mittwochabend setze die Regierung sich kurzerhand über all das hinweg, rief eine Art Gesundheitsnotstand aus. Sie führte die Vorgaben einfach ein. Barbesuche, Hochzeiten, der Einkauf im Supermarkt - ohne Impfnachweis geht nichts mehr. Auch Regierungsämter kann kein Ungeimpfter mehr betreten. 

"Wenn sie das Privileg genießen wollen, mit dem Rest der Gesellschaft zu interagieren, dann müssen sie sich impfen lassen", sagte Mercy Mwagangi vom kenianischen Gesundheitsministerium. So will die Regierung die Kenianer zum Impfen zwingen, ohne eine direkte Pflicht einzuführen. Denn von seinem Ziel, zehn Millionen Geimpfte bis zum Ende des Jahres, ist das Land noch weit entfernt.  

Unerreichte Ziele

Kam der Impfstoff bis zum Herbst langsam nach Afrika, sind es mittlerweile, gegen Jahresende, deutlich mehr Dosen. Doch es reicht noch immer nicht. Noch im Sommer hielt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) daran fest, dass bis zum Ende des Jahres 40 Prozent der Afrikaner geimpft sein sollten. Am Montag mahnte WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus die Weltgemeinschaft erneut, dass es besser wäre, sich auf Risikogruppen zu fokussieren, als, wie in einigen Ländern, bereits an das Boostern der Kinder zu denken.

"Das ist nicht richtig. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit", sagte er. "Es wäre besser, alte Menschen in anderen Ländern ein erstes Mal zu impfen." Ahmed Kalebi, medizinischer Berater und Pathologe in Kenia, wird noch deutlicher: "Die Ungerechtigkeit ist immer noch groß, und es gibt keine soziale Fairness bei der Verteilung der Impfstoffe auf der Welt. Es bleibt scharf getrennt in die Reichen und die Armen."

Was bei Covax schief lief

Das Dilemma für den afrikanischen Kontinent begann im Sommer 2020. Die Weltgemeinschaft einigte sich, die ärmeren Länder über die sogenannte Covax-Initiative von Beginn an mit Impfstoffen zu versorgen. Doch das System funktionierte nicht, erinnert sich der Sondergesandte der Afrikanischen Union für Covid 19, Strive Masiyiwa, im Interview mit dem Magazin "Politico".

Als die Afrikaner dies erkannten und dann im Herbst 2020 selbst bei den Firmen anfragten, um Impfstoff einzukaufen, sei es schon zu spät gewesen. "Zu unserer Überraschung und unserem Schock sagten die Firmen uns: 'Es tut uns leid, aber die Impfstoffe für 2021 sind bereits ausverkauft'", so Masiyiwa. Und so gelangten nur wenige Impfdosen bis Mitte des Jahres auf den Kontinent.

Ein Verzug mit Folgen

Mit schwerwiegenden Folgen, auch für die spätere Verteilung, sagt Kalebi. "Dieser Verzug bedeutete, dass die Gesundheitssysteme der ärmeren Länder keine großen Anstrengungen unternehmen konnten, um die Öffentlichkeit über die Bedeutung der Impfung aufzuklären und sie zu fördern." Denn etwas bewerben, das nicht erhältlich ist, macht keinen Sinn. "Dies hat eine Lücke geschaffen und Misstrauen gegen die Impfung gesät", erklärt der medizinische Berater.

Mittlerweile erreichen immer mehr Impfdosen den Kontinent, unter anderem viele bilaterale Spenden, Einkäufe der Afrikanischen Union und Lieferungen durch Covax. Ein Anfang, aber es reicht noch nicht, und es bleiben viele Probleme.

Nigeria vernichtet gerade beispielsweise rund eine Million Dosen gespendeten Impfstoff. Die Haltbarkeit sei zu kurz gewesen, beklagt die nigerianische Regierung. Kein Einzelfall, wenn die Dosen nicht direkt von den Firmen kommen, sondern aus den Lagern der gebenden Länder.

Vorlauf und Verlässlichkeit

Solche Spenden seien keine Hilfe für viele afrikanische Länder, sagt die WHO, gemeinsam mit Covax, der Obersten Afrikanischen Seuchenschutzbehörde (Africa CDC) und der Afrikanischen Stiftung für Impfstoffbeschaffung (AVAT): "Die Mehrheit der Spenden ist bisher ad-hoc erfolgt, ohne viel Vorlauf und mit kurzer Haltbarkeitszeit", schreiben sie in einem gemeinsamen Statement. Dies müsse sich ändern. "Die Länder brauchen vorhersehbare und verlässliche Lieferungen. Kurzfristige Planung und kurze Haltbarkeit verstärken die logistischen Herausforderungen für bereits stark belastete Gesundheitssysteme massiv."

Deshalb veröffentlichten die Organisationen nun gemeinsame Vorgaben für Geber, beispielsweise eine Haltbarkeit des Impfstoffes von noch mindestens zehn Wochen nach Ankunft im Empfängerland. Alles allerdings freiwillig.

Die Aufgaben für die Staaten

Doch auch die Regierungen vieler Länder auf dem Kontinent müssen noch mehr tun. Die Impfstoffe in Nigeria seien zwar kurz vor dem Ablaufen gewesen, kritisiert Ahmed Kalebi. Hinzu komme aber, dass das Land weder sein Verteilsystem noch seine Bevölkerung auf eine kurzfristige schnelle Impfung vorbereitet habe. "Wenn Impfstoff, der so schnell abläuft, auf den Markt geworfen wird, ohne öffentliche Information und Aufklärung, ist die Bevölkerung verständlicherweise zurückhaltend", sagt Kalebi.

Auch in Kenia lassen sich viele bisher nicht impfen. Die Regierung klärt auf, beispielsweise im Radio. Doch das reiche nicht, sagen viele Kenianer. "Wer sich nicht impfen lässt, sagt sich vielleicht: 'Ich verschwende doch nicht meine Zeit und suche nach einer Impfmöglichkeit. Ich muss doch arbeiten'", sagt Mary Anne, eine Passantin in Nairobi. Viele Menschen sind Tagelöhner. Sie können es sich nicht leisten, einen Tag nichts zu verdienen.

Gegen Corona geimpft wird meist in den großen Krankenhäusern oder in Gesundheitszentren, auch auf dem Land. Das müsste anders organisiert werden, findet die Passantin. "Wenn sie wollen, dass sich mehr Leute impfen lassen, sollen sie den Impfstoff zu ihnen bringen", erklärt Mary. "So, wie sie es mit der Polio-Impfung gemacht haben. Dort sind sie zu den Menschen nach Hause gegangen und haben die Kinder dort geimpft. Das gleiche sollten sie auch bei Covid machen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Dezember 2021 um 17:36 Uhr.