US-Soldaten am Flughafen Kabul | via REUTERS

Chaos in Kabul USA verpflichten zivile Luftfahrt zur Rettung

Stand: 22.08.2021 17:34 Uhr

Eine Woche nach der Machtübernahme durch die Taliban bleibt die Lage in Afghanistan chaotisch. Am Flughafen Kabul spielen sich dramatische Szenen ab. Die USA wollen jetzt zivile Flugzeuge zur Rettung der Menschen einsetzen.

Massenpanik, verloren gegangene Kinder und mindestens 20 Tote in einer Woche: Es sind Menschen, die dem Gedränge am Kabuler Flughafen nicht mehr standhalten konnten und in der Menschenmenge ihr Leben verloren. Die jüngste Panik brach aus, weil Menschen vor den Toren des Flughafens eingeklemmt wurden. Allein dabei kamen sieben Personen ums Leben. Viele Kinder suchen ihre Eltern und umgekehrt. Am Flughafen, so berichten es lokale Journalisten, hängen nun schon mehrere Fotos mit vermissten Kindern.

Die Lage am Airport ist weiter chaotisch. Nach Angaben des deutschen Brigadegenerals Jens Arlt habe sich bei der Zuflucht suchenden Bevölkerung zwar herumgesprochen, dass einige Tore zum Flughafen aus Sicherheitsgründen vorerst geschlossen blieben. Aber dieses kleine Anzeichen von leichter Entspannung sei nur eine Momentaufnahme. Die deutsche Botschaft warnt davor, zum Flughafen zu kommen: "Derzeit ist es grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben." Doch noch immer versuchen Tausende Afghanen, aus dem Land herauszukommen.

US-Regierung verpflichtet zivile Airlines zur Hilfe

Nach wie vor geht es den westlichen Staaten darum, möglichst schnell möglichst viele ihrer Staatsbürger und Ortskräfte auszufliegen. Die Zeit wird knapp, weshalb das US-Verteidigungsministerium nun auch die zivilen Fluggesellschaften in den USA um Unterstützung gebeten hat.

Verteidigungsminister Lloyd Austin aktivierte die erste Stufe eines Programms, bei der er 18 Flugzeuge beantragte, wie das Pentagon mitteilte. American Airlines, Atlas Air, Delta Air Lines und Omni Air sollen jeweils drei Maschinen zur Verfügung stellen. Hawaiian Airlines soll zwei, United Airlines soll vier anbieten. Mit den Maschinen würden Passagiere von Stationen außerhalb Kabuls weggebracht. Damit soll sich das US-Militär auf den Transport aus Afghanistan konzentrieren können.

Taliban sprechen von Arbeitsbeziehung mit den USA

Ein Vertreter der Taliban nannte die Bewältigung des Chaos am Kabuler Flughafen "eine komplexe Aufgabe". Nach eigenen Angaben hätten sich die Taliban demnach mit den USA auf eine Aufgabenteilung geeinigt. Demnach seinen die Posten außerhalb des Flughafens, wo sich seit Tagen Tausende Menschen drängen, unter Kontrolle der Taliban. Jene innerhalb des Geländes würden die US-Soldaten kontrollieren.

Erneut traten die Taliban Befürchtungen entgegen, dass es zu Vergeltungsaktionen gegen Vertreter der bisherigen Regierung komme. Ein Taliban-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass es in den nächsten Tagen Treffen mit Gouverneuren und Behördenmitarbeitern geben solle, um Fragen der Sicherheit und Kooperationen zu klären. "Wir zwingen keinen früheren Regierungsvertreter, uns beizutreten oder seine Loyalität zu beweisen. Sie haben das Recht, das Land zu verlassen, wenn sie das wollen", sagte der Taliban, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Rund 60 verschiedene Nationen sind in Kabul vertreten. Um die Situation am Kabuler Flughafen zu entspannen, suchen sie nun auch andere Wege, um die Menschen ausfliegen zu können. Alles in Abstimmung mit den Taliban, sagen die USA. Afghaninnen und Afghanen sollen sich jetzt an anderen Orten in der Stadt sammeln, um dann mit Hubschraubern oder gepanzerten Fahrzeugen auf das Flughafengelände zu gelangen. 

Viele Hilfsorganisationen wollen bleiben

Dennoch, nicht alle der gut 150 internationalen Unterstützer-Organisationen wollen das Land verlassen. Die meisten wollen bleiben - von den UN-Organisationen sogar alle - mit etwa 300 ausländischen Beschäftigten und etwa 3000 Ortskräften. Samantha Mort von UNICEF in Kabul sagte: "Die Taliban haben uns nun schon angefragt, ob wir bleiben wollen würden und wir wollen das. Es gibt mehr als eine halbe Millionen Binnenflüchtlinge im Land. Die Hälfte des Landes benötigt humanitäre Hilfe. Wir brauchen hier weiterhin die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft."

Geburt auf der Landebahn in Ramstein

Eine freudige Nachricht kam aus Ramstein. Eine Afghanin hat auf der Landebahn der US-Luftwaffenbasis ein Baby zur Welt gebracht. Die Frau befand sich in einer Maschine aus Nahost nach Deutschland, als ihre Wehen einsetzten, wie ein Sprecher des Stützpunktes sagte. Zudem gab es Komplikationen wegen niedrigen Blutdrucks, daher habe der Pilot die Flughöhe gesenkt, so den Luftdruck in der Maschine erhöht und damit geholfen, der werdenden Mutter das Leben zu retten. Sie gebar ihr Baby demnach am Samstagnachmittag kurz nach der Landung noch im Flugzeug, mit der Hilfe von herbeigeeilten Sanitätern. Mutter und Kind seien wohlauf, hieß es. 

Ramstein dient als Drehscheibe für Evakuierungen aus der afghanischen Hauptstadt, um den Stützpunkt in Katar zu entlasten. Bis Sonntagmittag kamen laut Sprecher 30 Maschinen auf der US-Basis in Rheinland-Pfalz an, insgesamt landeten so etwa 5000 Menschen aus Afghanistan dort. Sie werden dort von US-Soldaten, deren Angehörigen sowie Freiwilligen betreut. Am Sonntag werden laut Sprecher keine weiteren Flüge mehr mit Menschen aus Afghanistan an Bord erwartet. Allerdings flog die Bundeswehr weitere 196 Personen aus Afghanistan von Kabul nach Taschkent aus. Von dort werden Menschen dann mit anderen Maschinen nach Deutschland gebracht.

G7-Treffen zu Afghanistan am Dienstag

Am kommenden Dienstag wollen die die G7-Staaten über die brisante Lage in Afghanistan beraten. Das kündigte Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson an. Großbritannien hat derzeit den Vorsitz in der Runde der führenden westlichen Industrienationen inne. Neben Deutschland und Großbritannien gehören auch Frankreich, Italien, Kanada, Japan und die USA dazu. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, so Johnson.

Das Weiße Haus bestätigte die Teilnahme von US-Präsident Joe Biden an dem Gipfel. Die Staats- und Regierungschefs der G7 würden über die weitere Koordinierung ihrer Afghanistan-Politik und über die Evakuierung eigener Bürger sowie gefährdeter Afghanen beraten, hieß es in einer Mitteilung. Außerdem wollten die USA über Pläne für humanitäre Hilfe sprechen.

Mit Informationen von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. August 2021 um 18:00 Uhr.