Menschen drängen sich auf dem Weihnachtsmarkt (Archivbild vom 27.11.2021). | dpa

Corona-Pandemie Warum dieser Corona-Winter anders wird

Stand: 01.10.2022 08:01 Uhr

Experten erwarten im Herbst und Winter steigende Corona-Fallzahlen. Trotzdem dürfte es keine Kontaktbeschränkungen oder ähnliches geben. Denn ein entscheidender Faktor ist anders als in den vergangenen Pandemie-Jahren.

Von Veronika Simon, SWR-Wissenschaftsredaktion

Inzidenzen im Tausenderbereich - im Frühjahr und Sommer stiegen die Infektionszahlen in schwindelerregende Höhen. Doch im August war die Welle plötzlich gebrochen: Ohne neu eingeführte Kontaktbeschränkungen und ohne weitere Maßnahmen gingen die Zahlen wieder zurück. "Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen", sagt Andreas Schuppert, Professor für computerbasierte Biomedizin an der RWTH Aachen. "Alle anderen Wellen sind erst runtergegangen, nachdem Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen erlassen wurden."

Hohe Grundimmunität in der Bevölkerung 

Vermutlich hatte der Beginn der Sommerferien einen positiven Einfluss. Doch der Datenanalyst sieht in der Entwicklung auch einen Hinweis auf eine gute Grundimmunität in der Bevölkerung. Das könnte bedeuten, dass man kommende Wellen mit weniger harten Maßnahmen in den Griff bekommen könnte. "Mit etwas Glück reichen dann einfachere Maßnahmen wie das Maskentragen in Innenräumen, damit man den Herbst gut übersteht."  

Menschen, die sich mit der Omikron-Variante anstecken, werden auch seltener schwer krank. Allerdings, so die Sorge von Fachleuten, könnte eine große Krankheitswelle zu extrem vielen Ausfällen von Arbeitskräften führen. Bevor eine solche Entwicklung kritische Ausmaße annimmt, müsste die Politik doch entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Impfung stärkt das Immungedächtnis

Auch aus Sicht der Immunologin Martina Prelog von der Universität Würzburg ist das ein entscheidender Unterschied zum vergangenen Jahr: Ein großer Teil der Bevölkerung habe sich drei, zum Teil vier Mal impfen lassen. Dazu komme bei vielen eine Infektion mit einer Omikron-Variante im Frühjahr und Sommer. Das bedeutet: Das Immunsystem vieler Menschen kennt das Virus bereits - sie haben ein geringeres Risiko, schwer zu erkranken. 

Allerdings nehme die Schutzwirkung der Impfung oder überstandenen Infektion mit der Zeit ab, so Prelog. Vor allem die Antikörper auf den Schleimhäuten, etwa in der Nase, gingen zurück. Daher könne man sich auch nach mehrmaliger Impfung nach einigen Monaten wieder anstecken. Jedoch werde durch die Impfung das langfristige Immungedächtnis gestärkt, sodass die meisten mehrfach geimpften Menschen nicht mehr schwer erkrankten. 

Auch regelmäßige Impfung schützt nicht vor Ansteckung 

Auch für Christian Bogdan, Professor für Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene an der Universität Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), ist klar: Durch die ersten drei Impfungen erhalte man einen guten Schutz vor schweren Covid-Erkrankungen.

Aber: Mit den aktuell verfügbaren Impfungen könne man sich nicht vor harmlosen Covid-Verläufen schützen: "Das ist dann vergleichbar mit dem, was wir alle jeden Winter durchmachen. Das sind dann harmlose Infektionskrankheiten", sagte er im tagesschau24-Interview. Selbst wenn man sich alle sechs Monate impfen lassen würde, könne man diese leichteren Infektionen nicht dauerhaft verhindern.

Dies gelte jedoch vor allem für junge Menschen mit einem gesunden Immunsystem. Ältere oder Immungeschwächte haben laut Prelog und Bogdan weiterhin ein höheres Risiko, schwer zu erkranken. Deshalb empfiehlt die STIKO für sie eine Impf-Auffrischung mit den an Omikron angepassten Impfstoffen. 

Inzidenz verliert an Bedeutung 

Die optimistischere Sicht auf den Winter ist jedoch nur gültig, solange zukünftige Varianten des Virus weiterhin vom Immunsystem erkannt werden. Die Evolution des Virus vorhersagen zu wollen, ist aber laut Richard Neher, Experte für Virusevolution an der Universität Basel, nicht zielführend. "Das ist ein Blick in die Kristallkugel." 

Neben den Impfungen wird es aber auch wichtig sein, das Pandemiegeschehen genau zu beobachten. Dafür muss man laut dem Professor für computerbasierte Biomedizin, Andreas Schuppert, auf mehrere Faktoren gleichzeitig achten. Die Inzidenz, also wie viele Infektionen auf 100.000 Einwohner gemeldet werden, spiele dabei immer noch eine relevante Rolle - auch wenn der Anteil der unentdeckten Infektionen hoch sein dürfte.

"Bei den Inzidenzen wissen wir aber, wo die Fälle genau herkommen und welche Altersgruppen betroffen sind. Man kann mit ihr Tendenzen erkennen und das ist wichtig, um zum Beispiel Folgen für das Gesundheitssystem abzusehen." Der Absolutwert - also ob die aktuelle Inzidenz bei 200, 300 oder 500 liegt - habe aber kaum noch Aussagekraft. 

In Deutschland herrscht immer noch Datenmangel 

Doch die Inzidenzen alleine reichen nicht, um einen Überblick über das aktuelle Geschehen zu bekommen, so Schuppert: "Ein weiterer Wert sind sicher die Hospitalisierung, also wie viele Menschen mit Covid im Krankenhaus aufgenommen werden, und die Belastung der Intensivstationen sowie die Sterblichkeit der Covid-Patienten." 

Bei der Lage auf den Intensivstationen habe man zwar heute eine deutlich bessere Übersicht als noch vor einem Jahr. Doch insgesamt ist Schuppert unzufrieden mit der Erfassung von Pandemie-Parametern in Deutschland: "Es ist schon verblüffend. Wir kennen das Problem seit über zwei Jahren, aber passiert ist nichts."

Experten fordern Abwasseruntersuchungen

Für einen guten Überblick über das Pandemiegeschehen bräuchte man beispielsweise flächendeckende Abwasseruntersuchungen, um nach ausgeschiedenen Viren zu suchen, sowie groß angelegte Kohorten-Studien, so Schuppert. "Wir haben auch keine aktuellen Daten, wie viele Menschen aktuell mit milderen Verläufen krankgeschrieben werden. Die gibt es immer nur im Nachhinein von den Krankenkassen."

Diese Informationen wären aber wichtig, um die aktuelle Lage gut beurteilen zu können - besonders, wenn ein großer Teil der Bevölkerung so gut geschützt ist, dass die Wahrscheinlichkeit schwer zu erkranken, gering ist.

Denn eine der größten Herausforderungen, da sind sich Experten und Krankenhausvertreter einig, werden in diesem Corona-Winter die Corona-bedingten Ausfälle von Arbeitskräften sein. "In der Erfassung an dieser Stelle sind wir blank", so der Datenanalyst Schuppert. 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. September 2022 um 14:46 Uhr.