Erntereifer Weizen steht auf einem Feld | dpa

UN-Prognose zu Getreideernte Warum Weizen wieder billiger wird

Stand: 23.06.2022 13:24 Uhr

Die russische Invasion der Ukraine hat weltweit Ängste vor Weizen-Engpässen geschürt. Doch mittlerweile hat sich die Lage am Weizenmarkt deutlich entspannt. Die Preise fallen wieder. Woran liegt das?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Bis vor kurzem waren Meldungen zum Weizen-Markt noch überwiegend von Angst und teils sogar Panik geprägt. Immerhin war zu befürchten, dass die Ukraine als Folge des russischen Überfalls als Weizen-Exporteur für den Weltmarkt ganz oder zumindest größtenteils ausfällt.

"Die Ukraine wird für eine lange Zeit vom Markt verschwinden", warnte erst vor einer Woche der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solskji. Die russische Invasion werde für mindestens drei Ernten zu einem weltweiten Weizenmangel führen. Der Weizenpreis könne sich bis Juli/August fast verdoppeln.

Weizenpreis im Rückwärtsgang

Begründete Sorge oder Alarmismus? Ein Blick auf den Weizenmarkt zeichnet derzeit jedenfalls ein etwas anderes Bild, als es die Äußerungen aus der Ukraine vermuten lassen. Der Weizenpreis war in den vergangenen Wochen rückläufig, zuletzt beschleunigte sich der Preisrückgang sogar deutlich. Der US-Weizenpreis rutschte in dieser Woche wieder unter die Marke von 1000 US-Cent je Scheffel. Heute werden rund 960 Cent je Scheffel gezahlt - so wenig wie seit Anfang März nicht mehr.

Schwindende Angebotssorgen drücken die Preise. So ist aus Frankreich zu hören, dass die Hitzewelle der vergangenen Tage keine größeren Ernteausfälle verursacht haben dürfte. "Der französische Agrarminister geht von keinem dramatischen Rückgang der Erträge aus. Zuvor war befürchtet worden, dass die Hitze bei den noch nicht vollständig entwickelten Weizenpflanzen zu Beeinträchtigungen führen könnte", erklärt Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch.

Russland und EU könnten Ukraine-Ausfälle kompensieren

Auch die beginnende Weizenernte in den USA und Europa mindert den Preisdruck. "Dadurch rückt der Ausfall der ukrainischen Weizenlieferungen zumindest vorübergehend in den Hintergrund", so Fritsch.

Dabei zeigt auch ein Blick auf die Statistik, dass die Ukraine zwar ohne Frage ein wichtiger Weizen-Exporteur ist, weltweit aber "nur" auf Rang sieben rangiert. Zudem dürfte mit Blick auf das Erntejahr 2022/2023 die Minderung der ukrainischen Exportmengen um knapp 50 Prozent respektive rund neun Millionen Tonnen im Jahresvergleich von anderen Ländern (über-)kompensiert werden.

Rudert Indien beim Weizen-Exportstopp zurück?

So dürfte Russland als wichtigster Weizen-Exporteur seine Exportmenge um sechs Millionen Tonnen nach oben schrauben, der aktuelle Ausblick deutet auf eine Rekordernte hin. Auch die Ausfuhren der EU dürften um fünf Millionen Tonnen steigen.

Zudem hatte der indische Agrarminister jüngst angekündigt, das Land könne seine Weizen-Exporte nach Indonesien je nach Verfügbarkeit wieder aufnehmen. Erst im Mai hatte Indien - von dem viele hofften, es könne die Ukraine-Delle am Weizen-Markt ausgleichen - seine Weizen-Ausfuhren mit sofortiger Wirkung gestoppt und damit zum Rekordhoch beim Weizenpreis beigetragen. Die teilweise Rücknahme dieser weitreichenden Entscheidung mildert somit maßgeblich die Angebotssorgen an den Märkten.

Vereinte Nationen geben Entwarnung

Auch von Seiten der UN-Agrarorganisation FAO kommt nun Entwarnung: Trotz des Ukraine-Kriegs und der gestiegenen Düngerpreise dürfte die Weltgetreideernte in diesem Jahr demnach nur unwesentlich geringer ausfallen als 2021. Bislang rechnen die Vereinten Nationen mit 2,785 Milliarden Tonnen Weizen, Mais und Reis.

Das wären rund 23 Millionen Tonnen weniger als im vorangegangenen Wirtschaftsjahr, sagte heute FAO-Ökonom Josef Schmidhuber. "Das ist ein sehr geringer Unterschied, und im Augenblick wirklich nur eine grobe Schätzung."

Die Uhr tickt für ukrainische Getreide-Exporte

Sogar mit Blick auf die ukrainischen Getreideexporte gab es zuletzt Entspannungssignale. Womöglich schon in der kommenden Woche könnte UN-Generalsekretär António Guterres in der Türkei direkt mit Russen und Ukrainern verhandeln, um einen Deal ins Trockene zu bringen und eine Ausfuhr von Getreide aus der Ukraine über gesicherte Korridore im Schwarzen Meer zu ermöglichen.

Man muss keine Glaskugel haben, um vorherzusagen, dass der Weizenpreis im Falle einer Einigung nochmals deutlich nachgeben dürfte. Diplomaten in New York warnen allerdings vor zu viel Optimismus. Zumal die Zeit drängt: Die Speicherkapazitäten in der Ukraine sind knapp, die neue Ernte steht an. Ein Deal müsste daher idealerweise noch im Juni stehen.