Streikende Kellogg's-Mitarbeiter in den USA halten Plakate in den Händen | REUTERS

Jobmarkt in den USA Die neue Macht der Arbeitnehmer

Stand: 30.12.2021 07:49 Uhr

Die Pandemie hat den US-Arbeitsmarkt komplett verändert: Viele sind nicht länger bereit, niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Die Folge: eine Streik- und Kündigungswelle.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Im November vor dem Kellogg's-Werk in Lancaster, Pennsylvania: Ein Autofahrer hupt solidarisch. Dave Elliott winkt und rückt das Streik-Schild zurecht, das er sich vor die Brust geschnallt hat: "Wir kämpfen für die Zukunft" steht darauf. Der 58-Jährige und seine 1400 Kollegen in vier Werken streiken schon seit Anfang Oktober.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Es geht um Grundsätzliches: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit statt einer Zweiklassengesellschaft. "Es ist nicht fair, es ist unmoralisch, es ist einfach nicht richtig", sagt Dave. Was er meint: Kellogg's-Arbeitnehmer, die erst seit 2015 bei dem Traditionsunternehmen arbeiten, verdienen weniger und haben schlechtere Sozialleistungen.

"Striketober" im Herbst

Kellogg's zählt zu den mehr als 170 Unternehmen in den USA, die 2021 bestreikt wurden. Dokumentiert werden die Ausstände seit diesem Jahr im Streikzähler der Cornell-Universität. Ian Greer ist dort Arbeitsmarktforscher. "Die Arbeitslosenzahlen sind niedrig. Und das heißt, dass es schwerer für Arbeitgeber ist, die Streikenden zu ersetzen", sagt er im Video-Interview. "Deshalb haben die Arbeiter gerade etwas mehr strukturelle Macht als sonst."

Die Streikwelle im Herbst, "Striketober" getauft, ist nur eines der Phänomene der Pandemie-Arbeitswelt. "The Great Resignation", die große Kündigungswelle, ist das andere Phänomen dieser Zeit: Vier Millionen Arbeitnehmer haben sich aus dem Jobmarkt verabschiedet - viele, weil sie nicht mehr konnten. Rachel Ellsworth beispielsweise: Die Krankenschwester aus Florida gab ihren Beruf nach zwölf Jahren komplett auf, so wie fast eine halbe Million Pflegekräfte während der Pandemie. Ihr Tank sei einfach komplett leer gewesen, erzählt sie in einer US-Talkshow. All ihre Energie hätte sie im Job gelassen und nichts mehr für ihre drei Kinder übrig gehabt. Obwohl die sie in dieser Zeit doch eigentlich noch mehr gebraucht hätten.

Viele machen sich selbstständig

Rachel lebt jetzt mit ihrer Familie auf dem Land in Kentucky. Viele ehemalige Arbeitnehmer haben dagegen die Chance genutzt und sich selbstständig gemacht. Nick Fullmer aus Alabama verlor seinen Job als Hausmeister schon zu Beginn der Pandemie und gründete eine Teppichreinigungsfirma. Ihm sei einfach klar gewesen: "Wenn ich einen Job will, muss ich ihn mir selber schaffen", erzählt er im Sender CBS.

Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte liegt bei nur noch knapp 62 Prozent der Bevölkerung. Der Anteil ist so niedrig wie zuletzt in den 1970er-Jahren. Für viele Unternehmen ist das ein großes Problem. Sie finden einfach keine Leute.

Firmen suchen händeringend Personal

Bei einer Job-Messe im Herbst in New Jersey haben auch Todd Friedman und Keith Wood einen Stand für ihr Umzugsunternehmen aufgebaut. Sie brauchen alles: "Fahrer, Träger, Helfer - einfach Leute für harte Arbeit", sagt Todd. Und Keith ergänzt: "Wir mussten schon Aufträge ablehnen. Wir sind auf Haushaltsumzüge spezialisiert. Jetzt, mit diesem Arbeitskräftemangel, ist es echt schwer."

Die vielen unbesetzten Stellen verstärken das andere Problem der US-Wirtschaft: die hohe Inflation. "Einfach nur mehr bezahlen wird nicht reichen", sagt John Evans, Chef der Arbeitsvermittler-Plattform recruiter.com bei Yahoo Finance. Denn laut Umfragen sei vielen Arbeitnehmern viel wichtiger, von zu Hause aus arbeiten zu können. Oder eine bessere Work-Life-Balance zu erreichen.

Bei Kellogg's ließen die 1400 Mitarbeiter mit Erfolg ihre Muskeln spielen. Kurz vor Weihnachten beendeten sie einen der längsten Streiks des Jahres: mit mehr Geld und besseren Leistungen. Denn schließlich, sagte der lokale Gewerkschaftschef Kerry Williams kurz vor der Einigung: "Es gibt viele andere Jobs da draußen, die sie bekommen können."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2021 um 13:35 Uhr.