Eine Frau kauft auf einem Straßenmarkt ein | picture alliance/dpa/AP

Notenbank senkt Leitzins Türkische Lira fällt und fällt

Stand: 18.11.2021 16:09 Uhr

Trotz hoher Inflation hat die türkische Notenbank den Leitzins erneut abgesenkt, von 16 auf 15 Prozent. Die Landeswährung Lira ist darauf hin weiter im freien Fall.

Die türkische Notenbank hat den Leitzins um einen weiteren Prozentpunkt abgesenkt. Statt wie bisher bei 16 liegt er nun bei 15 Prozent. Dieser Schritt hatte sich bereits abgezeichnet, nachdem Präsident Recep Tayyip Erdogan tags zuvor angekündigt hatte, "bis zuletzt" gegen die seiner Ansicht nach zu hohen Zinsen zu kämpfen. Erst im Oktober hatten die türkischen Währungshüter den Schlüsselsatz um zwei Prozentpunkte nach unten gesetzt, nachdem sie auch schon im September die Zinsen gesenkt hatte. Damit war es heute die dritte Leitzinssenkung in weniger als zwei Monaten - und das bei einer Inflationsrate von zuletzt 20 Prozent.

"Verrückter Schritt"

Damit liegt der Leitzins in der Türkei noch deutlicher unter der Inflationsrate. Nach Bekanntgabe der Entscheidung, den Zinssatz auf 15 Prozent zu senken, rutschte die Lira erneut ab - zwischenzeitlich um mehr als drei Prozent. Damit ist die Lira auf ein Rekordtief gegenüber dem Dollar gerutscht: Erstmals bekommt man für einen US-Dollar elf türkische Lira.

Beobachter wie der Analyst Tim Ash vom Vermögensverwalter BlueBay Asset Management finden drastische Worte: "Das ist ein buchstäblich verrückter Schritt, der die Lira in Gefahr bringt." Bei stark steigenden Preisen halten die meisten Experten höhere Zinsen für ein geeignetes Gegenmittel, denn dadurch verteuern sich Kredite. Das wiederum kann die Nachfrage dämpfen und so die Inflation bremsen.

Erdogan ist erklärter Zins-Gegner

Entgegen der gängigen Lehre ist Erdogan jedoch der Meinung, dass hohe Zinsen Inflation verursachen würden, statt sie zu bekämpfen. Erdogan hat die letzten drei Notenbank-Gouverneure aufgrund von Differenzen hinsichtlich der Geldpolitik vor die Tür gesetzt. Die aktuelle Notenbank-Spitze folgt mit ihrer Politik offenbar der Linie des türkischen Präsidenten. Gestern erst hatte Erdogan Zinsen vor seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP als "Plage" bezeichnet. Er möchte über niedrige Zinsen Kredite und Investitionen ankurbeln.

Unternehmen und Verbraucher mit Problemen

Auch wegen der Zinssenkungen hat die türkische Lira in diesem Jahr zum Dollar um fast ein Drittel abgewertet. Das wiederum dürfte vielen Unternehmen erschweren, ihre in Devisen aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. "Die Währungsschwäche lässt die Fremdwährungsverbindlichkeiten umgerechnet in türkische Lira in die Höhe klettern", sagte Ökonom Thomas Gitzel von der VP-Bank. Damit könne zukünftig die Bedienung der Schuld schwierig werden.

Die türkischen Notenbanker sehen die hohe Inflation als vorübergehend an. Sie streben eigentlich nach einer Teuerungsrate von fünf Prozent. Unter der rasenden Preissteigerung von 20 Prozent leiden viele Menschen in der Türkei, die sich zum Teil nur noch das Allernötigste zum Leben leisten können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. November 2021 um 23:00 Uhr.