Schriftzug der türkischen Zentralbank an deren Hauptgebäude in Ankara | REUTERS

Lira auf Rekordtief Türkische Notenbank senkt Leitzins stark

Stand: 21.10.2021 14:10 Uhr

Die türkische Notenbank hat ihren Leitzins überraschend deutlich gesenkt. Der Schritt sorgt für Turbulenzen am Devisenmarkt: Die türkische Lira sackt auf neue Rekordtiefs gegenüber dem Dollar und dem Euro.    

Wie von fast allen Fachleuten erwartet, hat die türkische Notenbank den Leitzins trotz hoher Inflationsraten deutlich gesenkt. Allerdings geriet der Zinsschritt noch drastischer als erwartet: Der Leitzins werde um 2,0 Prozentpunkte auf 16,0 Prozent reduziert, teilten die Zentralbanker mit. Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einer Senkung auf 17,0 Prozent gerechnet.

Jedermann wisse, dass die Notenbank den Leitzins nicht weiter senken sollte, sondern anheben, meint Piotr Matys, Devisenexperte bei InTouch Capital gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. In späteren Jahren würden Ökonomie-Studenten am Beispiel der türkischen Notenbank lernen, wie wichtig eine glaubwürdige unabhängige Zentralbank für die Geldpolitik eines Landes sei, so Matys.

Der Marktanalyst sprielt damit auf den unter Ökonomen herrschenden Konsens an, wonach eine Notenbank den Leitzins bei einer hohen Inflation nach den Regeln der Lehre zu erhöhen habe. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mischt sich bereits seit längerem in die türkische Geldpolitik ein, ist ein erklärter Gegner dieser These und bezeichnet sich selbst als "Zinsfeind". Er vertritt die Ansicht das die Senkung des Leitzinses auch die Inflation zu reduzieren helfe.

Erdogan sucht passendes Personal

Die Unabhängigkeit der Notenbank, der Fachleute großes Gewicht beimessen, scheint dabei für Erdogan nur eine geringe Rolle zu spielen. Sein Handeln erweckt an den Finanzmärkten den Eindruck, als sei er auf der Suche nach dem passenden Personal, das seine Ideen umsetzt.

Binnen zweieinhalb Jahren hatte er bereits drei Notenbankchefs ausgetauscht. Mitte März hatte Erdogan überraschend Notenbankchef Naci Agbal entlassen und durch den aktuellen Chef Sahap Kavcioglu ersetzt, der ein erklärter Gegner einer straffen Geldpolitik ist.

In der vergangenen Woche entließ der Präsident ferner die beiden stellvertretenden Zentralbankchefs Semih Tumen und Ugur Namik Kücük sowie mit Abdullah Yavas das erfahrenste Mitglied des geldpolitischen Ausschusses. Kücük und Yavas hatten Erdogan zuletzt verärgert, weil sie sich gegen die im vergangenen Monat beschlossene Zinssenkung gestemmt hatten.

Ökonom Arda Tunca vom Finanzdienstleister Eko Faktoring kommentierte, die Personalrochade deute "stark darauf hin, dass die Zentralbank nicht mehr in der Lage ist, die Geldpolitik der Türkei zu steuern".

Schwache Lira verschärft Inflation    

Die Türkei kämpft derzeit mit einer starken Abwertung der türkischen Lira, die Inflationsrate des Monats September liegt bei 19,6 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. "Die Notenbank-Politik, die Zinsen trotz steigender Inflation und fallender Wechselkurse zu senken, wird diese beiden Probleme voraussichtlich verschärfen", warnten die Analysten des Research-Hauses Stratfor. Die Einschätzung ist zutreffend: Nach der Veröffentlichung des Zinsschritts sackte die Lira zum Dollar und zum Euro auf neue Rekord-Tiefstände      

Die Abwertung der Lira birgt ein Inflationsrisiko, da die Türkei auf Importe angewiesen ist - die Inflation wird sozusagen importiert. Vor allem Rohstoffe werden meist in Dollar bezahlt, aber auch für andere importierte Waren sind Devisen erforderlich. Eine Erhöhung des Leitzinses hätte den Kurs der Währung hingegen stützen können, die dann für Anleger attraktiver würde.

Dem Institute of International Finance (IIF) zufolge versiegte der Zufluss ausländischen Kapitals im September, als die Notenbank überraschend den Leitzins gesenkt hatte. Seither hätten Investoren in großem Stil Geld abgezogen, sagte IIF-Volkswirt Jonathan Fortun.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 21. Oktober 2021 um 06:41 Uhr und 10:40 Uhr.