Türkische Lira und US-Dollar | dpa

Türkische Währung Immer neue Ideen gegen den Lira-Verfall

Stand: 05.07.2022 09:00 Uhr

Seit Monaten kämpft die türkische Regierung gegen die hohe Inflation und einen Wertverfall der Landeswährung Lira. Statt aber Zinsen zu erhöhen, setzt sie auf andere Schritte. Diesmal betroffen: die Kreditvergabe an Firmen.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Der Finanzminister der Türkei, Nureddin Nebati, gibt sich überzeugt: Die Türkei werde bald nicht mehr unter der hohen Inflation leiden, sagte er vor kurzem im Parlament: "Wir haben die notwendige Erfahrung und Ausrüstung, um die Inflation zu bekämpfen", so Nebati. "Wir setzen unseren Kampf entschlossen fort und werden die Inflation in kurzer Zeit senken. Dabei setzen wir uns maximal dafür ein, dass unsere Bürgerinnen und Bürger weniger von Preiserhöhungen betroffen sind."

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Nur nicht den Leitzins anheben

"Maximal" ist aber erstmal nur die Inflation. Im Juni stieg sie im Jahresvergleich auf den höchsten Wert seit 24 Jahren: fast 80 Prozent. Immerhin dreht die Regierung an allen Stellschrauben, die ihr in den Sinn kommen, um die türkische Lira zu stärken - außer am Leitzins.

Erst kommt die sogenannte "Lirarisierung": Wer Devisen in Lira eintauscht, bekommt eine Garantie, dass sein Geld nicht an Wert verliert. Es zahlt der Staat. Dann werden Firmen gezwungen, einen Teil ihrer Devisenerlöse aus dem Export in Lira zu tauschen. Der neueste Coup ist es, die Vergabe von Krediten an Firmen zu regulieren: Verfügen sie noch über eine bestimmte Menge an Devisen, zum Beispiel US-Dollar, bekommen sie keinen Kredit - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Daraufhin haben viele Firmen Devisen abgestoßen.

"Zaubertricks" nennt das der Wirtschaftsexperte und Kolumnist Baris Soydan in seinem YouTube-Kanal. "Bei den öffentlichen Banken sollen nach dieser Entscheidung in wenigen Tagen eine Milliarde Dollar umgesetzt worden sein. Deswegen ist der Dollarkurs etwas zurückgegangen", erläutert er. "Das haben andere genutzt, um Dollar zu kaufen. Am Ende hielt sich das in etwa die Waage, sodass die Wirkung letztlich verpufft ist."

Kritik an "hilflosen" Versuchen

Im Grunde genommen seien all diese Versuche, den Kurs der Lira zu stützen, hilflos, sagt Gizem Öztok Altinsac. "Die Türkei kann ihr Devisendefizit nicht decken. Deshalb hören wir immer wieder von neuen Regelungen, um Devisen zu beschaffen", erklärt die Chefökonomin des Unternehmerverbandes TÜSIAD. "Das meiste davon zielt darauf, Fremdwährungen von innen her zu bekommen - und die Nachfrage nach Fremdwährungen zu verhindern. Weil wir kein frisches Geld von außen bekommen."

Frisches Geld von außen wären zum Beispiel Investitionen ausländischer Firmen. Doch die tun sich schwer, in so einem Umfeld zu investieren, erklärt Thilo Pahl von der deutsch-türkischen Handelskammer in Istanbul. "Die Lira wird langfristig weiter unter Druck bleiben, und die ständigen Veränderungen des Wertes der türkischen Lira wird weiterhin eine große Herausforderung für die deutschen Unternehmen hier vor Ort bleiben." Kurzfristig könnten deutsche Firmen allerdings profitieren, meint Pahl. Nämlich dann, wenn türkische Unternehmen wegen der neuen Maßnahmen ihre Devisenreserven auflösen und etwa nötige Vorprodukte auf Vorrat einkaufen.

Devisenreserven im Sparstrumpf

Nach Einschätzung von Wirtschaftsexperte Soydan kann die ganze Entwicklung aber aus einem anderen Grund ebenso gut zu noch mehr Unruhe führen: "Diese jüngsten Maßnahmen betreffen vor allem Unternehmen und Banken." Erst Banken, dann Unternehmen: Da fragten sich manche, wann auch Privatpersonen an der Reihe sind und womöglich gezwungen werden, ihre Euro oder Dollar in Türkische Lira zu tauschen.

Schon jetzt vertrauen einige ihre Devisen nicht mehr den Banken an - und stopfen das Geld buchstäblich lieber zu Hause unters Kopfkissen. Hauptsache, der Staat kommt nicht ran. Denn wenn die Fachleute, Marktbeobachter und Analysten Recht haben, ist auch die neueste Maßnahme, die Vergabe von Krediten an Unternehmen zu regulieren, nur ein Strohfeuer. Und weitere Devisenreserven liegen tatsächlich bei den Privatleuten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juli 2022 um 13:00 Uhr.