Daniel Tamara | ARD Madrid

Arbeitslosigkeit auf den Kanaren "In einer Spirale gefangen"

Stand: 11.02.2021 11:18 Uhr

Die Corona-Krise trifft die vom Tourismus abhängigen Kanaren hart. Mit 57 Prozent hat die Jugendarbeitslosigkeit den höchsten Wert Spaniens erreicht. Doch schon vorher waren viele Arbeitsverhältnisse prekär.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Eigentlich hat er schon Feierabend. Aber Joshua trägt seine schwarze Uniform immer noch. Der 25-Jährige aus Las Palmas auf Gran Canaria ist einfach stolz, wieder einen Job gefunden zu haben. Er arbeitet jetzt für eine private Sicherheitsfirma, zunächst sechs Monate. Damit endet für Joshua eine zweijährige Suche nach Arbeit auf der Insel.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Es sei eine harte Zeit gewesen, erzählt er. "Ich wohne bei meinen Eltern. Und das war in den letzten Monaten echt kompliziert. Ich war von ihnen abhängig, weil ich einfach keinen Job fand. Ich war verzweifelt, hatte die Hoffnung verloren. Ich wusste einfach nicht, was ich noch tun sollte." 

Joshua hatte eine Bewerbung nach der anderen rausgeschickt. Immer kamen Absagen. Damals in der Schule sei er auch nicht der Fleißigste gewesen, gibt er zu. Nach seinem Abschluss ging es für ihn direkt auf den Arbeitsmarkt - ohne Ausbildung.

"Mit 19 fand ich meinen ersten Job als Bademeister in einem Hotel. Das lief aber nicht lange und ich war wieder arbeitslos," erinnert er sich. "Später war ich bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt, mal für einen Monat, mal für ein paar mehr. Ich hatte nie einen Vertrag für länger als ein Jahr."

Joshua Perez Sanchez | ARD Madrid

Joshua Perez Sanchez wohnt bei seinen Eltern. Er war von ihnen abhängig, weil er keinen Job fand. Bild: ARD Madrid

Tourismus wurde zur Monokultur

Der 25-Jährige ist damit so etwas wie der Prototyp des jungen Erwachsenen auf den Kanarischen Inseln. Tausende haben bisher das schnelle Geld im Tourismus verdient. Als Beschäftigte in Hotels, Freizeitparks oder Restaurants. Doch wegen der Pandemie gibt es in diesem Bereich kaum mehr etwas zu tun. Im vergangenen Jahr kamen rund acht Millionen Urlauber weniger auf die Kanaren als noch 2019, ein Minus von 71 Prozent. Der Tourismus macht direkt und indirekt etwa Dreiviertel der Wirtschaftsleistung aus.

Das Geschäft mit Urlaubern habe sich zur Monokultur der Inselgruppe entwickelt, meint Antonio Santana. Er ist Sozialarbeiter auf Gran Canaria und hilft jungen Leuten bei der Jobsuche. Der 53-Jährige stammt selbst von der Insel und erinnert sich gut, wie der komplette Süden nur aus Dünenlandschaften bestand. Ab den 70er-Jahren wurden dort Touristen-Städte aus dem Boden gestampft. Andere Wirtschaftszweige, wie die Landwirtschaft, seien vernachlässigt worden, sagt Antonio.

"Viele junge Leute auf Gran Canaria, Teneriffa, Fuerteventura und Lanzarote haben in den Boom-Jahren die Schule abgebrochen, mit 17 oder 18 Jahren, weil sie auf den Baustellen 2.000 oder 3.000 Euro verdienen konnten", sagt der Sozialarbeiter. "Das war ihnen mehr wert als eine Ausbildung." Und so sei es in den vergangenen Jahren weitergegangen: Die Kinder dieser Profiteure des ersten Massentourismus hätten mit dem Urlaubergeschäft ebenfalls bestens verdient. Und sie sind es nun, die auf der Straße stehen.

92 Prozent ohne Ausbildung

Auf dem Schreibtisch von Dunnia Rodriguez Viera stapeln sich die Akten der jungen Jobsuchenden aus der Tourismusbranche. Die Direktorin der Arbeitsagentur von Las Palmas nennt die aktuellen Zahlen dramatisch. Mehr als jeder zweite Unter-25-Jährige auf der Inselgruppe ist zurzeit als arbeitssuchend gemeldet.

"Das Hauptproblem ist die fehlende Ausbildung der Menschen", sagt Rodriguez Viera. "Etwa 92 Prozent der jungen Arbeitslosen haben lediglich die Schule beendet und sich danach nicht weitergebildet. Sie haben einfach nicht den Background, der in vielen Berufen gefordert ist."

Die Arbeitsagentur bietet schlecht ausgebildeten jungen Menschen Kurse und Umschulungen an, um in anderen Branchen Fuß zu fassen. Die Direktorin hält auf den Kanaren zum Beispiel Berufe für zukunftsweisend, die mit erneuerbaren Energien und Digitalisierung zu tun haben.

Dunnia Rodriguez Viera | ARD Madrid

"Das Hauptproblem ist die fehlende Ausbildung der Menschen", sagt Dunnia Rodriguez Viera, Direktorin der Arbeitsagentur von Las Palmas. Bild: ARD Madrid

Schlechte Arbeitsverträge schon vor der Pandemie

Was für alle Beschäftigten in der Altersgruppe unter 30 gilt: Wenn sie einen Job finden, müssen sie sich oft mit vergleichsweise schlechten Arbeitsverträgen zufriedengeben. Das sei nicht erst seit der Pandemie so, sagt Koldobi Velasco, Professorin für soziale Arbeit an der Universität von Las Palmas. Seit der Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren hätten sich die Kanaren zu einem Paradies der prekären Arbeitsverhältnisse entwickelt.

Velasco forscht seit langem zu dem Thema. Sie erklärt ihre Erkenntnisse im Sender Onda Cero so: "Wir haben die Jahre 2009 bis 2017 untersucht. Und kommen zu dem Ergebnis, dass auf den Kanaren spanienweit die meiste soziale Ungleichheit herrscht. Außerdem haben wir eine der höchsten Quoten an Menschen in Armut. Die Gehälter sind vergleichsweise niedrig, die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Neben der Region Murcia gibt es bei uns auch die größten Probleme beim Thema Wohnraum."

"Sei froh, dass Du Arbeit hast!'"

All das kommt Daniel bekannt vor. Der 27-Jährige ist ausgebildeter Bild- und Tontechniker, hat mehrere Praktika und Weiterbildungskurse gemacht. Dennoch hangelt er sich von einem prekären Arbeitsverhältnis zum nächsten. Einen Tiefpunkt hat er bei einer Marketingagentur auf Gran Canaria erlebt, erzählt Daniel. Dort hatte er als Kameramann angefangen.

"Die Firma hat mir weder einen Arbeitsvertrag gegeben, noch einigermaßen planbare Arbeitszeiten garantiert", sagt Daniel. "Der Chef rief immer spontan an und sagte: 'Dani, du musst jetzt zu diesem oder jenen Ort fahren und ein Event filmen.' So lief das anderthalb Monate. Dann sagte ich: 'Leute, so geht das nicht. Ich will ein Gehalt, mit dem ich planen kann - ebenso einigermaßen feste Arbeitszeiten.' Der Chef wurde laut und meinte: 'Du bist ein Rotzlöffel, führst Dich auf wie ein Beamter!' Nach dem Motto: 'Was beschwerst Du Dich? Sei froh, dass Du Arbeit hast!'"

Seine Generation werde schlecht behandelt, sagt Daniel, von den Firmen ausgebeutet. Und sie könnten sich das erlauben, weil einfach so viele junge Menschen Arbeit suchen. Da finde sich immer jemand, der trotz mieser Konditionen einen Job macht. Die prekären Arbeitsverhältnisse führen nach Daniels Ansicht zu einem weiteren Problem.

"Junge Menschen auf den Kanaren kommen in ihrem Leben nicht vorwärts", sagt Daniel. "Banken sehen einen nicht als kreditwürdig an. Du kannst Dir nichts leisten, kein Auto kaufen, im Leben weiterkommen. Junge Leute sind in einer Spirale gefangen; sie bekommen nur Jobs für wenige Monate mit schlechter Bezahlung. So entwickelst Du Dich als Mensch nicht weiter.“

Vor ein paar Wochen hat Daniel einen Job gefunden. Eine Vertretungsstelle als Techniker beim staatlichen spanischen Fernsehen auf Gran Canaria. Wie lange er dort bleiben kann, steht noch nicht fest. Immerhin stimmen die Arbeitsbedingungen, sagt der 27-Jährige.

Lage dürfte schwierig bleiben

Bis die Wirtschaft auf der Inselgruppe wieder auf die Beine kommt, wird es wohl dauern. Sozialarbeiter Antonio Santana befürchtet, dass selbst nach dem Ende der Pandemie, nach einem Neustart des Tourismus, die Lage für junge Arbeitnehmer schwierig bleibt. "Die Kanaren sind ein kleines Gebiet mit begrenzten Möglichkeiten. Verglichen mit unserer Größe leben extrem viele Menschen hier", sagt Santana. "Die Bevölkerung ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Ich habe Zweifel, dass die Inseln in der Lage sein werden, genügend Arbeitsplätze für alle zu bieten. Denn die einzige große Industrie, die wir haben, ist der Tourismus."

Für Daniel ist klar: Die Hoffnung auf bessere Zeiten sollte niemand aufgeben. Vielleicht, scherzt er, müssen junge Leute einfach auf ganz spezielle Stellen abzielen. "Es scheint so, als gebe es nur eine Möglichkeit auf einen sicheren, stabilen Job für einen jungen Menschen hier. Der Schauspieler Antonio Banderas sagte in einem Interview einmal: 'Werdet Beamte!' Das ist zwar eine ziemlich traurige Schlussfolgerung - aber so ist es eben."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Februar 2021 um 11:18 Uhr.