Mitarbeiter von Shiftphone in der Werkstatt | Steffen Wurzel
Reportage

Smartphone-Firma Shiftphone Überstunden unerwünscht

Stand: 17.05.2021 13:02 Uhr

Ein Hersteller aus Nordhessen wirbt damit, dass er in China Smartphones nachhaltig und fair produzieren lässt. Doch wie weit lässt sich das Versprechen einlösen? Ein Besuch in der Fertigung in Hangzhou.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Mit einem rumpeligen Güteraufzug geht es in den 5. Stock eines Industriegebäudes am Stadtrand von Hangzhou. Geschäftsführer Shen Wencheng führt durch eine Glastür in einen großen, hellen Raum. Wie in einer klassischen Handyfabrik sieht es in der Produktion der Shiftphones nicht aus, eher wie in einem kleinen Großraumbüro. Rechts steht ein langer Tisch mit schicken Designerstühlen. Links arbeiten sechs Frauen und Männer an einem Fließband. Eine von ihnen ist Fa Hongmei.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Die 38-Jährige arbeitet seit zwei Jahren hier in der Produktion. Ihre Aufgabe: die fast fertigen Smartphone zusammenzusetzen, zu testen und zu verpacken. "Wir machen hier keine Überstunden", sagt sie. "Die Arbeitsatmosphäre ist gut und ich habe genug Zeit für meine beiden Kinder. Morgens bringe ich sie zur Schule und kann sie nachmittags auch wieder abholen."

Bezahlung weit über Mindestlohn

Genügend Zeit zu haben für die eigenen Kinder, das ist in China keine Selbstverständlichkeit. Etwas mehr als 5000 Yuan verdient Fa Hongmei bei Shiftphone monatlich, erzählt sie. Umgerechnet sind das rund 650 Euro, etwas mehr als doppelt so viel wie der gesetzliche Mindestlohn in der Stadtregion Hangzhou.

Chef von Fa Hongmei und den anderen Arbeiterinnen und Arbeitern ist Shen Wencheng. "Bei uns wird an fünf Tagen die Woche gearbeitet, acht Stunden pro Tag. Mehr aber nicht", sagt er.

In anderen chinesischen Fabriken sei es üblich, mindestens sechs, manchmal sieben Tagen die Woche zu arbeiten. "Jeden Tag gibt es Überstunden. Das Licht in den Fabrikhallen brennt Tag und Nacht", so Shen Wencheng. "Die Leute, die dort arbeiten, sind das aber gewöhnt. Viele suchen sich das ganz gezielt aus, um eben möglichst viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen. Das ist bei vielen in China eine Art Grundeinstellung: Wenn man Arbeitern keine Überstunden gestattet, sind sie unglücklich."

Freizeit statt Überstunden und Zulagen

Hier in der kleinen Shiftphone-Produktion im chinesischen Hangzhou scheint das nicht so, im Gegenteil. Die Arbeiterinnen und Arbeiter machen hier keine Überstunden, bekommen also auch weniger Zulagen. Sie haben aber dafür mehr Freizeit. Genauso wollten es die beiden Shiftphone-Gründer Carsten und Samuel Waldeck auch.

Als sie sich vor einigen Jahren erstmals in China auf die Suche machten nach einem Hersteller, der ein solches Arbeitszeitkonzept mitträgt, merkten die beiden Brüder schnell: Es ist fast unmöglich, überhaupt einen Produzenten zu finden, der bereit wäre, sich auf solche Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzulassen.

"Das haben wir immer wieder gemerkt, da wo wir zu größeren Herstellern gegangen sind", so Samuel Waldeck. "Die sagen nein, das lohnt sich nicht. Machen wir nicht für die kleinen Stückzahlen, die ihr habt. Das macht überhaupt keinen Sinn." Deswegen entschieden sich die beiden Shiftphone-Gründer aus dem nordhessischen Falkenberg, die eigene, kleine Produktion im Osten von China aufzuziehen.

Bauteile mit möglichst hohen Standards

Ein weiteres Ziel der Waldeck-Brüder: Bei den Bauteilen, aus denen die Shiftphones in Hangzhou zusammengebaut werden, soll möglichst klar nachvollziehbar sein, wo sie herkommen, welche Umwelt- und Sozialstandards bei der Herstellung gelten.

Eine Garantie geben, dass alle seine Zulieferer wirklich sämtliche hohen Standards einhalten, zum Beispiel beim für Elektobauteile wichtigen Edelmetall Gold, könne er allerdings nicht, räumt Samuel Waldeck ein.

"Nein, das können wir nicht sagen. In China ist es so, dass Gold, aber auch andere Rohstoffe zentral eingekauft werden. Das regelt eine Regierungsorganisation", so Waldeck. "Das heißt: Bis dahin können wir diesen Teil der Lieferkette verfolgen, aber weiter nicht mehr. Von dort wird natürlich gesagt, nein, das kommt auf gar keinen Fall von irgendwelchen Konflikt- oder Krisengebieten. Aber das ist für uns nicht nachvollziehbar letzten Endes."

Veränderung in kleinen Dimensionen

Im Produktionsraum von Shiftphone in Hangzou deutet Geschäftsführer Shen Wencheng auf einen Knäuel Plastikfolien, der in einer Ecke liegt: altes Verpackungsmaterial, das bei anderen Firmen in der Mülltonne landen würde. Shen Wencheng sendet die Plastikfolien hingegen zurück an die Herstellerfirma der Bauteile, die die Ware in die Folie eingepackt hatte. Zwar sei das absolut unüblich in China, aber im ganz Kleinen ändere sich so eben etwas, sagt er ein bisschen stolz. Und das gelte nicht nur beim Thema Umweltschutz.

"Die Produktionsbedingungen in China wandeln sich. Arbeitnehmerrechte werden wichtiger", sagt Shen Wencheng. "Das ist ein Ergebnis des Wirtschaftswachstums. Vor 20 Jahren, als viele Menschen in China noch Hunger litten, hat man sich kaum um Arbeitsbedingungen gekümmert. Es ging den Leuten vor allem darum, hart zu arbeiten um etwas zu verdienen und die Kinder gut durchzubringen." Inzwischen sei China reich, und mehr und mehr Menschen kümmerten sich um andere Dinge im Leben - um "Familie, Freunde und menschliche Beziehungen".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Mai 2021 um 14:41 Uhr.