Der Hafen von Aberdeen | AFP

Mögliche Unabhängigkeit Wäre Schottland allein überlebensfähig?

Stand: 03.05.2021 16:10 Uhr

Raus aus dem Königreich und zurück in die EU? Die Wahl in Schottland am Donnerstag gilt als wichtiger Stimmungstest. Aber könnte sich das Land die Unabhängigkeit wirtschaftlich überhaupt leisten?

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

In Schottland, wie im Königreich insgesamt, ist der Dienstleistungssektor der wichtigste. Aber fragt man die Schotten auf der Straße nach Wirtschaftskraft und Exporten, dann werden Whisky, Lachs und Öl genannt. Auf den Ölvorkommen in der Nordsee ruhten tatsächlich lange die schottischen Unabhängigkeitsträume. Das "schwarze Gold" sollte Schottlands Zukunft absichern. Davon ist heute nichts mehr zu hören.

Imke Köhler ARD-Studio London

Auch wenn die Öl- und Gas-Industrie in einer Stadt wie Aberdeen, im Norden des Landes, immer noch 40.000 Jobs sichert, so ist doch klar, dass diese Ära in absehbarer Zeit zu Ende geht. Kate, eine 30-jährige Schottin in der Innenstadt von Aberdeen, ringt mit der Frage, ob sich Schottland die Unabhängigkeit leisten kann: 

Ich bin immer noch unentschieden. Ich mache mir Sorgen, ob unsere Wirtschaft stark genug ist, alleine zu überleben, wenn wir nicht im Königreich sind und auch nicht in der EU. Da habe ich Befürchtungen.

Erfüllt Schottland die EU-Beitrittskriterien?

Die Befürchtungen teilen viele - zumal nicht klar ist, wie lange ein EU-Beitrittsverfahren dauern beziehungsweise ob Schottland überhaupt die Kriterien für einen Beitritt erfüllen würde. Schottland hat schon vor der Corona-Pandemie pro Kopf mehr ausgegeben als eingenommen, aber durch die Krise ist das Haushaltsdefizit explodiert. Für das abgelaufene Haushaltsjahr 2020/21 soll es sich Medienberichten zufolge auf 22 bis 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen. Damit wäre das Defizit gut achtmal höher als die EU erlaubt.

Unabhängigkeitsgegner betonen, dass Schottland das vergangene Jahr ohne Hilfen der britischen Regierung - etwa für den Gesundheitsdienst NHS - gar nicht überstanden hätte. Auch haben Hunderttausende Schottinnen und Schotten vom Kurzarbeitergeld profitiert.

Steuern erhöhen oder Ausgaben kürzen

Mairi Spowage, die Interimsdirektorin des Fraser of Allander Institut der Strathclyde University in Glasgow, ist dagegen überzeugt davon, dass es Schottland als eigenständiges Land schaffen könnte. Die Frage sei nicht ob, sondern wie, sagt die Wirtschaftsexpertin.

Ihrer Ansicht nach würde es auf zwei Dinge hinauslaufen: Entweder müsse Schottland dann die Basis seiner Steuereinnahmen verbreitern und mehr einnehmen, "indem die Wirtschaft wächst, man Steuersätze erhöht oder man neue Dinge besteuert wie etwa Vermögen". Oder man müsse sehen, wie man Ausgaben kürzt.

Das dürfte in der Bevölkerung nicht nur auf Begeisterung stoßen. Roy, ein 50-jähriger Wähler aus Glasgow, macht sich noch andere Sorgen: dass es nach Schottlands Unabhängigkeit und einem EU-Beitritt eine harte Grenze zwischen Schottland und England geben könnte: 

Ich bin vollkommen gegen die Unabhängigkeit, ich glaube, das ist eine schlechte Idee. Alles, was ich beruflich mache, hat seine Basis in England. Ich fahre zwei- bis dreimal pro Woche nach England. Und wenn ich mir vorstelle, dann an einer Grenze warten zu müssen oder Papiere zu brauchen - das wäre ja Wahnsinn. Wir würden am Ende das Unternehmen verlagern und das würde Arbeitsplätze aus dem Land abziehen.

England ist wichtigster Handelspartner

Eine Grenze wäre auch für den Handel ein Problem: Rund 60 Prozent der schottischen Exporte gehen in andere Teile des Königreichs, das meiste nach England. Für die schottische Wirtschaft ist England als Handelspartner damit deutlich wichtiger als die EU.

Die London School of Economics, die in einer Modellrechnung die voraussichtlichen Kosten für den Handel untersucht hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die Unabhängigkeit Schottlands Wirtschaft zwei- bis dreimal härter treffen könnte als der Brexit. Selbst wenn ein Beitritt zur EU möglich sein sollte, würde der Berechnung zufolge das Pro-Kopf-Einkommen in Schottland deutlich sinken - um etwa sechs bis siebeneinhalb Prozent. Unabhängig und eigenständig zu werden, könnte für die Schotten einen sehr hohen Preis haben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Mai 2021 um 11:35 Uhr.