Brennender Gasherd | REUTERS

Großbritannien Energiepreise setzen Johnson unter Druck

Stand: 24.09.2021 09:00 Uhr

Gas ist knapp im Vereinigten Königreich. Die Preise steigen, es droht eine Versorgungskrise. Die Industrie dringt auf die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder, Umweltschützer drohen mit Klagen.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

In den vergangenen Wochen ist der Widerstand erkennbarer geworden. Die Co-Chefin der schottischen Grünen, Lorna Slater, Mitglied der neuen Regierung, demonstrierte gegen die Erschließung eines neuen Ölfeldes westlich der Shetland-Inseln. Und auch die Klimaaktivistin Mikaela Loach aus Edinburgh ging auf die Straße. In den Sozialen Medien postete sie Videos von der Demonstration vor dem Gebäude der Verwaltung des Vereinigten Königreichs in Edinburgh.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Widerstand gegen neue Förderfelder

Aktivistinnen und Aktivisten hielten Schilder hoch, darauf war zu lesen: "Stop Cambo" - das ist der Name des neuen umstrittenen Ölfeldes. Es ist eines von insgesamt 18 Projekten, die die Ölindustrie gerne angehen würde. Eine Genehmigung, die die Regierung in London fällen muss, steht aus; sie könnte jederzeit erteilt werden.

"Wenn Cambo an den Start geht, werden dort insgesamt 170 Millionen Barrel Öl gefördert", sagt Philip Evans von der Umweltschutz-Organisation Greenpeace. "Das würde genauso viele Emissionen auslösen wie 16 Kohlekraftwerke, die ein Jahr lang laufen - ein Desaster für unser Klima."

Greenpeace droht gegen die Genehmigung zu klagen, sollte diese erteilt werden. Die Organisation klagt bereits gegen eine andere Genehmigung: Dort sei nur geprüft worden, welche Auswirkungen die Bohrungen haben - also nur die Förderung, nicht aber das Verbrennen des Öls. Eine Entscheidung in diesem Prozess steht aus und könnte weitreichende Folgen haben, sagt Philip Evans.

"Wir argumentieren, dass die britische Regierung ihrer rechtlichen Verpflichtung, die Folgen der Entscheidung für die Umwelt zu prüfen, nicht nachkommt", erklärt der Aktivist die Strategie der Klage. "Das könnte ein Präzedenzfall werden und bedeuten, dass es weitere Genehmigungen nicht geben wird."

Gaskrise verschärft die Lage

Die Auseinandersetzung über die Erschließung weiterer Ölfelder nimmt wenige Wochen vor der Klimakonferenz in Glasgow Anfang November Fahrt auf. Die britische Regierung von Premier Boris Johnson wirbt für ehrgeizige Zusagen der Regierungen weltweit. Genehmigungen für neue Ölfelder wären politisch kaum tragbar. Auf der anderen Seite erlebt Großbritannien gerade eine Krise am Gasmarkt. Die steigenden Preise haben dazu geführt, dass zahlreiche Vertriebsfirmen pleitegehen.

Das Thema Versorgungssicherheit steht wieder auf der Agenda. Anfang September warnte der Branchenverband OGUK in einem Bericht - Zitat: "Es gibt weiterhin den Bedarf, in neue Öl- und Gasförderung zu investieren, um die Versorgungssicherheit zu gewähren und die Wirtschaft zu stärken. Darauf kann die CO2-arme Wirtschaft der Zukunft aufgebaut werden." Die Unternehmen argumentieren, dass das Vereinigte Königreich künftig noch stärker von Importen abhängig sein könnte.

Weg zum Ausstieg unklar

Greenpeace hingegen fordert einen Wandel für die Ölindustrie. Dabei solle die Öl- und Gasproduktion gar nicht von heute auf morgen abgeschaltet werden, erklärt Evans: "Wir verlangen nur, dass es keine neuen Förderprojekte geben soll. Und die Experten - beispielsweise von der Internationalen Energie-Agentur IEA - sagen, das sei auch nötig, damit wir unseren internationalen Zusagen zum Erreichen des 1,5-Grad-Zieles erreichen."

Bis 2050 wird der Verbrauch an Gas und Öl im Vereinigten Königreich deutlich zurückgehen. Das sagen Experten voraus. Doch wie der Weg dahin gestaltet wird, und wie viel Öl und Gas noch nötig sein werden - der Streit darüber ist in vollem Gange.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2021 um 17:13 Uhr.