Ein LNG-Tanker. | picture alliance / dpa
Hintergrund

Flüssigerdgas aus Katar Wo es bei LNG-Lieferverträgen noch hakt

Stand: 24.11.2022 09:20 Uhr

Bald soll an den ersten deutschen Terminals verflüssigtes Erdgas ankommen. Doch während sich China langfristig LNG aus Katar gesichert hat, kommt Deutschland bei den Verträgen mit dem großen Lieferanten nicht voran.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Um unabhängiger von den russischen Gaslieferungen zu sein, setzt Deutschland unter anderem auf verflüssigtes Erdgas (LNG). Bereits im Frühjahr unterzeichnete Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck eine Absichtserklärung mit Katar, das zu den weltweit größten Exporteuren gehört. Ab 2024 soll der Golfstaat eigentlich umfangreich LNG liefern. Konkrete Verträge gibt es bislang aber nicht.

Till Bücker

Anders als mit China: Die Volksrepublik erhält künftig jährlich vier Millionen Tonnen LNG aus dem Emirat - und das 27 Jahre lang. Damit umfasst die zu Wochenbeginn verkündete Vereinbarung zwischen Produzent Qatar Energy und dem chinesischen Konzern Sinopec Lieferungen von insgesamt 108 Millionen Tonnen. Warum haben deutschen Unternehmen noch keine konkreten Lieferzusagen?

Streit über Preise, Dauer und Flexibilität

"Die Kataris haben sich entschieden, kein gutes Angebot zu machen", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) schon im Sommer. Deshalb hätten sich die Unternehmen woanders Gas besorgt. "Uneinigkeit besteht über Preis, Dauer und Flexibilität der Verträge", erklärt Andreas Schröder, Branchenexperte beim Energie-Analysehaus ICIS, gegenüber tagesschau.de. So fordere Katar eine längerfristige Bindung von rund 20 Jahren.

Deutschland dagegen wolle sich wegen der aktuell hohen Preise für LNG, das durch die Verflüssigung und Regasifizierung deutlich teurer ist als konventionelles Gas, und der angestrebten Dekarbonisierung maximal für fünf Jahre binden. "Außerdem sind die bald in Betrieb gehenden schwimmenden LNG-Terminals nur für diesen Zeitraum gechartert", so Schröder. Auch sei nicht ausgeschlossen, dass irgendwann wieder das günstigere russische Gas eine Option werde.

Darüber hinaus will Katar Deutschland nach Bloomberg-Informationen verbieten, überschüssiges LNG an andere Staaten weiterzuverkaufen oder Lieferungen zu stornieren. "Schon in der Vergangenheit hat Katar häufig Verträge abgeschlossen mit sogenannten Destinationsklauseln, die die Abnahmeorte fest vorschreiben", sagt Heiko Lohmann vom Marktbeobachter Energate Gasmarkt im Gespräch mit tagesschau.de. Die zentrale Hürde bei den Vereinbarungen mit Katar seien daher neben der langen Laufzeit die mangelnde Flexibilität.

Katar zweitwichtigster LNG-Lieferant für Europa

"Die Unternehmen müssen schauen, ob das Ganze durch die hohen Preise überhaupt kommerziell tragfähig ist und wie sie sich absichern können", so Georg Zachmann, Energieexperte bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Firmen wie Uniper, die aus Russland Gas importierten, hätten derzeit vermutlich gar nicht die Möglichkeit, solch große finanzielle Risiken einzugehen.

Der Deal zwischen Katar und China könnte die Verhandlungen nun zusätzlich erschweren. Denn: "Mindestens kommunikativ ist das für Katar ein Signal der Stärke. Der Vertrag baut Druck auf europäische Konsumenten aus, weil für sie das große Volumen nicht mehr da ist", meint Fachmann Schröder. Zwar entstehe durch die katarischen Lieferungen an China kein Engpass, doch seien die Folgen für den Energiemarkt trotzdem groß.

In den kommenden Jahren plant der Wüstenstaat, seine Produktion noch einmal um 60 Prozent ausbauen und damit endgültig zu einem großen Spieler auf dem Markt werden. Ab 2027 will das Land jährlich 126 Millionen Tonnen herstellen. Nach Angaben von Schröder war Katar nach derzeitigem Stand schon in diesem Jahr mit einem Anteil von rund 19 Prozent nach den USA der zweitwichtigste LNG-Lieferant für Europa. Auf Rang drei folgt immer noch Russland. "Wenn Russland und Katar nicht mehr liefern, fallen 40 bis 50 Prozent der LNG-Exporteure schon einmal weg", so Schröder.

Schwimmende Terminals kurz vor Betriebsbeginn

Könnte das für Probleme in der Gasversorgung hierzulande sorgen? "Ich bin da eher gelassen", sagt Energiexperte Lohmann. Natürlich versuchten die Unternehmen, die wegfallenden russischen Verträge durch langfristige Abkommen beim LNG zu ersetzen, um Sicherheit zu haben. Doch dabei müsse man sich nicht nur auf Katar fokussieren, es gebe weitere Möglichkeiten. Grundsätzlich sei die Beschaffung des verflüssigten Gases über Schiffe wesentlich flexibler als konventionelles Gas, da es nicht durch Pipelines fließe.

Deutschland und andere europäische Länder erhalten das LNG derzeit aus Australien, Malaysia oder Nigeria - aber vor allem aus den Vereinigten Staaten. "Die USA haben dieses Jahr mit extremen Steigerungen ausgeholfen", so ICIS-Analyst Schröder. Rein technisch könne Deutschland dadurch auf das Flüssigerdgas aus Katar verzichten und sich auf die amerikanischen Lieferungen verlassen. "Dann arbeitet man mit einem verlässlichen Partner, ist aber wieder von einem Land abhängig." Gerade das will die Bundesregierung unbedingt verhindern.

Bisher wird das LNG in den Niederlande, Belgien oder Frankreich aufgenommen und weiterverteilt. Mittlerweile befinden sich jedoch auch in Deutschland die ersten Terminals kurz vor Betriebsbeginn, nachdem gestern das erste Spezialschiff zur Umwandlung des flüssigen Erdgases in den gasförmigen Zustand in Deutschland ankam. Die "Neptune" soll ab dem 1. Dezember in Lubmin bei Greifswald als schwimmendes Terminal dienen. Dazu sollen auch die Anlagen in Wilhelmshaven und in Brunsbüttel ebenfalls noch in diesem Jahr an den Start gehen. Doch wer beliefert sie eigentlich?

Uniper, RWE und EnBW schließen Langfristverträge ab

"Ich gehe derzeit davon aus, dass die LNG-Terminals in Deutschland zu Beginn ausgelastet sein werden", sagt Schröder. Der Großteil komme dabei nicht über feste Langfristverträge, sondern vom sogenannten Spotmarkt, auf dem kurzfristig Mengen über flexible Schiffe eingekauft werden können. Damit sei Deutschland jedoch anfällig gegenüber den hohen Preisschwankungen, die besonders durch Kältewellen, Dürren oder weltpolitische Ereignisse entstehen.

Nötig sei daher eine Kombination aus kurzfristigen und langfristigen Geschäften, meint Lohmann. "Die gecharterten schwimmenden Terminals sind sowieso eine eher kurzfristige Angelegenheit", so der Energieexperte. Für die stationären Terminals in Wilhelmshaven, Stade und Brunsbüttel, die 2025 beziehungsweise 2026 in Betrieb gehen sollen, ergäben längere Verträge aber Sinn, um zu jeder Zeit Planungssicherheit zu haben. Das sei in den vergangenen Monaten auch bereits geschehen - unabhängig von Katar.

So unterzeichnete Uniper im September einen langfristigen Vertrag mit der australischen Firma Woodside, der ab Januar bis 2039 gilt. RWE einigte sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit der Abu Dhabi National Oil Company über mehrjährige Lieferungen ab 2023. Und auch EnBW teilte jüngst mit, seine geplanten Flüssigerdgas-Käufe ab 2026 beim US-Unternehmen Venture Global LNG zusätzlich aufzustocken. Bis dahin dürfte das LNG auch im kurzfristigen Einkauf weiterhin vor allem aus den USA kommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. November 2022 um 12:00 Uhr.