Ein Bitcoin-Logo ist neben einer türkischen Fahne zu sehen | reuters

Thodex-Anleger in der Türkei Mit Kryptogeld in den Ruin

Stand: 04.05.2021 08:56 Uhr

Ein möglicher Milliardenbetrug mit Kryptowährungen erschüttert seit Tagen die Türkei. Viele Anleger stehen vor dem finanziellen Ruin. Wie konnte es so weit kommen?

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Caner Ünal witterte wohl den ganz großen Gewinn. Er verkaufte seine Wohnung und investierte in eine Kryptowährung, also in Geld, das nur im Internet existiert. Am 22. April verfolgte der Immobilienmakler den Wertverfall seiner Anlage, um schließlich festzustellen, dass er einen Großteil seiner Investition verloren hatte.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Erschwerend kam hinzu, dass Ünal auch einige Kunden von Investitionen in Kryptowährungen überzeugt haben soll und Provisionen kassierte. Offenbar wuchs dem Familienvater die Sache über den Kopf. Er setzte eine Pistole an die Schläfe und drückte ab. Auf dem Bildschirm von Ünals Computer war der Kursverlauf von Kryptowährungen zu sehen, sagten die nach dem Suizid in seinem Büro eintreffenden Beamten.

Internet-Plattform Thodex im Fokus

Vieles spricht dafür, dass Ünal Kryptogeld auf der türkischen Internet-Plattform Thodex gekauft hat. Denn am 20. April gab das Unternehmen bekannt, dass die Plattform aufgrund technischer Probleme für mehrere Stunden geschlossen sei. Einen Tag später war die Internetseite immer noch nicht zu erreichen.

Das Thodex-Management behauptete auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, man führe Gespräche über Kooperationen und werde die Kunden in den folgenden Tagen informieren. Zeitgleich kamen Gerüchte auf, der 27-jährige Thodex-Gründer Faruk Fatih Özer habe sich mit zwei Milliarden US-Dollar ins Ausland abgesetzt. Schließlich begann die Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Gegen 82 Verdächtige wurde Haftbefehl erlassen. 78 wurden geschnappt und vorübergehend festgenommen. Gegen 28 besteht eine Ausreisesperre.

Thodex-Gründer Faruk Fatih Özer | AFP

Thodex-Gründer Faruk Fatih Özer soll sich in Albanien aufhalten. Bild: AFP

Inzwischen hat der türkische Innenminister Süleyman Soylu erklärt, Özer befinde sich in Albanien. Man habe mit den albanischen Sicherheitsbehörden gesprochen und rechne mit einer schnellen Auslieferung. Bisher bleibt der Krypto-Broker untergetaucht.

Millionen Türken investierten in Kryptowährungen

Caner Ünal ist nicht der einzige Türke, der in den vergangenen Wochen mit einer Kryptowährung große Verluste verzeichnete und sein Vermögen verlor. Vom Bosporus bis an die Grenze zum Iran hat Thodex 391.000 Mitglieder. In der gesamten Türkei haben geschätzt fünf Millionen Türkinnen und Türken in virtuelle Währungen investiert. Die beliebtesten sind das weltweit meist gehandelte Kryptogeld Bitcoin, aber auch Ethereum und Doge-Coin. Doge-Coin stieg beispielsweise in den vergangenen vier Wochen um das sechsfache.

In den vergangenen Jahren verlor die türkische Währung Lira deutlich an Wert, gleichzeitig stieg die Inflation. Dazu kam die Pandemie. Der wirtschaftliche Druck auf das türkische Volk nahm stetig zu. Experten sehen dies als Grund für die große Begeisterung für Kryptowährungen.

Zentralbank erlässt Verbot

Der auf Finanzangelegenheiten spezialisierte Rechtsanwalt Sinan Keskin vertritt zahlreiche Geschädigte im Fall Thodex. "Der Betrug konnte stattfinden, weil Kryptowährungen anbietende Firmen in der Türkei nicht ausreichend reguliert waren", so Keskin. Erst am 1. Mai hat der türkische Staat Handelsplattformen für Kryptogeld auf die Liste der Unternehmen gesetzt, die dem Geldwäschegesetz und dem Gesetz zur Verhinderung von Terrorfinanzierung unterliegen.

Während andernorts Kryptowährungen beim Kauf von Gütern als Zahlungsmittel eingesetzt werden können, erklärte die türkische Zentralbank im April, dies sei in der Türkei nicht möglich. Daraufhin fiel die Währung Bitcoin leicht. Inzwischen hat sich der Kurs erholt.

 

Hohe Verluste für Geschädigte

Die von Thodex Geschädigten müssen jetzt für ihre Investitionen kämpfen. Innenminister Soylu erklärte, 31 Millionen US-Dollar seien beschlagnahmt worden. Der Anwalt Keskin setzt sich dafür ein, dass seine Mandanten kompensiert werden.

Die meisten Betrugsopfer beklagen Verluste zwischen 50.000 und 100.000 Euro, bei einigen liege der Schaden bei mehr als 400.000 Euro. Manche hätten sogar einen Kredit aufgenommen, um bei Thodex zu investieren. Viele seiner Mandanten stünden vor dem finanziellen Abgrund.