Bohrinsel im Förderfeld Leviathan | picture alliance / ASSOCIATED PR

EU sucht neue Lieferanten Israels Transportproblem beim Gas

Stand: 29.03.2022 09:07 Uhr

Seit Langem setzt Israel große Hoffnungen in seine Erdgasförderung. Erfüllt haben sie sich bisher nur eingeschränkt. Noch fehlen der Pipeline-Anschluss nach Europa und ein Flüssiggasterminal.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

In der jüdischen Mythologie ist Leviathan ein Seeungeheuer. In der Gegenwart der israelischen Energieversorgung ist der Name deutlich positiver besetzt: Leviathan ist der Name eines großen Erdgasfeldes vor der Küste des Landes. Zusammen mit einem kleineren Feld namens Tamar sichert Leviathan Israels eigenen Erdgasbedarf, ermöglicht damit den Ausstieg aus der Kohleverstromung und bietet genug Gas für den Export.

Bisher ist Leviathan in dieser Hinsicht aber eher ein unerfülltes Versprechen. Es fehlt der Marktanschluss. Israel exportiert in kleinen Mengen Erdgas nach Jordanien und nach Ägypten, das, anders als Israel, über eigene Flüssiggasterminals verfügt.

"Teuer und kompliziert"

Jetzt, wo Erdgas in Europa dringend gebraucht wird, kann Israel seine Liefermengen nicht einfach erhöhen, weil dazu die Kapazitäten fehlen, sagt Gina Cohen, Expertin für Erdgasförderung an der Technion-Hochschule Haifa: "Israels Möglichkeit Gas nach Europa oder irgendwohin anders zu liefern, hängt daran, es nach Ägypten zu bekommen und weiter zu exportieren. Wenn Israel mehr verkaufen will, muss es ein eigenes Projekt umsetzen, aber egal ob Pipeline oder Flüssiggasterminal. Es wird teuer und kompliziert."

Auf rund 1000 Milliarden Kubikmeter Gas wird das Vorkommen vor der israelischen Küste geschätzt. Europa verbraucht rund 500 Milliarden Kubikmeter im Jahr. Mit den bestehenden Kapazitäten wird Israel aber nur wenige Milliarden Kubikmeter jährlich liefern können. Das Problem, das Erdgas zum Kunden zu bringen, hat Israel schon lange.

Mögliche Mammut-Pipeline nach Italien geplant

Ein Mammutprojekt soll Abhilfe schaffen. Die sogenannte "Eastmed"-Pipeline würde am Meeresgrund Israels Förderanlagen mit Erdgasfeldern in zypriotischen und griechischen Gewässern verbinden und schließlich in Italien europäisches Festland erreichen und so den begehrten Marktzugang schaffen. Aber rund 2000 Kilometer Pipeline am Grund des Meeres kosten viel Geld und sind im Bau äußerst aufwändig. Die EU sagte 2018 Förderung in Höhe von 35 Millionen Euro zu. Noch laufen die Machbarkeitsstudien, erklärt Expertin Gina Cohen: "Untersucht wird der Meeresgrund, die Tiefe, der Trassenverlauf. Momentan schreiten nur die Studien voran. Es wurde nichts gebaut und auch nichts unterschrieben. Die Studie dürfte bis Ende des Jahres fertig sein."

Doch daran, dass die "Eastmed-Pipeline" jemals gebaut wird, zweifeln viele Fachleute. Zuletzt entzogen die USA dem Projekt die Unterstützung. Eine Pipeline von Israel in die Türkei wäre die kürzere Alternative, war aber bisher politisch nicht zu realisieren, sagt Gina Cohen. "Pipelines sind politisch immer schwieriger, denn sie verlaufen durch Hoheitsgewässer. Eine Pipeline zur Türkei ist die kompliziertere Option, denn sie würde an Zypern vorbei verlaufen, wo man einen Verkauf von israelischem Erdgas an die Türkei nicht unbedingt unterstützt."

Abkommen mit Deutschland unterzeichnet

Auch Israels Verhältnis zur Türkei war lange kein gutes. Nun zeichnet sich allerdings eine Verbesserung der Beziehungen ab. Das könnte mögliche Pipeline-Pläne zumindest etwas realistischer machen. Die Betreiber des israelischen Erdgasfeldes Leviathan lassen außerdem den Bau eines Flüssiggasterminals vor der Küste prüfen.

Aber keine dieser Lösungen lässt sich schnell umsetzen, so Expertin Gina Cohen. Eine unmittelbare Lösung für Europas Erdgasproblem könne Israel nicht bieten. Langfristig wird Israel aber als Lieferant wohl wichtiger werden. Deutschland und Israel unterzeichneten vor wenigen Tagen ein Kooperationsabkommen im Energiesektor - inklusive der Förderung und Nutzung von Erdgas.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk, Info am Morgen, am 29.03.2022 um 05:46 Uhr.