Blick auf die Skyline von Mumbai
Analyse

Boom-Land in Südasien Wie wichtig Indien für die Weltwirtschaft ist

Stand: 23.04.2023 11:34 Uhr

Indien löst China als bevölkerungsreichstes Land der Welt ab. Seit Langem gilt es als Hoffnung für die globale Wirtschaft. Wo sind seine ökonomischen Stärken - und wo seine Schwächen?

Aller Voraussicht nach wird Indien spätestens Mitte dieses Jahres China als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholt haben. Das prognostiziert ein Jahresbericht der Vereinten Nationen. An welchem Tag genau das passieren wird, kann man nicht sagen - es fehlen schlicht genaue Bevölkerungsdaten.

Ehrgeizige Ziele der Regierung

Diese Entwicklung könnte für Indien den Weg ebnen, wichtiger Player der Weltwirtschaft zu werden. Denn viele Unternehmen suchen schon länger nach Alternativen zu China. Bundeskanzler Olaf Scholz reiste erst im Februar nach Indien und traf Premierminister Narendra Modi - mit dem erklärten Ziel, Indien enger an Europa zu binden, auch mit Blick auf Russland. Wo liegen also die wirtschaftlichen Stärken, aber auch die Schwächen des bald bevölkerungsreichsten Landes?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die jährlich innerhalb Indiens hergestellt werden, ist seit Anfang der 2000er-Jahre stetig gewachsen - und die Prognosen für die Zukunft fallen noch besser aus: Für dieses Jahr wird das BIP auf umgerechnet rund 3,736 Billionen Dollar geschätzt.

Indien will bis 2047 eine entwickelte Volkswirtschaft sein, so das erklärte Ziel von Premierminister Modi. Bis dahin ist noch viel zu tun, sagt Christian Wagner, Asien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, gegenüber tagesschau.de: "Dafür müssen sie über zehn, zwanzig Jahre hinweg dauerhaft hohe Wirtschaftswachstumsraten erzielen. Es müssen dauerhaft sieben Prozent sein."

Demografische Dividende: Fluch oder Segen?

Warum Indien gute Chancen auf einen global bedeutenden wirtschaftlichen Aufstieg hat, zeigt sich angesichts der Bevölkerungsstruktur des Landes: Indien ist jung. Laut Vereinten Nationen wird das Medianalter Mitte 2023 bei etwa 28 Jahren liegen. Schaut man nach China, beträgt der gleiche Wert 39 Jahre, und in Deutschland liegt man bei 45 Jahren. Das heißt, Indien hat eine wachsende, junge Bevölkerung. In Indien spricht man von der sogenannten demografischen Dividende: Sie wird oft beschworen.

Allerdings gibt Asien-Kenner Wagner eines zu bedenken: "Man muss bei der demografischen Dividende auch das Kleingedruckte lesen. Wenn man eine junge Bevölkerung hat, die ins Erwerbsalter kommt, dann ist das für die wirtschaftliche Entwicklung erstmal ein Segen." Denn diese jungen Menschen werden das Wirtschaftswachstum und die Nachfrage ankurbeln. "Aber das Kleingedruckte besagt: Das geht nur, wenn es entsprechende Ausbildungsstandards, Gesundheitsstandards und die entsprechenden Arbeitsplätze gibt." Für Indien selbst stelle sich dadurch die Frage nach einem Strukturwandel: "Wenn das nicht kommt, dann wird diese demografische Dividende zum Fluch."

Es mangelt an Jobs, Ausbildung und Alphabetisierung

Es braucht also mehr und besser bezahlte Jobs, damit Indien vom Bevölkerungstrend profitiert. Derzeit führe die Situation zu absurd hohen Bewerberzahlen auf wenige Stellen im Öffentlichen Dienst, sagt Wagner und nennt ein Beispiel aus dem Bundesstaat Uttar Pradesh: Für 62 Stellen mit einfachem Anforderungsprofil bei der Polizei bewarben sich vor einigen Jahren rund 93.000 Personen. Die indische Eisenbahn etwa erhielt für etwa 35.000 nicht-technische Stellen insgesamt mehr als zwölf Millionen Bewerbungen.

Neben der Arbeitsplatz- und Ausbildungssituation könnte auch die ausbaufähige Alphabetisierungsrate in Indien den Traum des Aufstiegs verzögern: Nur knapp 80 Prozent der Inderinnen und Inder können lesen und schreiben. Im Vergleich dazu schneiden China oder andere südostasiatische Schwellenländer besser ab.

Nicht automatisch eine Alternative zu China

Ein weiteres Problem: Indien hat immer noch vergleichsweise hohe Logistikkosten, und mancherorts komplizierte Bürokratie macht es Unternehmen zusätzlich schwer. Indien steht im Standortwettbewerb mit Staaten in Südostasien wie Vietnam, Thailand oder Indonesien. "Wenn Firmen aus China weggehen, dann ist Indien nicht der zwangsläufig nächste Standort", sagt Asien-Experte Wagner.

Auch Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sieht, wie viel schon passiert ist in Indien, aber auch, wie viel Luft nach oben ist: "In mehreren Reformschüben hat sich das Land zunehmend geöffnet, nach wie vor wird die heimische Wirtschaft aber durch im internationalen Vergleich hohe Einfuhrzölle geschützt." Der Staat spiele in der Wirtschaft immer noch eine große Rolle, sagt Gern gegenüber tagesschau.de.

Gleichzeitig bleibe Korruption ein weitverbreitetes Problem, sagt Gern. "China schickt sich an, in wichtigen Zukunftstechnologien in der Weltspitze mitzumischen, hierzu ist Indien auf absehbare Zeit nicht in der Lage", meint der Konjunkturexperte. Indien investiere im Vergleich zu China nur einen Bruchteil der Mittel in Forschung und Entwicklung. "Bei der Produktion von Grundstoffen und standardisierten Waren könnte Indien China Marktanteile abnehmen, steht aber auch in Konkurrenz mit anderen Ländern in der Region."

Fachkräfte auch für Deutschland attraktiv

Bei Dienstleistungen hingegen sei China als Wettbewerber kaum präsent, sagt Gern. Indien aber profitiere vor allem von seinem guten Dienstleistungssektor. Das will sich auch Deutschland zunutze machen: Im Dezember unterzeichnete Außenministerin Annalena Baerbock ein deutsch-indisches Migrationsabkommen, durch das Fachkräfte, Studierende und Auszubildende mobiler werden sollen.

Außerdem gibt es spezielle Förderprogramme, durch die Pflegekräfte aus Indien gewonnen werden sollen. Etwa 77 Prozent der indischen Studierenden sind nach Zahlen der bundeseigenen Gesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI) in den sogenannten MINT-Fächern - also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - eingeschrieben. Diese Menschen könnten eventuell helfen, die Fachkräftelücke in Deutschland zu verkleinern.

Weitere Stärken bei Pharma und IT

Neben dem Dienstleistungssektor zeigt Indien auch im Pharma-Bereich große Stärke, und natürlich ist das Land bereits international bedeutend bei IT-Dienstleistungen. Inzwischen schauen sich auch Techkonzerne wie Apple verstärkt nach Produktionsstandorten in Indien um. Erst kürzlich wurde der erste Apple-Store in Mumbai eröffnet, weitere sollen folgen.

Viele Augen richten sich auf das Land in Südasien. Es wird sich zeigen, wie viel durch Reformen verändert werden kann - damit der Traum vom wirtschaftlichen Aufstieg durch die jungen Inderinnen und Inder eben nicht nur ein Traum bleibt.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. April 2023 um 07:35 Uhr.