Ossama Rabei, Leiter der Suezkanalbehörde, an dem havarierten Containerschiff "Ever Given" im Suezkanal, Ägypten. | EPA

Havarie im Suezkanal "Wie ein gigantischer gestrandeter Wal"

Stand: 25.03.2021 13:12 Uhr

Alle Versuche, das verunglückte Containerschiff im Suezkanal aus seiner Querlage zu befreien, sind bislang gescheitert. Niederländische Spezialisten sind vor Ort im Einsatz - der im schlimmsten Fall Wochen dauern könnte.

Nach der Havarie der "Ever Given" im Suezkanal werden die Versuche fortgesetzt, das Container-Schiff aus seiner Querlage zu befreien. Seit Dienstag blockiert der Riesenfrachter die wichtigste Wasserstraße der Welt, die Ölpreise haben seither deutlich angezogen.

Satellitenaufnahmen vom Donnerstag zeigten, wie sich bis zu acht Schlepper mühten, das 400 Meter lange Schiff der Reederei Evergreen in tieferes Wasser zu ziehen. Dem GPS-Signal des Schiffes zufolge führte das jedoch nur zu minimalem Positionsveränderungen.

Der Eigentümer der "Ever Given" bat indes um Entschuldigung für die Blockade des Schiffsverkehrs. "Es tut uns sehr leid, dass wir den Schiffen, die im Suezkanal fahren oder planen, dort zu fahren, enorme Sorgen bereiten", erklärte das japanische Unternehmen Shoei Kisen. Es sei "extrem schwierig", den Frachter zu bewegen.

"Legendäre Eliteeinheit"

Vor Ort ist das niederländische Unternehmen Boskalis im Einsatz, das mit seiner Tochterfirma SMIT Salvage auf Schiffsunglücke spezialisiert ist und oftmals während gewaltiger Stürme arbeiten muss - laut Nachrichtenagentur Bloomberg eine "legendäre Eliteeinheit".

Boskalis-Chef Peter Berdowski sagte, noch lasse sich nicht sagen, wie viel Zeit die Arbeiten im Suezkanal noch benötigten. "Wir können nicht ausschließen, dass es Wochen dauert", sagte Berdowski im niederländischen Fernsehen. "Es ist wie ein gigantischer gestrandeter Wal."

Bosklais Vanguard beladen mit einem Frachtschiff |

Die Firma Boskalis verfügt unter anderem über Halbtaucherschiffe, die bei Schiffsbergungen zum Einsatz kommen.

Treibstoff wird abgepumpt

Das weitere Prozedere sieht Berdowski zufolge nun so aus: Neben dem Einsatz von Schleppern finden Grabungsarbeiten rund um das Schiff statt, zudem werden Ballastwasser und Treibstoff abgepumpt. Auch die Kanalbehörde hat diese Vorgehensweise als die nächsten Schritte angekündigt.

Das Schiffsbroker-Unternehmen Broker Braemar erklärte, möglicherweise müsse auch ein Teil der Ladung mit Kränen geborgen werden. Allerdings erschwert weiterhin der Wind die Arbeiten an dem Riesenfrachter.

Günstiger Zeitpunkt am Sonntag?

Möglicherweise gelingt es erst mit der Flut am Sonntag, das Schiff freizubekommen. Durch die Gezeiten werde der Wasserstand am Sonntag oder Montag um etwa 46 Zentimeter steigen, sagte Nick Sloane von der amerikanischen Resolve Marine Group. Sollte dieser Versuch scheitern, gebe es das nächste Zeitfenster erst wieder in 12 bis 14 Tagen.

Sloane war 2012 für die Bergung des an der Küste Italiens verunglückten Kreuzfahrtschiffs "Costa Condordia" verantwortlich. Der Experte hat sich schon an über hundert Bergungsaktionen von Schiffen, Flugzeugen, Ölplattformen und Pipelines beteiligt.

Alternative Route kostet viel Zeit

Eine längere Unterbrechung und damit eine weitere Blockade dieser Hauptschlagader des Welthandels hätte für die globale Wirtschaft verheerende Folgen. Im vergangenen Jahr passierten der Kanalbehörde zufolge fast 19.000 Schiffe die Wasserstraße - also durchschnittlich fast 52 Schiffe pro Tag.

Das dürfte nun auch in etwa der Zahl der Frachter entsprechen, die täglich hinzukommen, solange die Wasserstraße nicht genutzt werden kann. Reedereien meldeten dem Versicherungskonzern Allianz bereits mehr als 100 wartende Schiffe.

Experten rechnen damit, dass diese Schiffe umgeleitet werden müssen, sollte das Problem nicht innerhalb der nächsten 24 bis 48 Stunden gelöst werden. Diese Frachter müssten dann die alternative Route um das Kap der Guten Hoffnung im Süden Afrikas zu nehmen. Das würde die Transportzeit um mindestens eine Woche verlängern.

Sorgen in der Industrie

Das "Ever Given"-Unglück kommt dabei zur Unzeit: Seit Wochen leiden etwa Auto- und Computerhersteller unter der weltweiten Chip-Knappheit. Die Corona-Krise hatte für einen Schub im Containergeschäfts gesorgt. Das führte zu steigenden Frachtpreisen, die letztlich auch beim Verbraucher landen, Lieferengpässen, Staus und Chaos in den Häfen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigt sich besorgt: "Zentrale Lieferketten geraten aufgrund mangelnder Container, unpünktlicher Schiffe und fehlender Transportkapazität ins Stocken, während die Kosten steigen", sagte Hauptgeschäftsführer Holger Lösch. "Dies wirkt sich in der Industrie bereits negativ auf die Produktionsabläufe aus."

"Die Störung kommt zu einem schlechten Zeitpunkt", erklärte auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI). "Die Kapazitätsauslastung in der Chemie ist hoch. Entsprechend stark ist der Bedarf an Lieferungen aus Asien."

Über den Kanal, der 1869 eröffnet worden ist und Europa mit Asien verbindet, wird rund zwölf Prozent der globalen Fracht und etwa 30 Prozent des Containervolumens abgewickelt.

Über dieses Thema berichteten am 25. März 2021 Deutschlandfunk um 08:00 Uhr in den Nachrichten und tagesschau24 um 11:00 Uhr.