Ein Mitarbeiter untersucht einen Zellwafer in einer Fabrik für monokristalline Silizium-Solarzellen. | dpa

Energiewende Die neue Abhängigkeit von China

Stand: 16.05.2022 07:55 Uhr

Deutschland will auf Öl und Gas aus Russland verzichten - auch mit einem schnelleren Ausbau von Windkraft und Solarstrom. Damit wächst der Einfluss chinesischer Hersteller. Zu welchem Preis?

Von Michael Houben, MDR

Raus aus Öl und Gas, raus aus der Abhängigkeit von Russland: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sollen die Erneuerbaren Energien noch schneller ausgebaut werden. Doch bei beiden Technologien ist China Weltmarktführer. Stolpert Deutschland von einer Abhängigkeit in die Nächste?

Beispiel Solarstrom: Bis zum Jahr 2030 sollen in Deutschland Zellen mit einer Gesamtleistung von 200 Gigawatt installiert sein. Dafür müssten in acht Jahren noch 140 Gigawatt an Solarzellen auf die Dächer - fast 17 Gigawatt pro Jahr. Im letzten Jahr waren es genau 5,46 Gigawatt. Eine Verdreifachung ist also nötig. 

Solarstrom ohne China undenkbar

Aktuell werden in Deutschland Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 2,8 Gigawatt hergestellt. Der Rest - also knapp die Hälfte - kommt aus Asien, überwiegend China. Aber: Bei vielen deutschen Herstellern, wie zum Beispiel bei Solarwatt in Dresden, werden nur die Module zusammengebaut, die Solarzellen dafür stammen aus China. Während Deutschland bei Erdgas vor dem Ukraine Krieg zu 55 Prozent von Russland abhängig war, liegt die Abhängigkeit von China bei Solarzellen bei sage und schreibe 95 Prozent.

Der Experte Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft hält das für hochgradig riskant: "Wir haben gesehen, wie schnell die geopolitische Lage sich ändern kann. Wer garantiert uns, ob wir uns in fünf Jahren noch mit gut mit China verstehen? Und wenn wir von dort keine Solarzellen mehr bekommen, ist die Energiewende bei uns gestorben."

Hausgemachtes Risiko

Das Risiko ist hausgemacht. Vor zehn Jahren war Deutschland Weltmarktführer - vom Siliziumblock über die Zellen bis zum Modul. Dann entdeckte China diesen Zukunftsmarkt, begann, Produzenten staatlich zu fördern. Gleichzeitig wurde die Einspeisevergütung in Deutschland drastisch gestrichen. Während in Deutschland die Nachfrage einbrach, besetzte China den Markt. So gingen deutsche Hersteller wie etwa Solarworld reihenweise Pleite. 100.000 Arbeitsplätze wurden damals innerhalb von vier Jahren abgebaut. Zum Vergleich: Beim Ausstieg aus der Braunkohle geht es um weniger als 20.000 Arbeitsplätzen. Bei der Solarenergie wurde die fünffache Zahl an Arbeitsplätzen still und leise abgewickelt.

Aber könnte man nun, da die Politik einen schnellen Ausbau Erneuerbarer Energie beschlossen hat, die Produktion in Deutschland wieder steigern?  Neue, eigene Produktionsanlagen errichten? Der Geschäftsführer von Solarwatt, Dieter Neuhaus, meint, dafür sei es jetzt fast schon zu spät. Man benötige dafür extrem hohe Investitionen - und Investoren würden nur Geld bereitstellen, wenn sie davon ausgehen, dass die Rahmenbedingungen über längere Zeit stabil bleiben. Und da sei man in Deutschland aus den Erfahrungen der letzten Jahre doch ein "gebranntes Kind".

Windkraft-Produktion zunehmend außerhalb Deutschlands

Ähnlich bei der Windkraft: Auch hier sind seit einer Hochphase im Jahr 2016 mehr als 60.000 Arbeitsplätze abgebaut worden - von 163.000 im Jahr 2016 auf rund 100.000 heute. Die Zahl neu errichteter Windräder schrumpft seit Jahren.

Noch sind in Deutschland deutsche und europäische Anbieter Marktführer, doch global wurden auch sie schon längst von China überholt. Im April - wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine - schloss der dänische Hersteller Vestas sein deutsches Werk für Windkraft-Rotoren. Zeitgleich kündigte der deutsche Konkurrent Nordex an, auch seine Produktion in Rostock stillzulegen. Der Transport solcher Rotorblätter, bis zu 80 Meter lang, ist extrem aufwändig. Trotzdem hat Nordex nur noch eine europäische Produktionsanlage in Spanien, sowie weitere in Mexiko und Indien. Enercon, der größte deutsche Anbieter, hatte seine Produktionsanlagen in Aurich und Magdeburg schon in den vergangenen Jahren geschlossen, produziert immerhin noch in der Türkei und in Portugal - aber vor allem eben auch in Asien und Südamerika. 

Problem der fehlenden Arbeitskräfte

Ob es gelingt, diese Technologien künftig wieder verstärkt im eigenen Land zu produzieren, sich von riskanten Lieferketten unabhängig zu machen, ist aber auch eine Frage der Arbeitskräfte. So bräuchte es Branchenkennern zufolge etwa 50.000 zusätzliche Arbeitskräfte, allein um die aktuelle Ausbauziele nur bei der Photovoltaik zu schaffen. Doch die sind nicht in Sicht. So war zum Beispiel vor zehn Jahren der Studiengang Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin ausgebucht. Heute sind rund ein Drittel der Studienplätze unbesetzt, obwohl gerade bei jungen Leuten Klimarettung hoch im Kurs steht.

Experte Quaschning sieht auch darin eine Folge falscher Politik: Das Hü und Hott der vergangenen Jahre, immer neue Meldungen von Werksschließungen und Konkursen, schreckt junge Menschen ab, in solche Branchen einzusteigen. Die Politik müsste dafür sorgen, dass ein Ausbau nicht nur aktuell beschlossen, sondern langfristig durchgehalten wird.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus am 11.5. um 21.45 Uhr.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung Plusminus am 11. Mai 2022 um 21:45 Uhr.