VW- und Audi-Fahrzeuge im Staßenverkehr, Shanghai | picture alliance / Friso Gentsch

Wirtschaftsstrategie Chinas Doppelspiel im Welthandel

Stand: 17.08.2022 08:17 Uhr

So sehr die chinesische Wirtschaft vom globalen Handel profitiert - das Land will auch autark sein und Schlüsselindustrien aufbauen. Wie weit ist China dabei schon gekommen?

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Zhu Liting lebt in Shanghai. Er hat zwölf Jahre lang für deutsche Firmen gearbeitet - im Bereich Maschinenbau- und 3D-Metalldruck: "Ich bin jetzt sehr vertraut mit dieser Technologie und auch damit, wie es in Zukunft weitergeht. Sowohl die USA als auch China haben diese Technologie in ihren Plänen als eine der wichtigsten Zukunftstechnologie festgelegt", sagt er.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Der 3D-Metalldruck wird etwa in der Raumfahrt und in der Medizin angewendet. Das deutsche Knowhow ist dabei wertvoll. Auch auf die deutsche Robotertechnik, industrielle Software und Chemie ist die Volksrepublik angewiesen.

In den vergangenen zehn Jahren war es eine Strategie Chinas, ausländisches Wissen durch Unternehmen aufzukaufen. Wie zum Beispiel vor sechs Jahren den deutschen Spezialroboterbauer Kuka. Solche Übernahmen sind jetzt wieder weniger geworden. Der Trend ist klar: China will sich in Schlüsselindustrien von anderen Ländern unabhängig machen.

Rückstand in der Technologie

Zhu Liting hat in Shanghai sein eigenes Start-up gegründet. Er fertigt nun 3D-Metalldrucker für den chinesischen Markt, basierend auf dem, was er in den deutschen Firmen gelernt hat. Trotzdem, sagt er, sei das noch nicht auf dem Niveau der deutschen Technologie: "Wann wird China seinen Rückstand aufholen können? Was die Technologie betrifft, glaube ich, in zehn Jahren." Er vergleicht China mit dem deutschen Unternehmen Siemens: "Siemens ist seit langem in der Branche tätig. Der Ruf des Unternehmens, die Stabilität, die Anwendbarkeit - alles auf dem Markt anerkannt. Der Weg dorthin kostet China eine Menge an Investitionen."

China steckt vor allem viel Geld in die Spezialindustrien. Etwa in Luft- und Raumfahrt oder Bio- und Medizintechnik. Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, betont immer wieder, dass es europäische Firmen in diesen Brachen leichter haben als in anderen Industriezweigen. Allerdings nur solange, bis sie nicht mehr gebraucht werden.

Wuttke spricht selbst von einem Dreiklassensystem. In der "Business-Class" seien all die "Hidden Champions" aus Europa zu finden. "Gleichzeitig gibt es dann eine Economy-Class. Diese Firmen sind 'Nice to have', die man im Grunde aber jederzeit ersetzen kann", sagt Wuttke. Mit ein wenig politischem Willen und dem nötigen Kleingeld sei das leicht zu machen. "Und dann haben wir den Frachtraum. Diese Firmen kann man jederzeit rausschmeißen. Das würde hier nicht viel an Aufsehen erregen", so der Experte.

Bauteile für E-Autos sind noch gefragt

Selbst die deutschen Autobauer gehören in China mittlerweile nicht mehr zur "Business-Class", auch wenn deutsche Autos gefragt sind. Doch unter den Herstellern der meistverkauften Elektroautos in China tauchen VW, Daimler und BMW nicht auf. Es sind die chinesischen Marken, die in China häufiger gekauft werden, vor allem wenn es um Elektroautos und Autonomes Fahren geht.

Zeng Zhilin ist ein chinesischer Autoexperte in Shanghai. Er verrät, dass unter der Motorhaube chinesischer E-Autos oft deutsche Autoteile stecken: "Deutschland hat immer noch einen einzigartigen Vorteil bei Autoteilen und in der Lieferkette. Bosch zum Beispiel ist immer noch sehr stark bei Autoteilen, sogar bei Elektroautoteilen, und hat immer noch große Marktanteile."

Allerdings rät er den deutschen Zulieferern der Automobilindustrie, den in China ansässigen Kunden in Zukunft genau das anzubieten, was sie für den Trend der Elektrofahrzeuge und intelligenten Autos brauchen. Denn deutsche Autoteile seien auf dem chinesischen Markt nicht mehr unersetzlich: "Der chinesische Autobauer BYD zum Beispiel hat es geschafft, viele zuvor als unersetzlich geltende deutsche Autoteile durch seine eigenen zu ersetzen."