Genetisch veränderte Weizenären auf einem Feld | picture alliance / Zoonar

Argentinien Gen-Weizen als Antwort auf Klimaextreme?

Stand: 30.06.2022 13:06 Uhr

Kaum Niederschläge, trockene Böden, verdorrte Ernten - Argentiniens Landwirtschaft litt in den vergangenen Jahren immer wieder unter Dürren. Mit Hilfe von Gentechnik könnten Pflanzen resistenter werden.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

HB4 nennt sich die Technologie, welche die Biochemikerin Raquel Chan gemeinsam mit der staatlichen argentinischen Wissenschaftsbehörde Conicet und dem Gentech-Unternehmen Bioceres entwickelt hat.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Wir haben Weizen gentechnisch so verändert, dass er trockenresistenter wird. Dazu haben wir dem Weizengenom ein Sonnenblumen-Gen eingesetzt." Dadurch werde die Pflanze sehr viel anpassungsfähiger an Trockenheit, was höhere Erträge auch in Regionen, in denen es weniger Niederschläge gibt, ermögliche, erklärt Chan.

Gen-Weizen als Lösung

Für die argentinischen Entwickler ist der Gen-Weizen eine Antwort auf die Ernährungskrise. Ihr Ziel: in möglichst vielen Ländern eine Import-Genehmigung für den Gen-Weizen zu erreichen, sagt Claudio Duran, Strategiedirektor von Bioceres.

"Wir müssen die Wissenschaft nutzen, um die weltweite Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Es gibt auf der Erde mehr als 800 Millionen Menschen, die nicht genug zu Essen haben." Viele weitere würden sich schlecht ernähren, so Duran.

Siebtgrößter Weizenexporteur

Argentinien ist mit durchschnittlich 14 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr der siebtgrößte Exporteur der Welt. Im Mai hat die Regierung Anbau und Handel des HB4-Weizens genehmigt - doch das sorgte für einen Aufschrei. Nicht nur bei kleinen Familienbetrieben und Ökobauern, sondern vor allem bei den großen Produzenten und Exporteuren von konventionellem Weizen.

Nicht die Genmanipulation bereitet ihnen Sorgen, sondern mögliche Strafen bisheriger Abnehmer - aus Angst vor Kontaminierung konventionellen Weizens durch die Gensorte. Gustavo Idígoras, Vorsitzende des argentinischen Getreideexportzentrums, erklärte vor wenigen Wochen: "Wir sagen ausdrücklich und nachdrücklich, dass wir kein einziges Korn HB4-Weizen in Lieferungen akzeptieren, weil das auf absolute Ablehnung des Marktes stoßen wird."

Viele Länder genehmigen Import

Doch der Widerstand bröckelt. Der neue Gen-Weizen wird zwar vorerst nur von 250 lizensierten Betrieben angepflanzt. Doch Brasilien, wichtigster Abnehmer von argentinischem Weizen, hat inzwischen den Import und die Verwendung von Mehl aus HB4-Weizen genehmigt, Kolumbien, Australien und Neuseeland zogen nach und nun auch noch die USA. Der EU liegt ebenfalls ein entsprechender Genehmigungsantrag vor.

"Argentinien macht sich erneut zum Versuchslabor", sagt dagegen Cecilia Gargano, die ebenfalls am Conicet-Institut forscht: zu den Folgen von Argentiniens Agrarwirtschaft auf Umwelt und Anwohner in den Anbaugebieten. "Die Genehmigung von Gen-Soja vor knapp 30 Jahren hat in Argentinien ein Landwirtschaftsmodell begründet, das auf Monokulturen und massivem Pestizideinsatz beruht", sagt Gargano. Das habe zur Verschmutzung von Grundwasser, mehr Abholzung, Gesundheitsschäden, Verdrängung der Landbevölkerung und damit auch zu mehr Armut geführt.

So werbe Bioceres zwar weltweit mit der Dürreresistenz, verschweige aber gern, dass dem HB4-Weizen auch eine Resistenz gegen das Herbizid Glufosinat-Ammonium eingebaut wurde - dies gilt als toxischer als der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von 14 Tonnen exportiertem Weizen die Rede - es sind aber 14 Millionen Tonnen.