Das Hauptwerk von VW do Brasil in São Bernardo do Campo.
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Tochterfirma des Autobauers Wie VW mit Brasiliens Junta kooperierte

Stand: 14.11.2017 06:00 Uhr

Die brasilianische VW-Tochter hat der früheren Militärdiktatur im Land offenbar dabei geholfen, Regimegegner zu verfolgen. Nach Recherchen von NDR, SWR und SZ bespitzelte der VW-Werkschutz die Arbeiter des Konzerns - und lieferte offenbar mehrere der Folterhaft aus.

Von Stefanie Dodt, NDR

Verfolgung, Folter, willkürliche Tötungen - mit diesen Methoden bekämpfte die rechtsgerichtete Militärdiktatur in Brasilien von 1964 bis 1985 die politische Opposition. Volkswagen do Brasil, ein Tochterunternehmen des Wolfsburger Autokonzerns, hat damals diese Verfolgung von Regimegegnern offenbar aktiv unterstützt. Zu diesem Ergebnis kommen Recherchen von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung".

Stefanie Dodt

Wie aktiv die Rolle von VW do Brasil war, ergab eine Auswertung umfangreicher Unterlagen: interne VW-Unternehmenspapiere aus Deutschland und Brasilien, als geheim eingestufte Dokumente der brasilianischen Politischen Polizei aus der Diktaturzeit und vertrauliche Berichte des Auswärtigen Amtes. Zudem konnten die Reporter Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft in São Paulo einsehen. Die dortige Justiz ermittelt seit fast zwei Jahren, welche Verantwortung Volkswagen für Menschenrechtsverletzungen zur Zeit der Militärdiktatur trägt.

Zum einen soll VW eine Mitverantwortung für politische Verhaftungen innerhalb des Werksgeländes tragen und damit die eigenen Angestellten der Folter ausgeliefert haben. Die Reporter sprachen auch mit ehemaligen VW-Mitarbeitern. Mehrere von ihnen bestätigten, dass sie im Sommer 1972 am Arbeitsplatz verhaftet wurden. Sie gehörten einer oppositionellen Gruppe an, die innerhalb des Werkgeländes Flugblätter für die kommunistische Partei verteilte und Gewerkschaftstreffen organisierte.

Wachleute von VW do Brasil Anfang der 1960er Jahre vor dem VW-Hauptwerk in São Bernardo do Campo.

Wachleute von VW do Brasil in den 1960er Jahren vor dem VW-Hauptwerk bei São Paulo.

Der Folter ausgeliefert

Der ehemalige VW-Mitarbeiter Lúcio Bellentani schildert, wie der VW-Werkschutz die Politische Polizei auf das Firmengelände ließ, dort Misshandlungen ermöglichte und beobachtete. "VW hat mir zwei Jahre meines Lebens gestohlen", sagt der heute 72-Jährige, der nach seiner Verhaftung acht Monate in Folterhaft und rund 16 weitere Monate im Gefängnis verbrachte. "Indirekt war VW verantwortlich für zahlreiche Fälle von Folter und Verfolgung. Volkswagen soll die Würde haben, seine Verantwortung für diese Taten anzuerkennen."

Außerdem ging die Rolle von Volkswagen weit darüber hinaus, Anfragen von Militärs zu beantworten und sie auf dem Firmengelände gewähren zu lassen. Der Konzern richtete eine Abteilung ein, die sich wohl immer mehr in eine Art werkseigenen Geheimdienst verwandelte. Dieser schon vor der Diktaturzeit gegründete Werkschutz wurde von Beginn an von ehemaligen Offizieren der brasilianischen Armee geleitet.

VW-Wachleute als eine Art Geheimdienst

Ein Teil der Abteilung, die sich auch um die Sicherung des Werksgeländes kümmerte, bespitzelte offenbar die eigenen Mitarbeiter, spähte ihre politische Haltung aus und dokumentierte dies in zahlreichen sogenannten Vorkommnisberichten - Berichte, die schließlich stapelweise in den Akten der Politischen Polizei landeten.

Volkswagen will sich bislang nicht inhaltlich zu den Vorwürfen äußern und verweist auf ein Gutachten, das der Konzern bei dem Historiker Christopher Kopper von der Universität Bielefeld in Auftrag gegeben hat. Dieser habe bis Ende des Jahres Zeit, seine Ergebnisse vorzulegen, sagte Konzernsprecher Hans-Gerd Bode: "Aus heutiger Sicht müssen wir da einfach noch ein bisschen abwarten, wir sollten da jetzt auch keine schnellen Schlüsse und Entscheidungen treffen."

Historiker empfiehlt VW eine Entschuldigung

Im Interview mit NDR, SWR und SZ bestätigte Wirtschaftshistoriker Kopper allerdings bereits die Recherche: "VW hat die Verhaftungen zugelassen." Möglicherweise habe der Konzern durch den Austausch von Informationen mit der Politischen Polizei "einen Beitrag dazu geleistet, dass diese Arbeiter überhaupt von der Polizei erfasst und von der Polizei überführt werden konnten".

Auch die Bespitzelung durch den VW-Werkschutz sieht Kopper als bestätigt an: "Wenn beispielsweise auf einem Klo oder in einer Umkleidekabine verbotene kommunistische Zeitschriften gefunden wurden, hat der Werkschutz das nicht nur registriert, sondern es auch an die Politische Polizei weiter gemeldet." Er werde Volkswagen empfehlen, sich dafür bei seinen ehemaligen Beschäftigten zu entschuldigen, so Kopper.

Was wusste Wolfsburg?

Der Wirtschaftshistoriker Christopher Kopper in der Universitätsbibliothek Bielefeld.

"VW hat die Verhaftungen zugelassen", sagt Christopher Kopper, Wirtschaftshistoriker an der Universität Bielefeld und Gutachter für VW.

Wie aus internen VW-Protokollen hervorgeht, tauschten sich die Unternehmensführungen in Wolfsburg und São Paulo bereits 1972 über Verhaftungen von Mitarbeitern aus. Außerdem soll der VW-Vorstand in Wolfsburg den Recherchen zufolge spätestens im Jahr 1979 von den Vorwürfen erfahren haben.

Damals reisten brasilianische VW-Mitarbeiter persönlich nach Wolfsburg, um den damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Toni Schmücker auf Verstrickungen VWs in die Machenschaften der Militärdiktatur in Brasilien anzusprechen. Einer von ihnen war der Gewerkschaftsführer Devanir Ribeiro: "Ich habe zu ihm gesagt: Sie leiten doch diese Firma. Warum nimmt man Arbeiter in der Firma fest?" Eine Antwort habe er nie bekommen.

Die Zusammenarbeit von VW mit der Militärdiktatur wurde bereits in einem Bericht der brasilianischen Wahrheitskommission angedeutet, der Ende 2014 vorgestellt wurde. Es folgte eine Sammelklage, die ehemalige VW-Mitarbeiter und brasilianische Gewerkschaftsvertreter im September 2015 bei der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo einreichten. Noch in diesem Sommer sollen die Ermittlungen der Anwaltschaft zu einem vorläufigen Abschluss kommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juli 2017 um 20:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Schwarzbär 23.07.2017 • 23:28 Uhr

Die Anti-VW Kampagne läßt grüßen

Dass Firmen, wenn sie mit einem Land auf der ethischen Kippe agieren, fast zwangsläufig auf einer schwierigen Ebene zusammenarbeiten müssen oder das Land verlassen müssen und damit alle Investitionen abschreiben, ist eine Binse. Gleichzeitig erinnert mich diese Medien-Posse an Brent Spar, Bundespräsident Wulff oder ähnliche Geschichten, die mir dazu einfallen, wenn ich diese Story hier lese: obschon der Spitzenreiter in dieser seltsamen Konkurrenz nach wie vor der Spiegel ist, der erst am Wochenende eine Story als neu verkauft (Absprachen in der Autoindustrie), die weder neu (ein Jahr alt) noch bewiesen ist. Sehr geehrte TS. Wie arm ist das denn? Eine Story aus den Siebzigern soll jetzt dafür herhalten, im Wettstreit mit anderen Medien die Autoindustrie, insb. VW vorzuführen? Bitte recherchieren Sie noch die Geschichte des Automobils seit 1889, und schicken Sie mir bitte eine Postkarte, wenn Sie mit Ihrer Kampagne dort sind.