Logo von WhatsApp ist auf einem Smartphone zu sehen | dpa

Reaktion auf Kritik WhatsApp plant Einmal-Nachrichten

Stand: 14.06.2021 11:19 Uhr

Der Chatdienst WhatsApp reagiert auf die wachsende Kritik an seiner Marktmacht. Mit neuen Funktionen zum Schutz der Privatsphäre sollen Befürchtungen vieler Nutzer zerstreut werden.

Der Chatdienst WhatsApp will an der Komplett-Verschlüsselung festhalten und stellt neue Funktionen zum Schutz der Privatsphäre in Aussicht. Die zum US-Konzern Facebook gehörende Firma startet heute eine Anzeigenkampagne zum Datenschutz in Deutschland und Großbritannien. Die Länder gehören zu ihren wichtigsten Märkten.

Zu den Ideen des Managements gehört die Möglichkeit, Nachrichten zu verschicken, die vom Empfänger nur einmal angesehen werden können. Das könne zum Beispiel nützlich sein, wenn man Familienmitgliedern ein Passwort schicken müsse, sagte WhatsApp-Chef Will Cathcart.

Auch wollen Nutzer einstellen können, dass Chats nach einer bestimmten Zeit von alleine verschwinden. "Die Menschen wollen insgesamt nicht, dass ihre Nachrichten für immer erhalten bleiben", so Cathcart. "Wenn wir uns unterhalten, haben wir kein Aufnahmegerät dabei. Insofern ist es seltsam, dass digitale Chat-Plattformen die für immer speichern."

In den kurzen Werbevideos heißt es, dass bei WhatsApp verschickte Inhalte dank der sogenannten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung grundsätzlich nur für die beteiligten Nutzer im Klartext sichtbar seien.

Datenschützer alarmiert

WhatsApp ist zuletzt aus verschiedenen Gründen unter Druck geraten: Zum einen hatte die Ankündigung der neuen Nutzungsregeln für Kritik gesorgt. Datenschützer warnten davor, dass WhatsApp den Datenaustausch mit Drittunternehmen verstärken könnte und vor allem auch Daten mit der Konzernmutter Facebook geteilt würden.

WhatsApp wies dies zurück und betonte mehrfach, dass die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, mit der auch der Dienst selbst keinen Zugang zu Inhalten habe, nicht aufgeweicht werde. WhatsApp-Chef Cathcart räumte indes Fehler bei der Ankündigung der neuen Regeln ein. WhatsApp habe nicht deutlich genug gemacht, was man mache und warum: "Wir wurden erst klarer, als wir die Verwirrung sahen. Das geht auf unsere Kappe", so Cathcart.

Mehr als zwei Milliarden Nutzer  

Angesichts der Kritik haben sich offenbar viele Menschen nach Alternativen zu den Chatdienst umgesehen. Das Unternehmen hat derzeit mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Wie viele tatsächlich abgewandert sind, ist nicht bekannt. Ein überwiegender Großteil der Nutzer, die bereits nach ihrer Zustimmung zu den neuen Regeln gefragt wurden, hätten sie akzeptiert, sagte Cathcart. Genaue Zahlen nannte er nicht.

Ursprünglich sollten Nutzer, die den neuen Regeln nicht zustimmen, mit der Zeit den Zugriff auf Grundfunktionen verlieren. Inzwischen drohen ihnen keine Konsequenzen mehr. Nur die neuen Funktionen zur Kommunikation mit Unternehmen wird man lediglich nach Zustimmung zum Update nutzen können. WhatsApp zufolge waren sie der zentrale Grund für die Änderung der Nutzungsbedingungen.

Versuch einer Charme-Offensive

Der Vorstoß des Unternehmens könnte indes noch einen anderen Grund haben: Der Mutterkonzern Facebook steht derzeit nicht nur in den USA unter genauer Beobachtung. Im vergangenen Jahr reichten Bundesbehörden und Bundesstaaten bereits Klagen gegen den Internetriesen Google und die Online-Plattform Facebook ein. Ihnen werden wettbewerbswidrige Praktiken vorgeworfen. Die Marktmacht der großen Technologiekonzerne wird von vielen Regierungen weltweit mittlerweile als Problem gesehen.

Auch Verbraucherschützer warnen: "Die Marktmacht des Facebook-Konzerns zwingt Nutzerinnen und Nutzer de facto dazu per WhatsApp zu kommunizieren", sagt Lina Ehrig, die Leiterin Team Digitales und Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband. "Aus Verbrauchersicht wäre es ideal, wenn Messenger-Dienste rechtlich und technisch so ausgestaltet sind, dass nachhaltiger Wettbewerb sowie die Innovationskraft des Marktes gefördert werden."

Um den Wettbewerb zu fördern, wäre eine sogenannte Interoperabilität aus Sicht der Verbraucherschützer ein mögliches Mittel: Wie eine Umfrage der Verbraucherzentrale zeigt, wäre rund ein Drittel der Nutzer bereit, den Messenger zu wechseln, wenn Nachrichten zwischen unterschiedlichen Anbietern geteilt werden könnten.

Streit um die Verschlüsselung

Cathcart nimmt seinerseits die Regierungen ins Visier. Sie versuchten, die Verschlüsselung in Chat-Diensten aufzuweichen. "Ich hoffe, dass Regierungen mit der Zeit einsehen, dass die wichtigste Rolle, die sie spielen können, ist, für mehr Sicherheit zu sorgen." Dies könne zum Beispiel geschehen, indem sie Standards für Unternehmen vorgeben.

WhatsApp argumentiere bei Regierungen, dass Ende-zu-Ende-Verschlüsselung die Sicherheit der Bürger schützen helfe. Facebook halte weiterhin an dem Plan fest, die Komplett-Verschlüsselung als nächsten Schritt auch in seinen zweiten Chatdienst Messenger zu bringen, sagte Cathcart.

In mehreren Ländern laufen Versuche von Regierungen und Behörden, die Komplett-Verschlüsselung in Chat-Diensten wie WhatsApp auszuhebeln. Auch in Deutschland gibt es einen Gesetzentwurf, mit dem der Verfassungsschutz die Quellen-Telekommunikationsüberwachung auch in verschlüsselten Chat-Diensten ermöglicht werden soll.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.