Leere Stühle in einer Oper | dpa

Veranstaltungsbranche Wieder massenhaft Corona-Absagen?

Stand: 02.12.2021 18:06 Uhr

Der Dezember ist für Theater und Konzerthäuser meist die beste Zeit des Jahres. Doch auch in diesem Jahr fallen viele Veranstaltungen wieder der Corona-Pandemie zum Opfer. Die Branche ist sauer - und fordert mehr Geld.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

"Wickie und die starken Männer" müssen pausieren. Weil es die neuen Corona-Auflagen des Landes Hessen nicht umsetzen kann, hat das Schauspiel Frankfurt alle Veranstaltungen vom kommenden Sonntag an bis voraussichtlich 9. Dezember abgesagt - auch die Inszenierung des Kinderbuchs von Runer Jonsson. Das Gesundheitsamt der Stadt hatte zuvor einer Fortführung des Spielbetriebs an den Städtischen Bühnen nur unter der Bedingung des "Schachbretts" mit 2G+-Auflagen sowie einer Maskenpflicht zugestimmt.
Diese Regelung bedeutet, dass weniger als die Hälfte der vorhandenen Plätze besetzt werden dürfen.

Es sind aber bereits mehr Karten als die nun erlaubte Platzkapazität verkauft worden, so das Schauspielhaus. "Nach welchen Kriterien sollen wir unsere Gäste nun ausladen? Dafür gibt es keine transparenten Vorgaben", beklagt Intendant Anselm Weber. Für bereits erworbene Karten erhalten die Besucher einen Gutschein. Die Karten können ebenso zurückgegeben oder getauscht werden.

Wie dem Frankfurter Schauspiel geht es auch anderen Veranstaltern. Die Ministerpräsidentenkonferenz hat heute entschieden, Sport- und Kulturveranstaltungen deutlich einzuschränken. Dazu sollen bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen von bis zu 5000 Zuschauern nur 30 bis 50 Prozent der Kapazitäten genutzt werden. Gleichzeitig müssen die Besucher medizinische Masken tragen und geimpft oder genesen (2G) sein. Ergänzend kann für die Teilnehmenden auch ein aktueller Test vorgeschrieben werden (2G+).

"Rücksichtslos und kulturfeindlich"

Andreas Schessl, Chef von MünchenMusik, kennt derlei Beschränkungen bereits, weil in bayerischen Theatern, Kinos und Konzertsälen schon seit dem 25. November neben der 2G+-Regel auch die Auslastung der Säle auf maximal 25 Prozent begrenzt ist. Folglich musste Schessl, einer der europaweit größten Konzertveranstalter, etliche Auftritte von Künstlern absagen; manche wurden auch verschoben. Wie in Frankfurt stellte sich auch dort die Frage, nach welchen Kriterien Gäste hätten ausgeladen werden müssen. Auch würden sich die Veranstaltungen bei einer derart beschränkten Auslastung "nicht rechnen".

Deshalb hat Schessl beschlossen: Gibt es einen Ersatztermin, behalten die bereits gekauften Tickets ihre Gültigkeit. Wird die Veranstaltung ersatzlos gestrichen, können gekaufte Eintrittskarten an der Vorverkaufsstelle zurückgegeben werden, an der sie erworben wurden.

Der Veranstalter hält die Einschränkungen für unfair. Deshalb hat er Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof und dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof erhoben. Schessl stört sich vor allem an der Ungleichbehandlung von Kultur und Gastronomie. "Rücksichtslos und kulturfeindlich", nannte er die Maßnahmen gegenüber dem br.

Branche befürchtet viele Absagen

Jens Michow, der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), hat für die Absagen in Frankfurt und München vollstes Verständnis. "Wenn künftig bei Kulturveranstaltungen in Innenräumen maximal  30 bis 50 Prozent der Raumkapazität genutzt werden darf, werden sofort alle Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Sie wären völlig unwirtschaftlich", sagte er im Gespräch mit tagesschau.de. Zudem sei es weder den Karteninhabern, noch den Veranstaltern zumutbar, wenn drei Viertel des Publikums wieder nach Hause geschickt werden müssten.

"Bereits die seit September geltende 2G-Regel haben die Veranstalter nur mit mehr Personalaufwand umsetzen können. Viele Karteninhaber wollen seitdem ihr Eintrittsgeld zurückhaben, da sie nicht bereit sind sich, obwohl sie geimpft oder genesen sind, noch zusätzlich testen zu lassen“, so Michow. Viele haben ihre Karten bereits 2019 gekauft, als man von Corona noch gar nichts wusste. Sie haben es hingenommen, dass eine Veranstaltung bis zu dreimal verlegt wurde. "Wenn jetzt noch erwartet wird, dass über 2G hinaus auch noch ein negatives Testergebnis vorgelegt werden muss, werden viele Menschen lieber auf den Konzert- oder Theaterbesuch verzichten", so Michow.

Nach dem Gesetz sind Veranstalter berechtigt, dem Inhaber einer vor dem 8. März 2020 erworbenen Eintrittskarte statt der Erstattung des Eintrittspreises einen Gutschein in Höhe des Eintrittspreises auszustellen. Dieser Wertgutschein kann dann entweder für die Nachholveranstaltung oder alternativ für eine andere Veranstaltung des Veranstalters eingelöst werden. Wird der Gutschein bis Ende 2021 nicht eingelöst, können die Inhaber ab Januar 2022 die Auszahlung des Wertes verlangen.

"Nachschärfung" des Sonderfonds gefordert

Für Verbandspräsident Michow ist die Lage der Branche verheerend. 2019 habe die Veranstaltungsbranche noch rund sechs Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. "Der Umsatzeinbruch seit März vergangenen Jahres dürfte also mittlerweile mindestens 10 Milliarden Euro betragen."

Wenn nun wieder nahezu alle Konzerte abgesagt werden müssten, seien erheblich höhere staatliche Hilfen notwendig. Dazu brauche die Branche eine "Nachschärfung" des im Frühjahr vom Bund aufgelegten Sonderfonds für Kulturveranstaltungen. Von den 2,5 Milliarden Euros dieses Fonds seien noch eine Milliarde vorhanden. "Ich hoffe, dass das Geld ausreicht, ansonsten muss der Bund nachlegen", so Michow. Die Veranstalter seien nicht auf staatliche Hilfen erpicht und hätten auch bis zum Ausbruch der Pandemie noch nie Hilfen in Anspruch genommen, "aber in dieser Situation geht es nicht anders", so der Verbandspräsident.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.