Freiwillige Feuerwehr im Einsatz | picture alliance / Jens Büttner

Tag des Ehrenamtes Zum Wohle der Anderen

Stand: 05.12.2021 10:32 Uhr

Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich - sie opfern die eigene Freizeit, um anderen Menschen zu helfen. Welche Bedeutung hat ihre Arbeit für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Wie viele es tatsächlich sind, ist aber unklar, denn die Schätzungen gehen teilweise deutlich auseinander: Laut Bundesfamilienministerium sind 2019 etwa 29 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig gewesen. Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach beziffert die Zahl der Ehrenamtler 2019 dagegen auf gerade einmal 16 Millionen. Erklären lassen sich die Unterschiede durch verschiedene Definitionen, die beide Institute für die Datenerhebung verwenden.

Lilli Hiltscher

Das Ehrenamt weitet den Blick

Überdurchschnittlich häufig üben dabei junge Erwachsene ein Ehrenamt aus. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der BAT Stiftung für Zukunftsfragen hervor. Demnach sind 36 Prozent der jungen Menschen sozial engagiert. Dominik Enste, Leiter des Bereichs Verhaltensökonomie am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), verweist darauf, dass das oft nicht nur altruistische Gründe hat: "Stipendien beispielsweise werden häufig vergeben, wenn die Bewerber soziales Engagement nachweisen."

Auch immer mehr Firmen würden den Mitarbeitern Zeit zur Verfügung stellen, in der sie sich ehrenamtlich engagieren können. "Denn Unternehmen sehen, dass Menschen daraus lernen können und einen anderen Blick auf gesellschaftliche Aspekte erhalten. Das ist häufig auch für die Firmen sinnvoll", so der Experte vom IW. Eine neue Studie des Deutschen Zentrum für Altersfragen zeigt außerdem, dass in der Gruppe der Über-40-Jährigen vor allem Rentner besonders engagiert seien. Das Wissen dieser Generation zu nutzen, sei etwa über Ehrenämter möglich und nötig, findet Enste.

Eine Mitarbeiterin verteilt Waren an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe «Laib und Seele» der Berliner Tafeln
Was ist eigentlich ein Ehrenamt?

Ehrenamtliche Tätigkeiten werden freiwillig und ohne Bezahlung ausgeübt. Manchmal werden den Helfern ihre Kosten ersetzt. Ehrenamtliche Helfer engagieren sich in Bereichen, die der Gesellschaft dienen, also beispielsweise bei der Freiwilligen Feuerwehr, als Übungsleiter in Sportvereinen, oder sie helfen bei der Betreuung alter und kranker Menschen. Somit sind die Aufgaben, die sie übernehmen, gemeinwohlorientiert.

Unerlässlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Das Bundesinnenministerium betrachtet die freiwillige Arbeit als unerlässlich für "den gesellschaftlichen Zusammenhalt ebenso wie für die Stärkung demokratischer Werte und Haltungen." Dafür gibt es ehrenamtliche Tätigkeiten in vielen Bereichen: Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sind 24 Stunden am Tag erreichbar, Wahlhelfer zählen Stimmen aus, Freiwillige helfen Flüchtlingen beim Deutsch lernen oder betreuen herrenlose Hunde in Tierheimen. Die meisten Menschen engagieren sich nach Angaben des Bundesfamilienministeriums in Sportvereinen.

Neben der gesellschaftlichen Bedeutung kommt dem Ehrenamt aber auch eine wirtschaftliche Komponente zu: Schätzungen des Deutschen Zentrum für Altersfragen gehen davon aus, dass alleine die Enkelbetreuung im vergangenen Jahr einen wirtschaftlichen Wert von rund 18 Milliarden Euro hatte. Hinzu kommen die vielen anderen Freiwilligen, die in kulturellen, sozialen oder gesellschaftlichen Bereichen tätig sind. So ist beispielsweise auch die Ständige Impfkommission STIKO ein Ehrenamt.

Monetär lässt sich der Beitrag dieser Menschen darum kaum erfassen, erklärt IW-Forscher Enste: "Bei solchen Schätzungen spielt es beispielsweise eine Rolle, welchen Stundenlohn man zugrunde legt. Nimmt man etwa bei einem Professor, der ehrenamtlich Nachhilfe gibt, seinen Professorenlohn oder den Mindestlohn von zwölf Euro, um die Leistung angemessen zu berücksichtigen?"

Wirtschaftliche Seite wird nicht berücksichtigt

Darum sei es auch gar nicht so einfach, die wirtschaftliche Seite zu berücksichtigen. Gemacht wird das bei der Wirtschaftsleistung Deutschlands, die über das Bruttoinlandsproduktes (BIP) berechnet wird, nicht. Denn unbezahlte Tätigkeiten, zu denen auch das Ehrenamt zählt, fließen nicht in die Berechnung ein. Dadurch wird die Wirtschaftsleistung eines Landes auch nur ungefähr ermittelt. Denn das Ehrenamt trägt vor allem im sozialen Sektor einen großen Teil dazu dabei, dass es beispielsweise sportliche Angebote für Kinder überhaupt gibt.

Dass das BIP dennoch als Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft genutzt wird, stößt darum auf Kritik, weil es ja unbezahlte Leistungen nicht berücksichtigt. "Darum gibt es alternative Lösungen wie das Drei-Säulen-Modell", erklärt der IW-Fachmann. Das Drei-Säulen-Modell geht davon aus, dass eine leistungsfähige Gesellschaft nur durch ein Zusammenspiel aus ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen erreicht werden kann.

Enste verweist darauf, dass viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ohne das ehrenamtliche Engagement nicht funktionieren würden: "Eltern, die in der Freizeit Fußballtrainer werden, sind oft unersätzlich." Generell sei eine Gesellschaft auf sogenanntes "Soziales Kapital" angewiesen, wenn sie funktionieren solle: "Durch soziales Engagement können Menschen eine Wertschätzung erfahren, die nicht monetär beziffert ist. Das kann den sozialen Frieden innerhalb einer Gesellschaft sichern, wenn auch Menschen ohne hohes Einkommen Wertschätzung erfahren."

Verbände fordern mehr Unterstützung aus der Politik

Problematisch wird es allerdings, wenn ehrenamtliche Helfer immer häufiger Aufgaben übernehmen, die eigentlich Festangestellte erledigen sollen. In der Pflege etwa ist der Fachkräftemangel gravierend, und aufgefangen wird er häufig von Freiwilligen. "Immer häufiger fehlt aufgrund von Arbeitszeitverdichtung und personellen Engpässen in unserer modernen Arbeitswelt die soziale Dimension", sagte Ilse Müller, Vorsitzende des Bundesverbandes Rehabilitation: "Bitter ist vor allem, dass aufgrund von Sparzwängen und Konkurrenzkampf dies auch zunehmend in der Gesundheits- und sozialen Versorgung für chronisch kranke und behinderte Menschen der Fall ist."

Der Verband fordert nun anlässlich des internationalen Tags des Ehrenamtes, dass die Arbeit der Mitglieder mehr Anerkennung findet. Auch der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) fordert mehr Unterstützung aus der Politik, vor allem beim Thema Digitalisierung: "Begegnungen und Aktivitäten finden weniger persönlich, sondern vielfach im digitalen Raum statt. Hier brauchen Träger und Organisationen Hilfen bei der Umsetzung sowie eine verlässliche Förderung", sagte KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth. Sonst könnten Verbände ihrer ehrenamtlichen Arbeit nicht mehr nachkommen.

Über dieses Thema berichtete das ARD Mittagsmagazin am 02. Dezember 2021 um 13:37 Uhr.