Ein Freileitungsmast unter blauem Himmel. | picture alliance / Kirchner-Medi

Strompreise auf Rekordkurs Deutsche zahlen immer mehr für Strom

Stand: 08.09.2021 15:04 Uhr

Die Strompreise in Deutschland eilen von Rekordhoch zu Rekordhoch. Eine Besserung ist laut Experten nicht in Sicht. Schon 2023 könnten Versorgungsengpässe drohen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Noch nie haben deutsche Verbraucher mehr für die Kilowattstunde Strom bezahlt als jetzt. Im Schnitt mussten sie im August den historischen Preis von 30,4 Cent berappen. Das zeigt eine Analyse des Vergleichsportals Verivox. Damit hat sich der Strompreis seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt.

"Der Strompreis für Verbraucher erreicht ein neues Allzeithoch", betont auch Steffen Suttner, Geschäftsführer Energie bei CHECK24 gegenüber tagesschau.de. "Ein Musterhaushalt (5.000 kWh Jahresverbrauch) zahlt aktuell im Schnitt 1.529 Euro jährlich für Strom."

Neue Rekordhochs an der Strombörse

Auch wenn Steuern, Abgaben und Umlagen mittlerweile mehr als 50 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, ist an der aktuellen Explosion der Strompreise nicht der Staat schuld. Es sind die Preise im Großhandel, die rasant steigen und von den Versorgern direkt an die Endkunden weitergegeben werden.

Erst zu Wochenbeginn war der Preis für Elektrizität in Deutschland an der Strombörse Leipzig auf ein Rekordhoch gestiegen. Der Kontrakt zur Lieferung am darauffolgenden Tag schnellte auf 132,50 Euro je Megawattstunde empor. Auch die Terminkontrakte mit längeren Laufzeiten setzten ihren Höhenflug fort.

Deutsche zahlen beim Strompreis drauf

Dabei sind hohe Strompreise in der Tat ein deutsches Phänomen. In keinem anderen EU-Land zahlten die Bürger laut dem Europäischen Statistikamt Eurostat im vergangenen Jahr so viel für die Kilowattstunde wie in der Bundesrepublik.

Auch weltweit sind die Deutschen in dieser Disziplin führend: Während in Österreich 2020 für die Kilowattstunde nur umgerechnet 0,25 Dollar gezahlt wurde, fuhr Deutschland mit 0,39 Dollar den unangefochtenen ersten Platz unter den Ländern mit den höchsten Strompreisen ein.

Hierin spiegeln sich in erster Linie die seit Jahrzehnten stetig steigenden Steuern, Abgaben und Umlagen wider. Diesbezüglich ist übrigens etwas Linderung in Sicht: In ihren Wahlprogrammen versprechen alle großen Parteien, die EEG-Umlage abzuschaffen oder zu senken. Verbraucher könnten durch den Wegfall der EEG-Umlage "substanziell" entlastet werden, betont CHECK24-Experte Suttner. "Eine Familie würde so 387 Euro im Jahr sparen."

Windkraftanlagen in Niedersachsen | dpa
EEG-Umlage im Wandel der Zeit

Die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) finanziert die Förderung von Ökostrom-Anlagen in Deutschland. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Stromrechnung. Die Bundesregierung hat sie für 2021 und 2022 mit milliardenschweren Steuergeldern aus dem Haushalt stabilisiert. Dadurch fallen 2021 6,5 Cent und 2022 6 Cent pro Kilowattstunde an. Das bisherige Rekordhoch der EEG-Umlage liegt bei 6,88 Cent und stammt aus dem Jahre 2017. 2011 waren es noch 3,53 Cent.

Windflaute und steigende Preise für CO2-Zertifikate

Doch Abgaben wie die EEG-Umlage erklären die aktuelle Preisexplosion am Strommarkt nicht. Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter-Invest, macht für die momentane Strompreis-Rally eine Kombination mehrerer Faktoren verantwortlich: "die wirtschaftliche Erholung, schwächere Windverhältnisse und eine regnerische erste Jahreshälfte im Vergleich zu 2020 sowie die steigenden Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe".

Auch die steigenden Preise für Verschmutzungsrechte werden von Experten als ein Grund für die Strompreis-Hausse genannt: Zuletzt waren CO2-Emissionszertifikate mit über 63 Euro je Tonne ausgestoßenem CO2 ebenfalls so teuer wie noch nie.

Steigende Stromnachfrage wegen E-Autos

Fallende Strompreise in der nahen Zukunft mag derweil kaum ein Experte prognostizieren, schließlich finden sich sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite gleich mehrere nachhaltige Preistreiber. Dabei spielt die von der Politik forcierte Energiewende eine zentrale Rolle.

So setzen immer mehr deutsche Autofahrer auf ein Elektro- oder Hybrid-Auto. Daten des Kraftfahrtbundesamts zufolge schnellte der Absatz von Elektrofahrzeugen im August um 80 Prozent in die Höhe. Reine E-Autos bauten ihren Marktanteil bei den Neuzulassungen auf 15 Prozent aus, Plug-in-Hybride kamen auf einen Anteil von 13 Prozent.

Ein Trend, der sich laut Experten nicht zuletzt dank staatlicher Subventionen fortsetzen dürfte. Erst vor wenigen Tagen twitterte das Bundeswirtschaftsministerium, die Verlängerung der "Innovationsprämie" bis 2025 sei beschlossene Sache.

Immer mehr Industriekonzerne setzen auf Strom

Doch nicht nur Verbraucher, sondern auch Industriekonzerne dürften künftig immer mehr Strom benötigen. Mit jeder Verschärfung der Klimaziele wird zunehmend auch in Branchen, die bislang auf fossile Energieträger setzen, (grüner) Strom zum Mittel der Wahl.

"Das bedeutet aber auch, dass das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt halten kann - was zumindest vorübergehend für steigende Strompreise sorgen wird", betont Markus Voigt, Chef des auf nachhaltige Investments spezialisierten Vermögensverwalters Aream. Die Knappheit beim grünen Strom werde den Druck auf die Politik erhöhen, sich bei der Regulierung der erneuerbaren Energien schneller zu bewegen und mehr Anlagen möglich zu machen.

Tatsächlich hapert es beim Bau neuer Anlagen oftmals an der deutschen Bürokratie. Die norwegische Statkraft, Europas größter Erzeuger erneuerbarer Energien, mäkelte jüngst, es dauere doppelt so lange, einen Windpark in Deutschland zu bauen wie in den USA.

Stromengpässe voraus?

Während der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt, wird im kommenden Jahr zugleich ein jahrzehntelang wichtiger Energieerzeuger wegbrechen: 2022 sollen die letzten deutschen Atomkraftwerke vom Netz gehen. Bloomberg New Energy Finance prognostiziert für diesen Fall einen Einbruch des Energieüberschusses: Die deutsche Energiewirtschaft werde 2023 nur noch drei Prozent mehr als notwendig schaffen. Vor der Pandemie 2019 betrug der Überschuss noch 26 Prozent.

Die drei Prozent Überschuss sind ein Durchschnittswert. Mit anderen Worten: Bereits in zwei Jahren könnten Engpässe entstehen - entweder bei Verbrauchsspitzen oder wenn etwa wegen einer Windflaute weniger Strom erzeugt wird. Diese müssten dann durch Importe aus anderen Staaten kompensiert werden. Neue Höchststände bei den Strompreisen sind da so gut wie programmiert.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 08. September 2021 um 15:18 Uhr.