Stromausfall in Hannover im Juli 2011: Akkubetriebene Lampen einer Baustelle sorgen für etwas Licht. | dpa

Notfall-Szenario "Brownout" Wenn der Strom mit Absicht ausfällt

Stand: 01.12.2022 15:44 Uhr

Netzbetreiber schließen nicht aus, dass sie bei Engpässen im Winter stundenweise einzelne Stadtviertel vom Stromnetz nehmen müssen. Für diesen Fall gibt es konkrete Szenarien.

Von Michael Heussen, WDR

Von außen sieht der Standort des Netzbetreibers Amprion in Pulheim bei Köln wie ein unauffälliger Industriekomplex aus. Doch wer in die Zentrale für die Systemführung der Stromnetze will, muss durch mehrere Sicherheitsschleusen - und man muss FFP2-Masken tragen, um die Gesundheit der Ingenieure zu schützen: denn wenn hier etwas falsch mit der Computermaus angeklickt wird, könnte in weiten Teilen Europas der Strom ausfallen.

Michael Heussen

Von der Nordsee bis Norditalien, von Frankreich bis Tschechien ist die Landkarte Europas auf einem gigantischen Bildschirm zu sehen, groß wie ein Handballfeld: dem drittgrößten der Welt, erzählen sie stolz. Nur ein chinesischer Stromnetzbetreiber und die US-Weltraumbehörde NASA haben noch größere Bildschirme. Und auf dieser Landkarte, die aus Platzgründen um 90 Grad auf die Seite gekippt ist (der Norden ist links, der Süden rechts)-, kann jeder Stromerzeuger - ob Kraftwerk, Solaranlage oder Windpark - angesteuert werden.

Als die Backofen-Uhren nachgingen

Die wichtigste Aufgabe, die sie hier erfüllen: Die Stromversorgung muss immer und überall funktionieren, immer muss ein Gleichgewicht zwischen Stromproduktion und Stromverbrauch bestehen. Und das nicht nur im eigenen Leitungsgeflecht, sondern über die Grenzen hinweg. Immer noch erzählt man sich hier die Geschichte, als 2018 elektrische Uhren - etwa an Backöfen - sechs Minuten nachgingen. Grund: Der Kosovo hatte zu wenig Strom produziert, Serbien wollte das nicht ausgleichen. Die Folge: Das gesamte europäische Stromnetz geriet aus dem Takt.

Größere Sorgen bereiten Frank Reyer von Amprion aber gerade die Kernkraftwerke in Frankreich. Dort gebe es zwei Probleme, erklärt der Leiter der Systemführungswarte: Durch die Corona-Pandemie konnten die Wartungsintervalle nicht eingehalten werden, deswegen müssen jetzt mehr Kraftwerke als sonst gleichzeitig gewartet und dafür vom Netz genommen werden. Und es treten vermehrt Probleme mit Korrosion an den Leitungen auf. Somit könne Frankreich möglicherweise nicht mehr so viel Strom produzieren, wie dort benötigt wird.

Ein Mann steigt mit einer Taschenlampe während eines Stromausfalls die Treppe hoch. | picture alliance/dpa
Wenn der Strom nicht reicht

Laut Bundesregierung waren Haushalte in Deutschland im Jahr 2020 im Schnitt 10,73 Minuten ohne Strom auskommen. Einen sogenannten "Blackout" - einen großflächigen Stromausfall über einen langen Zeitraum - gab es in Deutschland bislang nicht.

In einem Stresstest des deutschen Netzes sind die Übertragungsnetzbetreiber zum Ergebnis gekommen, dass zumindest stundenweise Engpässe bei der Stromversorgung in diesem Winter nicht ganz ausgeschlossen werden können. Müssen Versorger einzelne Regionen oder Stadtteile für kurze Zeit kontrolliert vom Netz nehmen, ist vom "Brownout" die Rede.

In Ländern mit kleineren oder wenig ausgebauten Netzen kommen solche Brownouts häufiger vor. Aber auch in Industriestaaten wie Japan sind sie ein bekanntes Phänomen.

Mögliche Abschaltungen bis zu 90 Minuten

Gerade bei Kaltwetterlagen mit Temperaturen unter 15 Grad im Süden Frankreichs könnte ein folgenschweres Szenario eintreten: Mit jedem Grad weniger werden zwei Atomkraftblöcke mehr gebraucht, so die Faustregel. Denn Franzosen heizen traditionell viel öfter mit elektrischen Öfen - und müssten möglicherweise schlagartig sehr viel Strom importieren.

Das könnte zu gravierenden Problemen in Deutschland führen, erklärt Reyer. "Es könnte zu kurzfristigen geplanten Abschaltungen kommen, um das Netz wieder sicher zu fahren. Das wäre eine große Einschränkung für die betroffenen Kunden. Aber wir reden nicht von einem Blackout. Denn das wäre ein Schreckensszenario, das wir aus Filmen kennen, wo es zu Chaos kommt. Das halten wir für sehr unwahrscheinlich." Wahrscheinlicher sei ein anderes Szenario: ein Brownout, eine von den Ingenieuren gesteuerte Lastabschaltung, die bis zu 90 Minuten dauern könnte.

Hauptschaltraum des ܜbertragungsnetzbetreibers Amprion in Brauweiler bei Pulheim | picture alliance/dpa

Europas Stromnetz auf einen Blick: Der Hauptschaltraum des ܜbertragungsnetzbetreibers Amprion in Pulheim. Bild: picture alliance/dpa

Auf diesen Fall bereitet sich die Netzgesellschaft Niederrhein in Krefeld vor, erklärt Geschäftsführer Christoph Epe. Im äußersten Notfall könnten ganze Stadtviertel vom Stromnetz genommen werden. Welche, das würde per Zufallsgenerator entschieden, so Epe: "Bei uns käme die Anforderung von Amprion an, ein bis fünf Megawatt Leistung abzuschalten. Krefeld hat eine Leistung von rund 200 Megawatt. Also reden wir von einem bis 2,5 Prozent von Krefeld. Und die würden wir dann diskriminierungsfrei vom Netz nehmen."

Der Zufall entscheidet

Diskriminierungsfrei, das heißt, keiner wird geschont, keiner wird benachteiligt, der Zufall entscheidet. "Es wird nicht existenzbedrohend, es taut kein Kühlschrank auf, es gibt keine lebensbedrohliche Situation, und die Wahrscheinlichkeit, dass es einen trifft, ist sehr gering. Wir schalten ja nicht halb Krefeld ab", sagt Epe. Selbst 90 Minuten in einem steckengebliebenen Fahrstuhl oder in einer liegengebliebenen Straßenbahn stuft er als nicht dramatisch ein, weil keine Gefahr für Leib und Leben entstehe. Die Vorwarnzeit für die Stromabschaltung beträgt nur zwölf Minuten - zu wenig, um die Kunden informieren zu können.

Diese Situation ist durchgespielt worden, im Fall der Fälle wüssten die Stromnetzbetreiber, wie sie sie beherrschen könnten. Sie sprechen zwar von der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg - aber dass die Verbraucher tatsächlich einen Brownout erleben werden, sei unwahrscheinlich.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2022 um 23:15 Uhr.