Spendendose mit Fünf-Euro-Schein. | picture alliance / Bernd Thissen

Spenden auf Rekordniveau Warum die Deutschen 2021 viel spendeten

Stand: 24.12.2021 10:11 Uhr

Während der Weihnachtszeit ist die Spendenbereitschaft in Deutschland besonders hoch. Dass in diesem Jahr mehr gespendet wurde als sonst, liegt aber vor allem an den Ereignissen des Sommers.

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Der Duft von Plätzchen zieht durch die Räume, der Weihnachtsbaum wird geschmückt, Kerzen erhellen die dunkle Jahreszeit - Weihnachten mit all seinen Traditionen ist für viele in Deutschland das wichtigste Fest im Jahr. Schenken und beschenkt zu werden gehört zu den Bräuchen des Weihnachtsfestes. Viele schenken aber nicht nur innerhalb der Familie. Zum "Fest der Liebe" ist das Engagement für Hilfsbedürftige so hoch wie zu keiner anderen Zeit des Jahres.

Lilli Hiltscher

Das spiegelt sich auch in den Beträgen wider, die jedes Jahr zur Weihnachtszeit gespendet werden: "Im Monat Dezember werden etwa 20 Prozent der Jahresspenden gesammelt", berichtet Max Mälzer, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrates. Der Deutsche Spendenrat ist der Dachverband von rund 70 gemeinnützigen Organisationen, sie sich in verschiedenen Bereichen von humanitärer Hilfe bis zu Kunst und Kultur sowie Denkmalschutz engagieren. Seit 2005 erfasst das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag des Spendenrates jährlich das Spendenaufkommen von Privatpersonen.

Rekordjahr für Privatspenden

2021 dürfte für viele Spendenorganisationen ein Rekordjahr werden. Nach ersten Berechnungen der GfK werden wohl rund sechs Milliarden Euro an Spenden von privaten Haushalten zusammenkommen.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) rechnet sogar mit rund 12,5 Milliarden Euro an Spendengeldern, was auch an anderen Erhebungsmethoden liegt. Das DZI berücksichtigt im Gegensatz zur GfK beispielsweise auch Spenden über 2500 Euro. Das allein verursachte im vergangenen Jahr einen Unterschiedsbetrag von rund 3,3 Milliarden Euro aus. Außerdem erfasst das DZI in seiner Berechnung auch die Spenden von Personen, die zwar in Deutschland leben, aber keine deutsche Staatsbürgerschaft haben und es formuliert die Spendendefinition nicht so eng wie der deutsche Spendenrat. Durch diese beiden Punkte erfasse das DZI im vergangenen Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro mehr an Spenden.

Flutkatastrophe steigerte die Spendenbereitschaft

Ausschlaggebend für die hohe Spendenbereitschaft der Deutschen in diesem Jahr war vor allem die Flutkatastrophe im Sommer. Starke Regenfälle hatten Mitte Juli katastrophale Überschwemmungen an den Flüssen besonderes in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen ausgelöst. Zahlreiche Gemeinden wurden verwüstet, hunderte Menschen kamen ums Leben.

In der Folge wurden laut den aktuellen Zahlen des DZI rund 584 Millionen Euro für die Hochwasserhilfe gespendet: "Damit war dies die größte inländische Spendenkampagne seit der Wende", berichtet Burkhard Wilke, Geschäftsführer des DZI.

Richtig Spenden

Das Deutsche Zentralinstitut (DZI) vergibt ein Spendensiegel, das die Seriosität einer Hilfsorganisation sicherstellen soll. Vor der Vergabe werden sechs Monate lang unter anderem die sparsame Verwendung der Mittel und die Jahresrechnung geprüft. Allerdings kann das Siegel nur von überregional tätigen Organisationen beantragt werden, wodurch regionale Vereine und Stiftungen es häufig nicht tragen. Und das Siegel kostet Geld, das nicht in den Projekten landet. Das DZI gibt auf Nachfrage aber kostenlos Auskunft über rund 1.000 Organisationen ohne Siegel.

Die Verbraucherzentrale Hamburg rät außerdem, nicht an Organisationen zu spenden, die stark gefühlsbetonte und Mitleid erregende Bilder nutzen, aber kaum Daten und Fakten liefern. Stattdessen sollten Spender darauf achten, dass ein Jahresbericht veröffentlicht wird. Dort führt die Organisation auf, wodurch sie im vergangenen Jahr Geld eingenommen und wofür sie es wieder ausgegeben hat.

Informieren können sich Spender außerdem bei der Initiative Transparente Zivilgesellschaft. Sie verpflichtet Mitgliederorganisationen dazu, die Satzung, die Namen der wesentlichen Entscheidungsträger sowie Angaben über Mittelherkunft, Mittelverwendung und Personalstruktur öffentlich zu machen. Bisher haben sich 1564 Organisationen der Initiative angeschlossen. Allerdings verpflichtet sich die Initiative nicht, die Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen.

Auch die Zahlen des Deutschen Spendenrates, die für den Zeitraum Juli bis September bereits vorliegen, bestätigen dies: Im Vergleich zu 2020 wurden im Juli 73 Prozent mehr Spendengelder eingesammelt. "Die Flutkatastrophe löste bei den Deutschen eine große Betroffenheit aus: Einerseits waren die Auswirkungen verheerend und die Bilder wirklich erschütternd. Die Auswirkungen waren medial sehr präsent. Und anderseits fand diese Katastrophe sozusagen vor der eigenen Haustür statt", erklärt Mälzer diese Effekte.

Die physische Nähe sei der Grund, warum die Spenden nach der Flut deutlich höher ausfielen als nach anderen Katastrophen, wie etwa nach der Explosion im Hafen von Beirut im vergangenen Jahr. "Zwar waren die Bilder aus Beirut auch erschreckend und lösten eine große Betroffenheit aus. Aber Beirut ist im Gegensatz zum Ahrtal einfach auch sehr weit weg", so der Experte vom Deutschen Spendenrat.

Das bestätigen die Zahlen des Dachverbandes: Rund zwei Drittel der Gesamtspenden flossen in diesem Jahr in Projekte, die sich innerhalb Deutschlands engagieren. 2020 gingen noch über 40 Prozent an internationale Organisationen.

"Naturkatastrophen sind unverschuldete Notlagen"

Besonders die Not- und Katastrophenhilfe erlebte noch einmal einen deutlichen Anstieg der Spendengelder, denn sie wuchs um rund 35 Prozent. Dies übersteigt sogar den Wert von 2015 deutlich, als aufgrund der Flüchtlingskrise ein besonders hohes Spendenaufkommen zu beobachten war. "Naturkatastrophen lösen immer eine sehr hohe Spendenbereitschaft aus, denn die Betroffenen erleben eine unverschuldete Notlage. Das konnten wir auch schon nach dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 beobachten. Damals spendeten die Deutschen über 700 Millionen, es war die bislang größte Spendenaktion", berichtet Wilke.

Rund 78 Prozent der Gesamtspenden, die der Deutsche Spendenrat für den Zeitraum Januar bis September erfasst hat, sind humanitären Projekten wie der Not- und Katastrophenhilfe zugute gekommen. Auch Tier- und Umweltschutz sowie Kultur- und Denkmalpflege legten im Vergleich zum vergangenen Jahr noch einmal zu.

Corona-Krise sorgt für mehr Solidarität

Schon 2020 war ein Rekordjahr für Spenden. Dies zeigen sowohl die Zahlen des Deutschen Spendenrates als auch die des DZI. Dieser Trend setzt sich nun trotz - oder gerade wegen - der anhaltenden Corona-Krise fort. "Die Corona-Pandemie löst starke Solidarisierungseffekte bei den Menschen aus, wodurch die Spendenbereitschaft steigt", erklärt Wilke.

Den Deutschen sei bewusst, dass es ihnen verhältnismäßig gut gehe und besonders in ärmeren Ländern die Menschen deutlich härter von der Krise getroffen seien: "Außerdem hat Corona das Bewusstsein gestärkt, dass die Menschen in Krisen stärker zusammenrücken müssen. Und schließlich waren durch die Lockdowns die Möglichkeiten beschränkt, Geld auszugeben." Dieses Geld werde nun genutzt, um die Nächstenliebe auch finanziell zu leben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Dezember 2021 um 18:20 Uhr.