Flammen eines Gasherdes | dpa

Gas-Stopp Nur eine russische Drohgebärde?

Stand: 27.04.2022 14:09 Uhr

Der Stopp der russischen Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien hat auch Deutschland aufgeschreckt. Der Erdgaspreis schnellt um bis zu 20 Prozent in die Höhe. Experten warnen jedoch vor Panikmache.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Der russische Staatskonzern Gazprom hat seine Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien eingestellt. Das wirft auch Fragen bezüglich der Zukunft der russischen Gaslieferungen nach Deutschland auf. Die Bundesnetzagentur erklärte heute, sie beobachte die Lage hierzulande "genau". Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei "aktuell gewährleistet". Das Wirtschaftsministerium von Robert Habeck von den Grünen ergänzte, die Gasflüsse seien "zum jetzigen Zeitpunkt alles in allem auf einem stabilen Niveau".

Gaspreis schnellt nur kurz deutlich empor

An den Märkten verfehlte die Ankündigung des russischen Lieferboykotts dennoch ihre Wirkung nicht: Zeitweise schnellte der Preis für den europäischen Erdgas-Future um bis zu 20,2 Prozent auf 118 Euro je Megawattstunde in die Höhe. "Die Anleger fürchten, dass Polen und Bulgarien erst der Anfang sind, daher rühren die Risikoaufschläge an den Future-Märkten", erklärt der Ökonom Marcus Matthias Keupp im Gespräch mit tagesschau.de. Die Reaktion der Märkte sei übertrieben, so der Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich.

Tatsächlich schmelzen die frühen deutlichen Gewinne am Gasmarkt rasch ab: Zur Mittagszeit notiert Erdgas nur noch rund zehn Prozent im Plus. "Ein Anstieg von zehn Prozent als Reaktion auf das Abdrehen des Gashahns für Polen und Bulgarien erscheint moderat. Der Preis notiert deutlich unter den Spitzen der vergangenen sechs Monate", betont Wellenreiter-Experte Robert Rethfeld. Auch Carsten Fritsch, Rohstoffexperte der Commerzbank, spricht von einer "eher moderaten Reaktion der Märkte".

Belieferung Deutschlands über Jamal-Pipeline weiter möglich

Diese könnte auch damit zusammenhängen, dass die von dem russischen Lieferstopp gen Polen betroffene Jamal-Pipeline bei der Gasversorgung Europas schon in den letzten Monaten keine nennenswerte Rolle mehr spielte. "Seit Ende Dezember kam der Gasfluss über diese Pipeline nach Deutschland nahezu zum Erliegen. Die Gasflüsse über Jamal machen seit Jahresbeginn weniger als zwei Prozent der russischen Pipelinelieferungen nach Europa aus", so Commerzbank-Experte Fritsch. Deutschland werde vor allem über Nord Stream 1 versorgt, wie Georg Zachmann von der unabhängigen Brüsseler Denkfabrik Bruegel gegenüber tagesschau.de betont.

Zudem könnten Deutschland und auch andere europäische Staaten wie Frankreich technisch durchaus weiter durch die Jamal-Pipeline beliefert werden, so Militärökonom Keupp. "Die Voraussetzung hierfür wäre, dass der Jamal-Transit offenbleibt, während die lokalen Abzweigungen, die Jamal ans polnische Netz anschließen (Lwowek, Gustorzyn), geschlossen bleiben. Das Gas würde dann nach Deutschland durchlaufen, während Polen nichts entnehmen kann. Das ist eine technische Frage, die vom Pipeline-Betreiber, also Gazprom, abhängt."

Gaspipelines

Die Jamal-Pipeline ist eine von drei Hauptleitungen, die auch Deutschland mit Erdgas aus Russland versorgen. Die mehr als 4000 Kilometer lange Pipeline verläuft von den Gasfeldern auf der sibirischen Jamal-Halbinsel durch Russland, Belarus und Polen bis zum Oderbruch in Brandenburg.

Russland ist auch von Deutschland abhängig

Dabei ist für die Zukunft der deutschen Gasversorgung aus Russland womöglich gar nicht so wichtig, welche Pipeline nun genau von dem Stopp betroffen ist: "Die Bedeutung des Lieferstopps ist nicht der Stopp bestimmter Pipelineflüsse, sondern der Bruch eines langfristigen Gasliefervertrags", unterstreicht jedenfalls Bruegel-Experte Zachmann gegenüber tagesschau.de.

Doch könnte Russland nun tatsächlich auch gegenüber Deutschland kurzfristig ernstmachen? Experten bezweifeln dies; schließlich befindet sich nicht nur Deutschland, sondern auch Russland in einem starken Abhängigkeitsverhältnis: 18 Prozent der russischen Gasexporte fließen Daten der US-Energiebehörde EIA zufolge in die Bundesrepublik. Deutschland ist für Russland demnach das wichtigste Abnehmerland. Einen plötzlichen Ausfall der Exporte in die Bundesrepublik könne sich Russland kaum leisten.

Nichts als "russische Propaganda"?

Militärökonom Keupp sieht daher in dem Gas-Boykott gegenüber Polen und Bulgarien, die für Russland "keine signifikanten Absatzmärkte für Erdgas" seien, in erster Linie eine "Drohgebärde" - einen politisch durchschaubaren Versuch, Länder wie Deutschland einzuschüchtern.

"Doch wirklich glaubwürdig ist das nicht. Wir sollten der russischen Propaganda nicht auf den Leim gehen. Die will nämlich genau das: Dass wir einen Riesenschreck bekommen und in Panik verfallen." Langfristig werde sich Russland mit dieser Taktik aber "ins Bein schießen". Russland zeige sich damit endgültig als unzuverlässiger Energielieferant. Das beschleunige wiederum den Umbau der europäischen Energieversorgung. "Jeder, der die Wahl hat, wird künftig auf Russland als Lieferanten verzichten", ist Ökonom Keupp überzeugt.

So kann Deutschland unabhängig von Russland werden

Tatsächlich laufen in Deutschland die Bemühungen, weniger abhängig vom russischen Gas zu werden, seit dem russischen Überfall auf die Ukraine unter Hochdruck. Laut Wirtschaftsminister Habeck ist es bereits gelungen, den Anteil des Erdgases aus Russland von 55 Prozent im vergangenen Jahr auf inzwischen 35 Prozent zu senken. Den bisherigen Plänen zufolge soll er bis zum Jahresende auf etwa 30 Prozent sinken - und weiter auf zehn Prozent bis zum Sommer 2024.

Vor allem der Import von Flüssiggas (LNG), etwa aus Norwegen und Katar, spielt dabei eine große Rolle. Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge kann Deutschland bereits im kommenden Jahr seine Stromversorgung auch ohne Energieimporte aus Russland sicherstellen. Neben des Ausbaus der LNG-Importe sowie der Wind- und Solarkraft müssten dazu auch Kohlekraftwerke intensiver genutzt und länger bereitgehalten werden.

Ein kurzfristiger großflächiger Ausfall der russischen Gasimporte nach Deutschland und Europa hätte allerdings vermutlich schwerwiegende Folgen. Für diesen Fall droht nach Einschätzung von Volkswirten zufolge Deutschland und großen Teilen der EU eine schwere Rezession.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. April 2022 um 12:00 Uhr.