Eine ältere Frau geht mit einem Rollator  durch eine Einkaufsstraße in der Lübecker Innenstadt und trägt dabei eine Maske.  | dpa
Hintergrund

Warnungen von Ökonomen Rentensystem vor dem Kollaps?

Stand: 21.06.2021 10:35 Uhr

Zu wenige Beitragszahler und hohe Belastungen für den Haushalt - immer wieder weisen Experten auf die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung hin. Führt das zwangsweise zur Rente mit 68 oder sogar 70?

Von Andreas Braun, tagesschau.de

Die Kritik am System der deutschen Rentenversicherung, die seit Wochen öffentlich diskutiert wird, ist scharf. Die gesamte Konstruktion der umlagefinanzierten Rente ist in den vergangenen Wochen durch Ökonomen infrage gestellt worden.

Viele der Kritikpunkte sind seit langem bekannt, für Aufregung sorgte aber vor allem ein Papier des wissenschaftlichen Beirats am Bundeswirtschaftsministerium, also einer Beratungsinstanz innerhalb der Bundesregierung. Wirtschaftsminister Peter Altmaier selbst stellte die Vorschläge des Gremiums als "nicht bindend" für sein Ministerium dar. Der Beirat sei "unabhängig".

Renten- und Beitragsgarantie verschärft die Lage

Die Autoren der Studie sind mit ihrer Zustandsbeschreibung des Systems der deutschen Rentenversicherung allerdings unter Fachleuten alles andere als alleine. Sie sehen "schockartig steigende Finanzierungsprobleme" auf die Rentenkassen zukommen. Verursacht würden diese Probleme vor allem von der 2018 eingeführten Garantie des Rentenniveaus bei 48 Prozent des Durchschnittslohns sowie der Begrenzung der Rentenbeiträge auf maximal 20 Prozent.

Dies habe zusammen mit der Einführung der "Rente mit 63" dazu geführt, dass das Defizit innerhalb der Rentenversicherung weiter ausgeweitet wurde. Mehr als ein Viertel des Bundeshaushalts musste 2019 in die Rentenkasse umgeleitet werden, um diese Lücke zu füllen. Im Jahr 2040 droht bereits knapp die Hälfte der Bundesmittel dafür aufgebracht zu werden.

Steigende Lebenserwartung

Die Folgerung der Ökonomen des Beirats mit ihrem Vorsitzenden, dem Münchner Ökonomieprofessor Klaus M. Schmidt, lautet: Die Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung sei "unumgänglich". Wenn die Deutschen also in der Tendenz länger leben und länger Rente beziehen, müsse der Rentenstart entsprechend weiter nach hinten geschoben werden. Dies würde in rund 20 Jahren einer "Rente mit 68" entsprechen.

Zudem fordern die Experten, Rentenerhöhungen künftig nicht mehr durchgängig vorzunehmen. Während die Bestandsrenten nur noch mit der Kaufkraftentwicklung steigen sollten, könne man bei den "Zugangsrenten", also Beschäftigten, die ins Rentnerdasein wechseln, noch eine Garantie von zum Beispiel 48 Prozent gewährleisten.

Kritik an "unsozialen" Vorschlägen

Während Politiker vieler Parteien die Vorschläge des Gremiums sogleich als "unsozial" oder nicht realistisch kritisierten, bekommen die Autoren auch von anderer Seite Rückendeckung aus der Wissenschaft. Die Forscher des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sehen in einer weiteren Verlängerung der Lebensarbeitszeit ebenfalls einen sinnvollen Weg, das deutsche Rentensystem zu stabilisieren.

IW-Studienleiter Jochen Pimpertz sieht darin die Möglichkeit, den "Beitragsanstieg abzubremsen und gleichzeitig das Sicherungsniveau zu stabilisieren". Er empfiehlt, das Renteneintrittsalter ab 2031 um zwei Monate je Geburtsjahr anzuheben. Im Jahr 2052 würde die Regelaltersgrenze dann bei 70 Jahren liegen.

Auch der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen sieht dramatischen Reformbedarf beim Rentensystem in Deutschland. Die Bundesregierung könne nur noch zwischen "Pest und Cholera" wählen, sagte er kürzlich in einem Interview. Entweder müssten die Beitragssätze für die Rentenkasse oder der Zuschuss des Bundes drastisch erhöht werden. Die Bundesregierung habe in den vergangenen Jahren die "Mehrheit der Alten" zu großzügig beschenkt, so seine Einschätzung.

Schwedisches Modell der Aktienrente

Einen radikalen Schwenk weg von der heutigen reinen Umlagefinanzierung fordert etwa Martin Werding, Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Eine "Aktienrente", bei der Arbeitnehmer zwei Prozent ihres Bruttoeinkommens in einen Aktienfonds investieren, könne bei langjährig versicherten Durchschnittverdienern die Rentenzahlungen um bis zu 30 Prozent erhöhen, hat Werding errechnet. Auch die Verbraucherzentralen halten eine solche Vorsorgekomponente, die sich etwa am schwedischen Rentenmodell orientiert, für sinnvoll. Klaus Müller, Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, sieht in der Aktienanlage eine Möglichkeit, "mehr Geld im Alter" für Versicherte zu erhalten.

Aber selbst eine grundlegende Reform des Rentensystems dürfte die Lücke zwischen Arbeitseinkommen und Alterseinkünften bei vielen Beitragszahlern kaum schließen können. Die Riester-Rente, die vor rund 20 Jahren eingeführt wurde, ist allerdings nach Überzeugung vieler Experten dazu kaum geeignet. Es mehren sich die Stimmen für ein Auslaufen von Riester-Förderungen unter einer neuen Bundesregierung im Herbst. Prominenter Kritiker des Riester-Modells ist etwa der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige "Wirtschaftsweise" Bert Rürup. Er plädiert für Vorsorgekonten, die etwa von einer Stiftung verwaltet werden könnten und für alle Bürger zugänglich sein sollen. Auch hier ist die Idee, dass zusätzliche Beiträge schwerpunktmäßig am Kapitalmarkt investiert und im Alter in Auszahlpläne umgewandelt werden, die die gesetzliche Rente ergänzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 08. Juni 2021 um 17:50 Uhr.

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KOMMENTARE

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oooohhhh 21.06.2021 • 18:51 Uhr

Lebenserwartung, Anna-Elisabeth et al

genau jetzt einfach noch sagen: die Reichen, wer auch immer sich nicht angesprochen fühlt , aber immer gemeint ist, werden älter als die Armen, vile fühlen sich angesprochen nur kaum einer ist gemeint. Wie richtig und sinnlos dieses Argument ist , möchte ich unseren Ideologiebetonköpfen hier einmal demonstrieren am Beispiel der Mehrheit der Bevölkerung der... Wer hat eine höhere Lebenserwartung? Wer erhält im Verhältniss zu seinen Einzahlungen und real erworbenen Rentenpunkten eine absolut höhere Rente auf gesamte Leben gerechnet? Richtig. Neid ist nie eine Lösung, er isst die Seele auf. AUWEIA jetzt schäumt die Mehrheit. FAKTEN tun weh, sind aber in einer sozialen Marktwirtschaft nur mit totalitären und diktatorischen oder dogmatischen Methoden zu entkräften.... Ich weiss daran wird wider gearbeitet... Sorry einTip: Ihr werdet es trotzdem nie schaffen - siehe 1989