Fahrgäste gehen zu einem Regionalzug am Ostbahnhof in Berlin. | dpa

9-Euro-Ticket nun gültig Drohen an Pfingsten überfüllte Bahnen?

Stand: 03.06.2022 06:03 Uhr

Das 9-Euro-Ticket könnte am langen Pfingstwochenende für volle Bahnen sorgen. Auf welchen Strecken droht ein besonderer Ansturm? Können Fahrgäste abgewiesen werden? Wie bereiten sich die Betriebe vor?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Traditionell geht es für viele Deutsche am langen Pfingstwochenende in den Urlaub. Für einen Ausflug innerhalb Deutschlands bietet es sich an, das 9-Euro-Ticket zu nutzen, das seit Mittwoch gilt. Damit können Reisende für neun Euro bundesweit in allen Bussen, Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und Zügen des Nah- und Regionalverkehrs fahren. Nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sind bereits rund sieben Millionen der Fahrscheine über Apps, Ticketshops, Automaten oder Kundencenter verkauft worden. Allein bei der Deutsche Bahn (DB) griffen laut Vorstandschef Richard Lutz etwa 2,7 Millionen Menschen zu. Das könnte in den kommenden Tagen für überfüllte Busse und Bahnen sorgen. Worauf müssen sich die Fahrgäste einstellen und welche Rechte haben sie? Und welche Möglichkeiten haben die Verkehrsbetriebe?

Till Bücker

Verkehrsbetriebe erwarten "deutlich mehr Fahrgäste"

Wie voll die Fahrzeuge tatsächlich werden, lässt sich kaum abschätzen - auch für die Verkehrsbetriebe selbst. Eine Zugbindung oder Reservierungspflicht gibt es beim 9-Euro-Ticket nicht. Am Pfingstwochenende sei auf den Verbindungen zu touristischen Zielen aber mit deutlich mehr Fahrgästen zu rechnen, schreibt der Verband Deutscher Verkehrsbetriebe (VDS) auf Anfrage. Auch die Deutsche Bahn teilt tagesschau.de mit: "Da an den bevorstehenden Feiertagswochenenden und während der Sommermonate insbesondere mehr Freizeit- und Ausflugsfahrten unternommen werden, geht die DB davon aus, dass es vor allem entlang touristischer Strecken ein höheres Fahrgastaufkommen geben kann."

Besonders beliebte Ziele seien dabei die Nordsee, Ostsee, der Schwarzwald sowie Ausflüge Richtung Stuttgart oder dem Bodensee, sagte ein Sprecher. Am meisten Reisevorkommen erwartet die Bahn am heutigen Freitag sowie am Pfingstmontag und Dienstag. Im Fernverkehr, für den das 9-Euro-Ticket nicht gilt, setzt der Konzern daher am langen Wochenende 50 Sonderzüge ein. Für den Nah- und Regionalverkehr seien für diese Tage keine Extra-Züge geplant, so der Sprecher.

Denn der Konzern habe sich auf den gesamten Zeitraum der Aktion vorbereitet. 50 zusätzliche Regionalbahnen sollen für die drei Monate vor allem entlang der Touristenstrecken in Richtung Nord- und Ostsee sowie im Süden eingesetzt werden. Das entspricht DB zufolge 250 Fahrten und rund 60.000 Reisenden pro Tag.

Personal verstärkt

"Wir bereiten uns vor und setzen buchstäblich alles in Bewegung, was wir haben - Züge, Busse, Servicekräfte", betonte jüngst auch Jörg Sandvoß, Chef der Bahn-Tochter DB Regio. Dennoch könne das Angebot bei starker Nachfrage an seine Grenzen stoßen.

Auch der VDV betont, dass gerade in den Tourismusregionen "alles fahren wird, was fahren kann". Etwa in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern setzen die regionalen Betriebe mehr Züge ein. Trotz aller Vorbereitungen sei den Verantwortlichen der Verkehrsunternehmen aber klar, "dass es in den kommenden drei Monaten aufgrund der steigenden Nachfrage hier und da zu sehr vollen Zügen, Bussen oder Bahnen kommen kann".

"Das deutsche ÖPNV-System ist sehr leistungsfähig. Aber es wird Strecken geben, auf denen es richtig voll wird. Denn auch wenn das 9-Euro-Ticket eigentlich nicht als touristisches Angebot gedacht war, sondern als Entlastung für die Menschen aufgrund der gestiegenen Energiepreise, werden viele Fahrgäste damit im Juni, Juli und August zu Ausflugs- und Urlaubszielen fahren", so Präsident Ingo Wortmann gegenüber tagesschau.de.

Mehr als viermal so viele Service- und Sicherheitskräfte

Daher sei es wichtig, dass alle Beteiligten in solchen Fällen mit der richtigen Erwartungshaltung an die Bus- und Bahnnutzung herangehen, erklärt Wortmann. "Wir können nur dafür sensibilisieren, bei Fahrten zu beliebten Ausflugszielen möglichst flexibel zu planen, eher mit weniger Gepäck und lieber ohne Fahrrad zu reisen."

In den drei Sommermonaten koordinieren nach Angaben der Deutschen Bahn über 700 zusätzliche Service- und Sicherheitskräfte an den Bahnhöfen den raschen Ein- und Ausstieg. Außerdem unterstützen sie Reisende mit ihrem Gepäck und stehen für Auskünfte zur Verfügung.

Das seien mehr als viermal so viele wie in einem normalen Sommer, erklärt ein Sprecher. Sogenannte Fahrradlotsen oder -lenker am Bahnsteig seien etwa dafür da, die Bikes gleichmäßig auf die Waggons und vorhandene Plätze zu verteilen, ohne dass dabei Zeit verloren geht. Die DB Regio verstärkt darüber hinaus die Wartung und Reinigung von Zügen in den Werken und durch mobile Instandhaltungsteams.

Ein Mann steigt mit seinem Fahrrad im Frankfurter Hauptbahnhof in den Zug. | dpa
9-Euro-Ticket: Die Mitnahme von Fahrrädern

Wer am Pfingstwochenende einen Ausflug mit dem Fahrrad plant und mit der Bahn anreisen will, sollte einige Aspekte beachten. So ist die Mitnahme von Rädern im 9-Euro-Ticket nicht inklusive. Es gelten laut DB die kostenpflichtigen Regelungen der jeweiligen Verkehrsverbünde.

Zudem weist der Konzern darauf hin, dass die Mitnahme aufgrund der möglicherweise hohen Auslastung in den Zügen nicht immer garantiert werden kann. Die Bahn empfiehlt, sich ein Fahrrad am Ausflugsort zu leihen.

Was passiert bei Überfüllung?

Das lange Pfingstwochenende gilt nun als erster Stresstest. Im schlimmsten Fall können sogar Züge ausfallen. So warnte jüngst die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vor eventuellen Räumungen von Zügen, Bahnsteigen oder ganzen Bahnhöfen. Der Ausflugsverkehr könnte das System Schiene an eine Belastungsgrenze bringen. "Wenn einem ganzen Bahnhof die Überfüllung droht, wird er geschlossen. Und wenn Züge zu voll sind, müssen sie geräumt werden", sagte der stellvertretende EVG-Vorsitzende, Martin Burkert, der "Rheinischen Post".

Das bestätigt auch die Deutsche Bahn: "Es kommt immer wieder einmal vor, dass ein Zug so voll ist, dass er nicht abfahren darf. Es gibt maximale Auslastungen, die zulässig sind. Wenn ein Zug nicht abgefertigt werden kann, ist es die Aufgabe des Zugpersonals, dafür zu sorgen, dass einzelne Fahrgäste den Zug wieder verlassen." Das Zugpersonal sei mit Schulungen auf solche Situationen vorbereitet worden.

Ein genaues Limit gebe es aber nicht, erklärt ein Sprecher. Wann das passiere, sei eine Einzelfallentscheidung und auch im Regelbetrieb ohne 9-Euro-Ticket durchaus mal möglich - meist aber im Fernverkehr. In der Regel funktioniere eine notwendige Teil-Evakuierung über Durchsagen. Wenn in den Bahnen des Nah- und Regionalverkehrs die Türen nicht mehr schließen können, werden Fahrgäste gebeten, die nächste Reisemöglichkeit zu nutzen. Eine Bevorzugung bestimmter Gruppen gibt es nicht.

Fahrgäste können in bestimmten Fällen Fernverkehr nutzen

Mit Entschädigungen können die ausgewiesenen Passagiere nicht rechnen. Denn Sonderrechte beinhalte das 9-Euro-Ticket nicht. Danach gelten nach DB-Angaben die regulären Fahrgastrechte: Setzt ein Fahrgast mit einer Zeitkarte - etwa einem Wochen- oder Monatsticket, zu denen auch das 9-Euro-Ticket zählt - nicht fort, werden maximal 25 Prozent des Wertes erstattet. Das sind beim 9 Euro-Ticket 2,25 Euro. Entschädigungsbeträge von weniger als vier Euro muss die Bahn jedoch laut Gesetzgeber nicht zahlen.

Allerdings: Bei Verspätungen im Nah- und Regionalverkehr über 20 Minuten hinaus hat der Reisende das Recht, einen Fernverkehrszug wie einen ICE oder IC zu nutzen. Dafür muss er sich zunächst ein Ticket kaufen und bekommt die Fahrtkosten im Nachhinein erstattet. Alternativ kann mit dem 9-Euro-Ticket auch einfach der nächste Zug genutzt werden - es gilt schließlich für alle Regionalbahnen der 2. Klasse.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau um 12:00 Uhr sowie tagesschau24 am 03. Juni 2022 um 10:00 Uhr.