Zwei Produkte der Weltmarktführer bei Nassrasierern, Gillette und Wilkinson. | picture-alliance/ dpa/dpaweb

Geschäft mit Rasierbedarf Der Kult um die Klinge

Stand: 02.12.2021 10:37 Uhr

Vor 120 Jahren meldete der US-Erfinder King Camp Gillette seinen "Safety Razor" zum Patent an - die moderne Rasierklinge war geboren. Für die Hersteller ist sie heute ein Milliardengeschäft.

Von Alexander Noodt, Radio Bremen

Sie hat kaum Gewicht, ist aber eine gewichtige Erfindung. Sie ist dünn und sorgt für dicke Gewinne. Sie ist äußerst beliebt und kann zugleich Angst einflößen: die Rasierklinge.

Der US-Geschäftsmann King Camp Gillette hatte die Idee einer zweiseitigen Klinge, die - in einen Rasierhobel eingelegt - die Rasur revolutionieren sollte. Am 2. Dezember 1901, also heute vor 120 Jahren, meldete Gillette für die zweiseitige Klinge ein Patent an. Mit den ewig stumpfen Rasiermessern und dem dauernden Nachschleifen sollte Schluss sein.

Ein Mann wird mit Rasierschaum eingepinselt. | picture alliance / Daniel Karman

Die Geheimnisse der perfekten Nassrasur: Videoanleitungen zum Thema werden im Internet von Millionen Menschen angeschaut. Bild: picture alliance / Daniel Karman

Bis zu fünf Euro für eine einzige Klinge

Was nur so mittelmäßig gut geklappt hat: Nach wie vor werden Rasierklingen immer stumpfer. Experten zufolge liegt das allerdings nicht daran, dass die Schneidefläche mit der Zeit immer runder wird. Wissenschaftler des Massachusetts Institut of Technology fanden heraus, dass die Klinge mit der Benutzung immer mehr Risse bekommt und daher stumpf wird.

Das macht die Rasierklingen zu einem Milliardengeschäft für die Hersteller Gillette, Wilkinson und Co. Bis zu fünf Euro kann man mittlerweile im Premium-Segment für eine einzige Fünffach-Klinge hinlegen. Für Frauen wird es bei gleicher Klinge im Schnitt meist teurer als für die Männer.

Tausende Stunden für die Rasur

Der Kult um die Klinge nimmt zuweilen absurd anmutende Formen an: Im Netz gibt es Videos, in denen Barbiere in stilechten Shops scheren und konturieren, und 1,6 Millionen Menschen schauen ihnen dabei zu - 50 Minuten lang. Ein Tutorial über die korrekt ausgeführt Nassrasur ist schon von mehr als 3,5 Millionen Menschen gesehen worden. Doch Rasierklingen können auch Schrecken erregen: Die Psychologie kennt die Xyrophobie. Sie bezeichnet die Angst vor Klingen und Messern - nicht zu verwechseln mit der Xylophobie, der Angst vor Holz.

Ob vor dem Spiegel oder unter der Dusche - Männer verbringen im Schnitt etwa 3300 Stunden ihres Lebens mit der Rasur. Dem Wunsch nach haarfreier, glatter Haus sind zumeist eine Menge Entscheidungen vorausgegangen: Nass oder trocken, Messer oder Klinge, Aufsteck- oder Deckelklemmung, Drei-, Vier- oder Fünf-Klingen-System. Bevor es die Klinge gab, entledigten sich die Menschen ihrer Haare mit Bimssteinen, Bienenwachs oder Pinzetten aus Muscheln.

Streit um die Patente

Dem ersten Patent vor 120 Jahren folgten bei Gillette, heute eine Marke des US-Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble, einige weitere. Allein in den USA sollen rund 1750 Patente hinterlegt sein. Und so verklagt der heutige Marktführer seine Mitbewerber immer wieder wegen Patentrechtsverletzungen.

Im Jahr 2017 etwa verbot das Landgericht Düsseldorf dem Konkurrenten Wilkinson eine Klinge herzustellen, die auf einen Gillette-Rasierer passt. Obwohl das Patent in wenigen Monaten ausgelaufen wäre, pochte der Marktführer auf sein Recht. In jeglicher Hinsicht führt Gillette seit 120 Jahren eine scharfe Klinge.