Elektroauto wird an einer Ladesäule geladen | picture alliance/dpa

Mobilitätsmonitor 2021 Viele Vorbehalte gegen E-Autos

Stand: 13.07.2021 18:16 Uhr

Politik und Wirtschaft setzen immer stärker auf E-Mobilität. Doch gehen die Menschen da mit? Eine neue Studie zeigt, dass viele skeptisch sind.

Von Sebastian Deliga, SWR

Den Daumen optimistisch nach oben gereckt fährt Thomas Weber mit seinem Elektro-Fahrzeug zum Interview vor. Dabei ist das, was er im Gepäck hat, nicht so erfreulich - zumindest für die Politik und die Automobilindustrie. Weber arbeitet für die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, kurz Acatech, einen Thinktank unter anderem für Mobilitätsmodelle der Zukunft. Jährlich beauftragt die Akademie das Institut für Demoskopie Allensbach mit einer repräsentativen Umfrage zum Mobilitätsverhalten der Deutschen. Diesmal wurde unter anderem die Einstellung der Menschen gegenüber der E-Mobilität abgefragt. Das Ergebnis: Obwohl die Politik und mittlerweile auch die Wirtschaft stark auf Elektromobilität setzen, um die Klimaziele zu erreichen, gibt es in der Bevölkerung nach wie vor erhebliche Vorbehalte.

Sebastian Deliga

Nur 24 Prozent würden E-Auto kaufen

In der Studie heißt es zunächst, die Mehrheit erwarte zwar, dass die Elektromobilität immer wichtiger werde, sei aber überwiegend skeptisch. 24 Prozent der Bevölkerung könnten sich vorstellen, ein E-Auto zu kaufen. Immerhin: Ein Hybrid käme nach der Umfrage für 31 Prozent infrage. "Nur ein Viertel zieht ernsthaft in Erwägung, sich ein Elektroauto zu kaufen", fasst Weber das Ergebnis zusammen. "Als Argument - da haben wir speziell nachgefragt - kommt immer ungefähr das Gleiche: Die Autos sind doch zu teuer, die Reichweite ist viel zu kurz - und die größte Sorge: Kann ich das Elektroauto überhaupt aufladen, habe ich eine entsprechende Ladeinfrastruktur?"

Tatsächlich hat die Umfrage ergeben, dass E-Autos vielen nur als Kurzstreckenfahrzeuge gelten. "Dass die Reichweite wächst, ist der Mehrheit bisher nicht bewusst", heißt es in der Studie. Vor allem werde die Ladeinfrastruktur als "völlig unzureichend bewertet". Und: "Gleichzeitig zweifelt die Mehrheit, dass die Ladeinfrastruktur in den nächsten Jahren gravierend ausgebaut wird." Und noch einen Vorbehalt nennt die Studie: Nur jeder Fünfte hält es für richtig, E-Mobilität staatlich zu fördern. 51 Prozent wünschen sich "einen technologisch offenen Ansatz", der auch andere Antriebe berücksichtigt - wie etwa Brennstoffzellen oder synthetische Kraftstoffe.

Automobilindustrie setzt auf E-Autos

Insgesamt kein erfreuliches Ergebnis für jene, die E-Autos verkaufen wollen, nämlich die Automobilkonzerne. Dort rechnet man mit einem erheblichen Anstieg der Verkaufszahlen - trotz der Vorbehalte. "Allein im Juni sind rund 65.000 neue E-Autos hinzukommen. Damit wurden bislang in Deutschland insgesamt mehr als eine Million Elektrofahrzeuge neu zugelassen", sagt eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Und sie ergänzt: "Die von der Europäischen Kommission für diese Woche angekündigte Verschärfung der Flottengrenzwerte wird voraussichtlich einen Anstieg auf zehn bis vierzehn Millionen E-Pkw im Bestand in Deutschland bis zum Jahre 2030 erfordern." Der VDA bezieht sich damit auf das Klimapaket der EU, das die Europäische Kommission am morgigen Mittwoch vorstellen will - und das der Elektromobilität, so die Erwartung der Automobilindustrie, nochmal einen Schub geben dürfte.

Bis 2025 wolle die deutsche Automobilindustrie 150 Milliarden Euro in die E-Mobilität investieren und 150 verschiedene E-Modelle auf den Markt bringen. Nur was, wenn die noch zu großen Teilen skeptische Kundschaft vor dem Kauf zurückschreckt, weil sie nicht weiß, wo sie die Stromer aufladen soll? Der VDA sieht da vor allem die Politik in der Pflicht: "Bis 2030 braucht Deutschland mehr als eine Million Ladepunkte für E-Pkw und E-Transporter", so die VDA-Sprecherin. "Dafür müssen pro Woche 2000 neue Ladepunkte errichtet werden. Auf öffentlichen Flächen werden pro Woche derzeit aber gerade nur rund 250 gebaut." Deshalb brauche es mehr Tempo. So will der Sportwagenhersteller Porsche aus Stuttgart etwa bis 2030 mehr als achtzig Prozent seiner Autos mit Elektroantrieb verkaufen, sieht aber auch die Politik in der Verantwortung. "Elektromobilität ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik und Wirtschaft", sagt Sebastian Rudolph, bei der Porsche AG unter anderem zuständig für Politik und Nachhaltigkeit. "Und dazu gehört, dass das Netz an Ladestationen so engmaschig wird, dass der Kunde, der Autofahrer, im Prinzip an jeder Ecke sein Auto auch laden kann."

Bis zu zehn Millionen E-Fahrzeuge bis 2030?

Das Bundesverkehrsministerium listet auf seiner Internetseite allerlei Maßnahmen auf, um die Ladeinfrastruktur zu fördern. Sieben bis zehn Millionen E-Fahrzeuge seien bis 2030 nötig, um die Klimaziele im Verkehr zu erreichen, heißt es derzeit auf der Seite des Verkehrsministeriums - es bleibt damit unter den Prognosen des VDA. Der grüne Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann, findet: "Auch der Bund muss mehr investieren. Wir brauchen ja alleine in Baden-Württemberg zweieinhalbtausend öffentliche Ladestationen bis 2030, also da haben wir noch richtig viel vor." Allerdings müssten die Firmen auch selber mehr tun, um die E-Mobilität attraktiver zu machen.

Ob das die skeptische Bevölkerung überzeugen wird? Der Mobilitätsmonitor 2021 zeigt nämlich noch andere Baustellen im Bereich Mobilität. Zwar bleibe für die Mehrheit Klimaschutz "die größte globale Herausforderung". Aber: Sie misst Plänen wie etwa dem Ausbau des ÖPNV immer weniger Bedeutung bei. Es bleibt also noch einiges zu tun für Politik und Wirtschaft, die Menschen zu überzeugen.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 13. Juli 2021 um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.