Menschen stehen Schlange am Flughafen Frankfurt/a.M. | picture alliance/dpa

Luftfahrt nach Corona Allianz warnt vor neuen Flugrisiken

Stand: 06.07.2021 15:32 Uhr

Kaum beginnt sich die Luftfahrt langsam von der Corona-Krise zu erholen, drohen neue Probleme. Der Versicherungskonzern Allianz warnt vor "Wut in der Luft" durch aggressive Passagiere und vor "eingerosteten Piloten".

Das Ende der durch die Pandemie erzwungenen langen Pause im globalen Flugverkehr birgt neue Risiken und Gefahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des zum Versicherungskonzern Allianz gehörenden Industrieversicherers AGCS.

"Die weltweiten Flottenstillstände während der Pandemie waren ein beispielloses Ereignis für die Luftfahrtindustrie", meint Axel von Frowein, Regional Head of Aviation bei AGCS in Zentral- und Osteuropa. "Zweifelsohne werden Herausforderungen auftauchen, wenn die Branche wieder voll durchstartet", unterstreicht der Experte.

Piloten fehlt die Übung

Einige neue Herausforderungen und Folgen listet die Studie auf: Dazu gehört zum einen die fehlende Flugpraxis vieler Piloten. Die Fachleute von AGCS weisen darauf hin, dass, als der Flugbetrieb Anfang des Jahres langsam wieder anlief, Dutzende Piloten Fehler etwa beim Landeanflug gemeldet hätten, weil ihnen die Flugpraxis fehle.

"Wenn Leute ihren Beruf anderthalb Jahre teilweise wenig oder gar nicht ausüben können, ist natürlich die mangelnde Praxis mit Sorge zu betrachten", so AGCS-Schadenmanager Till Kürschner. Allerdings hätten große Fluggesellschaften laut Studie je nach Länge der Abwesenheit gezielte Trainingsprogramme für Piloten entwickelt, die wieder in den Dienst zurückkehren.

Weitere Probleme könnte es im Zusammenhang mit geparkten Flugzeugen geben: So könnten zum Beispiel unentdeckte Insektennester die Sensoren und Triebwerke des Flugzeugs beschädigen oder unzuverlässig machen. Das Risiko eines Tierbefalls steige, wenn die Richtlinien für die Einlagerung nicht eingehalten würden, heißt es in dem Bericht. In den USA hatten sich demnach vereinzelt Insekten in geparkten Maschinen angesiedelt. Aus Deutschland sind derartige Fälle laut AGCS nicht bekannt.

Wut in der Luft

Ein Phänomen, das seit Wiederaufnahme des Flugverkehrs häufiger thematisiert wurde, ist die sogenannte "Air Rage", die "Wut in der Luft". Wutausbrüche von Flugzeugpassagieren geben dem Industrieversicherer Anlass zur Sorge. Schwerpunkt der Fälle liegt dabei in den USA: Dort hat die Luftfahrtbehörde FAA seit Jahresanfang gut 3100 Fälle von "Air Rage" gezählt. Das war ein Vielfaches der Prä-Corona-Zahlen.

In 2350 dieser 3100 Fälle handelte es sich um Maskenverweigerer. "Offensichtlich tun sich die Amerikaner schwerer als andere Landsleute zu akzeptieren, dass es eine Maskenpflicht gibt", sagte AGCS-Manager von Frowein. "Derartige Vorfälle treten in Europa seltener auf, kommen aber ebenfalls vor", unterstreicht Kürschner.

Von Frowein stellt fest, dass sich die Branche insgesamt verändern werde: Sie stehe mittelfristig vor einem Pilotenmangel, und damit drohten viele Flugzeuge von unerfahrenen Piloten gesteuert zu werden. Die Pandemie habe zudem den Ersatz älterer Maschinen durch neue, kleinere beschleunigt, bei denen Reparaturen wegen neuartiger Materialien teurer würden, schreiben die AGCS-Fachleute.

Schadenaktivität bald auf normalem Niveau

In direktem Zusammenhang mit der Pandemie hätten dem Bericht zufolge relativ wenige Schadensfälle gestanden. "Wir haben während der Pandemie einen Rückgang der zahlreichen kleineren Schäden durch Ausrutschen und Stürze oder verlorenes Gepäck an Flughäfen beobachtet, die wir in einem typischen Jahr sehen würden, weil die Zahl der Passagiere zurückgegangen ist", sagt Kürschner.

Es habe jedoch immer noch Großschäden an geparkten Flugzeugen oder durch Abstürze und Notlandungen gegeben. Laut Kürschner haben auch einige tragische Unfälle in der allgemeinen Luftfahrt den Versicherungssektor getroffen. "Wir erwarten, dass die Schadenaktivität wieder auf ein normales Niveau zurückkehrt, sobald die Passagierzahlen wieder steigen."

Kollisionen und Abstürze waren von 2016 bis 2020 nach AGCS-Daten für 30 Prozent der gemeldeten Versicherungsfälle verantwortlich, aber für mehr als die Hälfte der Schäden von zusammen rund 14,5 Milliarden Euro. Fehlerhafte Verarbeitung und Wartung machten 13 Prozent der Schadensfälle und 24 Prozent der Schäden aus.

Über dieses Thema berichtete am 06. Juli 2021 Deutschlandfunk um 07:35 Uhr in der Börse und MDR Aktuell um 14:48 Uhr.