Eine Frau arbeitet im Homeoffice an einem Laptop. | dpa
Hintergrund

Steigende Preise Spart Homeoffice wirklich Energie?

Stand: 12.10.2022 08:52 Uhr

Als Beitrag zum Energiesparen sprechen sich manche Experten für verstärktes Homeoffice aus. Aber wie groß kann der Effekt tatsächlich sein? Und wer zahlt am Ende die höheren Heizkosten?

Von Kai Forst, SR

Die Temperaturen sinken, die Energiepreise schießen weiter in die Höhe. Sparen ist daher das Mantra dieses Winters. Dass die Energiepreise mittelfristig wieder deutlich sinken - daran glaubt derzeit keiner. Im Gegenteil: Um die Gas- und Stromrechnungen des kommenden Winters begleichen zu können, werden die Menschen in Deutschland tiefer in ihre Taschen greifen müssen.

Gleiches gilt für Unternehmen und Kommunen, weswegen zuletzt ein Thema in den Fokus rückte, das bisher eher mit der Pandemie verbunden war: Homeoffice. Indem Menschen zu Hause arbeiten, soll in Deutschland Energie gespart werden. Die Politik diskutiert angesichts der Energiekrise seit geraumer Zeit über das Thema. Doch wird durch Arbeiten zu Hause insgesamt wirklich weniger Energie in Deutschland verbraucht? Und darf mein Arbeitgeber mich ins Homeoffice schicken, um zu sparen?

"Beim Raumwärmebedarf ein Nullsummenspiel"

Für Rudolf Friedrich von der Hochschule Technik und Wissenschaft in Saarbrücken kommt es bei dieser Frage auf den Blickwinkel an. "Wenn wir vom Raumwärmebedarf reden - also vom Gas für die Heizung - hält sich es sich die Waage beim Energiesparen. Wenn jemand in seinem Einzelbüro die Heizung ausstellt und zu Hause sein Arbeitszimmer heizt etwa", sagt der Wissenschaftler.

So sei bei den Verwaltungsbüros einer Kommune in einem alten, nicht sanierten Gebäude die Energieersparnis sehr hoch. Andererseits gebe es auch sehr viele moderne Gebäude von Arbeitgebern und viele Altbauten im Privatbereich. "Heißt: Beim Raumwärmebedarf sehe ich eher ein Nullsummenspiel, wenn es um sparen durch Homeoffice geht."

Echte Einsparungen beim Treibstoff

Echte Einsparungen sieht der Energiexperte beim Pendlerverkehr. In Deutschland pendelten rund 20 Millionen Menschen zu ihrem Arbeitsplatz und legten dabei im Durchschnitt rund 18 Kilometer zurück. Davon nutzten etwa 67 Prozent das Auto, so Friedrich. "Wenn wir - basierend auf Pandemiezahlen - davon ausgehen, dass 25 Prozent davon für einen Tag in der Woche im Homeoffice arbeiten würden, dann hätten wir umgerechnet eine Ersparnis von 200 Millionen Liter Treibstoff im Jahr. Das entspricht etwa 540.000 Tonnen Treibhausgas, die eingespart werden könnten."

Ähnlich sehen es auch andere Experten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch sie stellte vor allem die wegfallenden Energiekosten für den Transport zum Arbeitsplatz in den Fokus.

Nur in beidseitigem Einverständnis möglich

Aus Verbrauchersicht stellt sich beim Thema Homeoffice in Zeiten der Energiekrise aber auch eine andere Frage. Denn durch die enorm gestiegenen Gas- und Strompreise fallen in diesem Winter deutlich höhere Kosten an, wenn Menschen verstärkt zu Hause arbeiten. Was also, wenn Arbeitnehmer gar nicht ins Homeoffice möchten, der Arbeitgeber aber Energie sparen will?

Rein rechtlich ist die Situation klar. Denn Homeoffice sei generell nur in beidseitigem Einverständnis möglich, weiß der Saarbrücker Arbeitsrechtler Marwin Roth. "Das heißt, wenn der Arbeitgeber gerne Homeoffice verordnen will, um Energie zu sparen, geht das nur mit dem Einverständnis der Arbeitnehmer. Der Arbeitgeber kann Homeoffice nicht auf eigene Faust durchsetzen, es ist auch arbeitsrechtlich nicht erzwingbar", so Roth.

Das gelte auch umgekehrt, wenn ein Arbeitnehmer verstärkt oder ganz von zu Hause arbeiten will. "Auch damit muss der Arbeitgeber einverstanden sein oder es muss im Arbeitsvertrag geregelt sein."

Wer zahlt die Mehrkosten?

Doch selbst wenn sich beide Seiten auf eine verstärkte Homeoffice-Tätigkeit einigen, bleibt die Frage: Wer zahlt eigentlich die Mehrenergie, die beim Arbeiten zu Hause verbraucht wird und den Aufpreis, der insbesondere durch die enorm gestiegenen Energiekosten auf die Verbraucher zukommt?

Derzeit können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch fünf Euro pro Arbeitstag steuerlich geltend machen - allerdings begrenzt auf 120 Tage im Jahr. "Die 600 Euro sind in jedem Fall nicht ausreichend", sagt Arbeitsrechtler Roth.

Homeoffice-Pauschale erhöht

Jüngst wurde dieser Satz von maximal 600 Euro verteilt auf 120 Tage von der Bundesregierung auf 200 Tage und 1000 Euro angehoben. Greifen soll die Änderung ab Januar 2023.  

Allerdings: Die Pauschale zählt zu den Werbungskosten, für die allen Steuerzahlern ohnehin 1200 Euro angerechnet werden. Nur wer mit Homeoffice-Pauschale und anderen Ausgaben über diesen Betrag kommt, profitiert. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) reicht die Anhebung nicht aus. Er fordert, die Homeoffice-Pauschale auf 1500 Euro zu erhöhen.

Corona hat Homeoffice etabliert

Ob Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im anstehenden Winter aus Spargründen verstärkt im Homeoffice arbeiten oder nicht, muss letztlich mit den Arbeitgebern verhandelt und abgesprochen werden. Dass sich das Arbeiten von zu Hause in Deutschland unabhängig von Pauschalen und Sparpotenzialen längst etabliert hat, zeigt eine Umfrage des ifo-Instituts. Danach wird hierzulande im Schnitt 1,4 Tage pro Woche zu Hause gearbeitet. Grund dafür ist die Pandemie. Corona hat also die Arbeitsbedingungen dauerhaft stark verändert.