Janine Busch, Miriam Witz, Michael Bohmeyer, Prof. Susann Fiedler, Prof. Jürgen Schupp, Maheba Goedeke Tort vom Pilotprojekt Grundeinkommen. | obs

Studie zum Grundeinkommen Bedingungslos - bis auf den Fragebogen

Stand: 01.06.2021 13:23 Uhr

Gut zwei Millionen Menschen hatten sich für die Langzeitstudie zum bedingungslosen Grundeinkommen beworben. 122 von ihnen bekommen jetzt drei Jahre lang monatlich 1200 Euro - und werden damit zu Forschungsobjekten.

Von Kerstin Breinig, rbb

Aus Neugier hatte sich Jeremy Scheibe für das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) beworben. Dass ihn das Los wirklich treffen könnte, daran hat der 28-Jährige nicht geglaubt. Doch seit April bekommt er monatlich 1000 Euro - ein Jahr lang. Für ihn ist es eine nette Sicherheit, wie er selbst sagt, und eine gute Möglichkeit die Bafög-Schulden zurückzuzahlen.

Kerstin Breinig

Mehr als 800 Menschen haben wie Jeremy Scheibe seit 2014 ein Grundeinkommen vom Verein Mein Grundeinkommen erhalten und sich damit Selbstständigkeit, Reisen, Fortbildungen oder einfach ein finanziell entspannteres Leben finanziert. Das Geld stammt von Privatspendern.

Jetzt soll die Wirkung des BGE in Deutschland erstmals wissenschaftlich erforscht werden. Für diese Langzeitstudie hatten sich mehr als zwei Millionen Menschen beworben - 122 von ihnen erhalten jetzt drei Jahre lang monatlich 1200 Euro. Eine Bedingung müssen die Teilnehmenden diesmal allerdings erfüllen: alle sechs Monate einen Fragebogen ausfüllen.

Soziale Hängematte oder kreativer Anreiz?  

Eine Hälfte der Deutschen befürwortet das BGE, die andere lehnt es kategorisch ab. Zuletzt sahen sich die Gegner bestätigt. Eine finnische Studie, bei der Arbeitslose bedingungslos ein monatliches Einkommen bekamen, kam zu dem Ergebnis, dass die Teilnehmer zwar glücklicher waren, aber überwiegend immer noch arbeitslos.

Wasser auf die Mühlen derjenigen, die grundsätzlich davon ausgehen, dass mit einem Grundeinkommen jeglicher Anreiz zu arbeiten wegfallen würde. Couch statt Produktivität also. Die neue Studie zieht deshalb neben den 122 Grundeinkommensbeziehern noch eine Kontrollgruppe dazu. Dafür wurden Singles zwischen 21 und 40 ausgewählt, die die möglichst gleichen Eigenschaften und Lebenssituationen haben, quasi statistische Zwillinge.

Mutigere Entscheidungen im Erwerbsleben?

"Wir wollten in die Mitte der Gesellschaft zielen und auch Menschen mit einem solchen Grundeinkommen ausstatten, die ihre Ausbildung hinter sich haben und am Beginn ihrer Erwerbskarriere und Familienbildung stehen", sagt Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Forscher wollen in den nächsten drei Jahren klären, wie das Geld die Menschen verändert. "Entwickeln diese Personen jetzt mehr Gemeinsinn, führt es vielleicht auch zu weniger Burnout, treffen sie vielleicht auch mutigere Entscheidungen in ihrem Erwerbsleben?" Das sind die Fragen, auf die Schupp sich Antworten erhofft.

Die Initiatoren von "Mein Grundeinkommen" wollen beweisen, dass ihre Idee die richtige ist. Michael Bohmeyer hat das Projekt initiiert. Mit der Pilotstudie will er alle überzeugen. Er glaubt, dass die Menschen weiterhin erfüllender Arbeit nachgehen, aber kreativer und gemeinnütziger werden. "Die Debatte wird seit Jahrzehnten voll von ideologischen Glaubenssätzen geführt. Wir glauben, es braucht jetzt Praxisbeispiele, damit die Debatte substantiell geführt werden kann und wir der Einführung einen Schritt näher kommen", hofft Bohmeyer.

Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins "Mein Grundeinkommen", steht an einem symbolischen Geldautomaten, im Hintergrund das Reichstagsgebäude.  | dpa

Das Symbol für das Pilotprojekt: Ein Geldautomat vor dem Reichstagsgebäude. Michael Bohmeyer glaubt an den Erfolg der Idee. Bild: dpa

Finanzierung? Unklar

Doch noch sind viele Fragen offen. 1000 Euro monatlich für alle, hießen eine Billion Euro jährlich, die irgendjemand bezahlen müsste, rechnet Professor Dominik Enste vom IW Köln dagegen. "Wir haben ein erfolgreiches Sozialsystem seit 70 Jahren, das auf Geben und Nehmen basiert." Für ihn ist das BGE eine Utopie, die an der Realität scheitern muss.

"Der Mensch gibt nicht gern ohne Gegenleistung", sagt Enste. Die Ergebnisse der Studie werden zeigen müssen, ob das BGE ein einmaliges Experiment oder aber der Weg in eine neue Zukunft sein kann. In einer zweiten Stufe soll dann auch die mögliche Finanzierung geprüft werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Juni 2021 um 08:09 Uhr.