Werbung für ein Online-Glücksspiel auf einem Bildschirm | picture alliance/dpa

Online-Casinos Spiel um Geld - aber auch um Glück?

Stand: 28.02.2021 03:09 Uhr

Ab Sommer soll Glücksspiel im Internet auch in Deutschland offiziell erlaubt sein - unter staatlicher Aufsicht. Doch noch fehlt die Zustimmung der meisten Länderparlamente. Die Bedenken sind groß.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Die Verhandlungen waren kompliziert und dauerten Jahre. Denn Glücksspiel ist in Deutschland Ländersache, und die EU hat mitzureden. Am Ende unterzeichneten die Ministerpräsidenten einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, der zum 1. Juli in Kraft treten soll. Die wichtigste Neuerung: Der Staat will beispielsweise Pokerrunden im Internet unter Aufsicht legalisieren. Denn Online-Glücksspiel war in Deutschland meist nur in einer rechtlichen Grauzone möglich. Derzeit werden Angebote unter Auflagen geduldet.

Stephan Lenhardt

Es geht um viel Geld - auch online

2019 haben Glückspiel-Anbieter mit legalem Spiel, also analog und nicht im Internet, insgesamt mehr als elf Milliarden Euro umgesetzt. So steht es im Jahresreport der Glücksaufsichtsbehörden der Länder. Oder anders ausgedrückt: So viel Geld haben Glücksspieler in Deutschland verloren. Den größten Anteil haben immer noch Geräte in Spielhallen: Fünf Milliarden Euro Steuern weist der Report für 2019 insgesamt aus. 

Nach Zahlen des europäischen Branchenverbands EGBA (European Gaming and Betting Association) haben Online-Glücksspielanbieter in Deutschland rund 2,7 Milliarden Euro umgesetzt. Damit ist Deutschland nach Großbritannien der wichtigste EU-Markt - Tendenz steigend. Den Großteil davon ging wohl am deutschen Fiskus vorbei.

Problem: Online-Glückspielsucht

Oberstes Ziel des Staatsvertrags ist es, das "Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern". Doch dass dies mit dem neuen Regelwerk gelingt, bezweifeln Suchtexperten. Der Fachbeirat Glücksspielsucht, ein unabhängiges Gremium der Bundesländer, lehnt den Vertrag ab. Die Experten fürchten, dass durch die Legalisierung des Online-Marktes mehr Menschen in die Glücksspielsucht getrieben werden könnten. In einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gab mehr als jeder dritte Befragte zwischen 16 und 70 Jahren an, schonmal online gezockt zu haben.

Den Psychologen Klaus Wölfling von der Ambulanz für Spielsucht der Unimedizin Mainz wundert das wenig: "Seit 2016 beobachten wir in Rheinland-Pfalz, dass das Online-Glücksspiel bei Süchtigen auf dem Vormarsch ist." Der Anteil von Online-Glücksspielsüchtigen im Land stieg von knapp zehn Prozent 2016 auf knapp 25 Prozent aller Spielsüchtigen 2019. Deutschlandweit weisen 430.000 Menschen laut BZgA ein mindestens problematisches Spielverhalten auf. Die Corona-Krise und der Lockdown verstärkten die Suchtgefahr.

Politik in der Zwickmühle?

Löwen Entertainment mit Sitz im rheinland-pfälzischen Bingen will sich um Online-Lizenzen bewerben, auch wenn die Vorgaben sehr strikt seien. "Diese Konsumentengängelung wird zur Folge haben, dass sich viele Spielgäste weigern werden, weg von den bestehenden illegalen hin zu den legalen Angeboten zu wechseln", sagt Daniel Henzgen von Löwen Entertainment. Der Vertrag schreibt beispielsweise ein Einsatzlimit von 1000 Euro vor - und persönliche Registrierungen für den Spielerschutz.

Löwen Entertainment ist auch einer der größten Hersteller von Glücksspielgeräten in Deutschland. Der Staatsvertrag sieht für stationäre Spielhallen strengere Regeln vor, die konkret von den Bundesländern ausgestaltet werden müssen. "Dadurch werden inmitten der härtesten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Tausende Arbeitsplätze vernichtet und unternehmerische Existenzen zerstört", sagt Henzgen.

Strengere Abstandsregeln zwischen Spielcasinos scheiterten beispielsweise kürzlich im Mainzer Landtag. Nicht nur, weil jedes zweite Casino im Land damit vor dem Aus stünde, sondern auch weil die Kommunen um mehr als 20 Millionen Euro Steuereinnahmen fürchten. Ähnlich sieht es in vielen anderen Bundesländern aus. 

Kritik von Datenschützern

Nach Ansicht von Datenschützern schießen die Regelungen für den Spielerschutz über das Ziel hinaus. Es geht um eine Sperrdatei, in der gesperrte Zocker erfasst werden sollen. "Bedenklich ist, dass dies auch nicht-pathologische Spieler betrifft und die Daten ohne präzise Eingrenzungen an die Behörden weiter gegeben werden können", erklärt der Datenschutzbeauftragte von Rheinland-Pfalz, Dieter Kugelmann.

Diese Daten sollen in Zukunft in einer zentralen Behörde mit Sitz in Halle in Sachsen-Anhalt gespeichert werden. Denn der Vertrag sieht auch eine Neuregelung der Glücksspielaufsicht vor. Deswegen ist die Zustimmung des Landtags in Magdeburg auch zwingend. Insgesamt müssen dem Vertrag 13 Bundesländer bis Ende April zustimmen, damit er in Kraft tritt. Die Zeit drängt, denn bislang haben dies nur Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Brandenburg getan. Ob der Staatsvertrag wirklich in seiner jetzigen Form im Sommer in Kraft tritt, ist wohl auch Glückssache.

Über dieses Thema berichtete hr-INFO Aktuell am 05. Februar 2021 um 15:00 Uhr.