Palästinensische Bauern ernten Weizen auf einem Feld nahe der Grenze zu Israel. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nahrungsmittelkrise Getreideimporte drastisch verteuert

Stand: 13.05.2022 10:51 Uhr

Die Einfuhrpreise für Getreide sind im März angesichts des Kriegs in der Ukraine so stark gestiegen wie seit mehr als zehn Jahren nicht. Wegen Russlands Angriff fehlen dem Weltmarkt Millionen Tonnen.

Das Statistische Bundesamt teilt heute mit, dass die Einfuhrpreise für Getreide im März gegenüber dem Vorjahresmonat um knapp 54 Prozent gestiegen sind. Eine noch höhere Veränderungsrate hatte es nach Angaben der Statistiker zuletzt im Mai 2011 mit plus 74 Prozent gegenüber Mai 2010 gegeben.

"Der Krieg in der Ukraine hat Auswirkungen auf die globale Getreideversorgung und auf die Getreidepreise", erklärte das Bundesamt. Die Preissteigerungen zögen sich durch alle Getreidearten: Weizen verteuerte sich im März 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat um gut 65 Prozent, Gerste, Roggen, Hafer ebenfalls um rund 65 Prozent und Mais um 37 Prozent. 

Schon vor dem Krieg teurer

Zur Einordnung des ungewöhnlich hohen Anstiegs weisen die Fachleute allerdings auch darauf hin, dass die Preise für importiertes Getreide sich bereits vor dem Ukraine-Krieg deutlich verteuert hätten. Seit Januar 2021 liegen die monatlichen Veränderungsraten im Vergleich zum Vorjahresmonat danach "durchweg im zweistelligen Bereich", stellen die Statistiker fest.

Auch verglichen mit den Importpreisen insgesamt zeigt die Entwicklung des Weizenpreises ein besonders hohes Tempo. Sie waren im März 2022 um gut 31 Prozent höher als im März 2021. Aber hier zeigt sich ebenfalls eine rasante Steigerung: Eine höhere Vorjahresveränderung hatte es zuletzt im September 1974 während der ersten Ölkrise gegeben.  

Ukraine-Krieg verstärkt die Preisentwicklung

Die Gründe für den Preisanstieg sind laut Bundesamt vielfältig: eine hohe weltweite Nachfrage und ein verknapptes Angebot aufgrund schlechter Wetterbedingungen in wichtigen Anbauländern wie den USA, Kanada, Australien oder Südamerika, hohe Düngemittelpreise und steigende Transport- und Energiekosten. Der Ukraine-Krieg habe den Preisanstieg zusätzlich verstärkt. 

In der Ukraine stecken nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) derzeit knapp 25 Millionen Tonnen Getreide fest. "Es ist eine nahezu groteske Situation, die wir im Moment in der Ukraine sehen", sagte FAO-Experte Josef Schmidhuber. Die Getreidemenge könne eigentlich exportiert werden, "kann aber das Land nicht verlassen, einfach wegen der fehlenden Infrastruktur und der Blockade der Häfen".

Alternative Routen finden

Deshalb will die EU-Kommission neue Exportwege über den Landweg finden. Da die Blockade der Häfen die weltweite Lebensmittelsicherheit bedrohe, "besteht dringender Bedarf, alternative Logistikrouten zu schaffen", hatte die EU-Kommission gestern erklärt. Dabei setzt die Brüsseler Behörde auf Lastwagen und Güterzüge.

Vor dem russischen Einmarsch exportierte die Ukraine monatlich 4,5 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse über ihre Häfen. Das entspricht zwölf Prozent des weltweiten Weizens, 15 Prozent des Mais-Bedarfs und 50 Prozent des Sonnenblumenöls.

Jede einzelne Schaufel Getreide von der Ukraine auf dem Weltmarkt helfe, Hunger, besonders im globalen Süden, zu stillen. Daher müssten diese Maßnahmen schnellstmöglich umgesetzt werden, forderte die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl.

Unterschiedlich hoher Selbstversorgungsgrad

Im vergangenen Jahr wurden mehr als elf Millionen Tonnen Getreide nach Deutschland importiert, wie das Statistikamt weiter mitteilte. Hauptherkunftsländer für Weizen, der gut ein Drittel aller Getreideimporte ausmacht, waren mit zusammengenommen mehr als 70 Prozent Tschechien, Polen und Frankreich. 

Obwohl die Ukraine und Russland weltweit bedeutende Getreideexporteure sind, spielen sie für die deutschen Einfuhren nur eine geringe Rolle. Aus den beiden Ländern kamen 2021 lediglich 1,9 Prozent beziehungsweise 0,1 Prozent der Getreideeinfuhren nach Deutschland. Exportiert wurden von Deutschland im vergangenen Jahr 11,7 Millionen Tonnen Getreide. 

In Deutschland geerntet wurden 2021 gut 42 Millionen Tonnen Getreide, rund die Hälfte davon Weizen. Der Selbstversorgungsgrad von Getreide ist laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) dabei sehr unterschiedlich: Sehr hoch liegt er zum Beispiel bei Weichweizen mit 125 Prozent oder Gerste mit 113 Prozent.

Einen niedrigeren Selbstversorgungsgrad haben dagegen Körnermais (59 Prozent) oder Hartweizen (15 Prozent), der unter anderem für die Nudelproduktion benötigt wird. Liegt der Selbstversorgungsgrad unter 100 Prozent, ist Deutschland auf Importe angewiesen.