Neu- und Gebrauchtwagen stehen bei einem Autohändler nebeneinander. (Archivbild)

Automarkt Gebrauchtwagen-Preise steigen rasant

Stand: 22.06.2021 14:17 Uhr

Wegen der oft langen Lieferzeiten für Neuwagen boomt der Markt für gebrauchte Autos - auch im Internet. Doch gerade beim Online-Kauf sollten Verbraucher einiges beachten.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Bequem von zu Hause aus einen Gebrauchtwagen mit einem Klick kaufen oder verkaufen: Der Online-Markt für gebrauchte Autos wird immer beliebter. Da wundert es nicht, dass die Berliner Handelsplattform Auto1 in den MDAX aufgestiegen ist. Erst Anfang Februar hatte die 2012 gegründete Firma den Schritt an die Börse gewagt - mit Erfolg. Denn mit 1,8 Milliarden Euro war es der größte Börsengang in Deutschland nach fast eineinhalb Jahren.

Die Auto1 Group ist nach eigenen Angaben mit mehr als 450.000 verkauften Autos im vergangenen Jahr die europaweit größte digitale Automobilplattform. Das Unternehmen kauft Fahrzeuge bei Privatkunden über wirkaufendeinauto.de sowie bei Händlern an. Diese werden dann in erster Linie via auto1.com an andere Autohändler weitergegeben. Doch auch Verbraucher können seit 2017 über die Marke Autohero neue Gebrauchtwagen erwerben. Das Privatgeschäft soll durch das frische Geld von Investoren massiv ausgebaut werden.

Halbleitermangel verzögert Auslieferungen

Das könnte sich durchaus lohnen. Denn nach Berechnungen des Bankhauses Metzler erreicht der europäische Markt für gebrauchte Autos etwa 600 Milliarden Euro. 2020 gab es aufgrund langer Lieferzeiten und sinkender Nachfrage für Neuwagen in der Corona-Krise zeitweise einen regelrechten Boom. Allein im Juli hatte es nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes knapp 750.000 Pkw-Besitzumschreibungen gegeben - so viele wie noch nie in einem Monat und fast 100.000 mehr als im Juli 2019. Auch in diesem Jahr liegen die Umschreibungen wieder deutlich über den Vorjahreswerten.

Die hohe Nachfrage zeigt sich auch in der Preisentwicklung: Während die Preise für gebrauchte E-Autos zuletzt in den Keller gingen, haben die Angebotspreise für Gebrauchtwagen insgesamt im Mai mit durchschnittlich rund 22.600 Euro pro Fahrzeug ein neues Rekordhoch erreicht. Die Käufer zahlten fast 200 Euro mehr als im April und sogar rund 2200 Euro mehr als im Mai 2020, wie aus Daten des Online-Portals AutoScout24 hervorgeht. Experten rechnen weiter mit einem Anstieg, da der Halbleitermangel die Auslieferung von Neuwagen weltweit verzögert und das Gebrauchtwagenangebot sinkt.

Wachstumschancen für Plattformen

Bisher wird allerdings lediglich ein Prozent der Gebrauchtwagen online verkauft. "Der Gebrauchtwagenmarkt in Europa ist noch einer der letzten Märkte, die fast ausschließlich über den stationären Handel gehen", sagte Tom Diedrich vom Bankhaus Metzler dem Deutschlandfunk. Daher gebe es für Online-Plattformen noch große Wachstumschancen.

Ein erster Trend scheint sich bereits anzubahnen. "Wir erkennen einen regelrechten Boom", sagte jüngst Stefan Schneck, Vertriebschef für den deutschen Markt bei AutoScout24. Etwa die Zahl der Kontaktaufnahmen von potenziell Interessierten sei im Mai zeitweise um 40 Prozent nach oben geschossen.

Einer aktuellen AutoScout24-Umfrage unter mehr als 1000 Nutzern zufolge sehen Autofans im vollständigen Online-Kauf eine gute Alternative: So würde fast jeder Zweite (47 Prozent) seinen Wagen "definitiv" oder "vielleicht" vom Sofa aus bestellen. Vor einem Jahr waren dazu erst 35 Prozent der Befragten bereit.

Extreme Schnäppchen sollten misstrauisch machen

Der Kauf eines gebrauchten Autos im Internet bietet den Vorteil, dass Interessenten schnell und unkompliziert auf ein riesiges Angebot zurückgreifen können. Auf Knopfdruck kann ein Vertrag abgeschlossen werden, und der Wagen wird vor die Haustür geliefert. Aber egal ob bei digitalen Plattformen wie von Auto1 oder über eine Börse wie AutoScout24 oder mobile.de, auf denen Händler oder Privatleute ihre Fahrzeuge direkt verkaufen: Verbraucher sollten beim Gebrauchtwagenkauf einige Dinge beachten.

Zunächst der Preis. Bei Gebrauchtwagen ist dieser abhängig vom Modell, Baujahr, Ausstattung, gefahrenen Kilometern, Abnutzung, Extras und Vorlieben. Doch wie kann ein faires Angebot erkannt werden? "Wenn man den Markt für sein gewünschtes Fahrzeug mal ein bis zwei Wochen beobachtet, bekommt man schon ein ganz gutes Gefühl für einen vernünftigen Preis", erklärt Silvia Schattenkirchner, Leiterin Verbraucherrecht beim ADAC. Einige Börsen wie mobile.de gäben mittlerweile auch Bewertungen für Angebote von Privatleuten ab. Bei extremen Schnäppchen sollten Verbraucher generell vorsichtig sein.

Dazu kommen mögliche Manipulationen am Kilometerstand. Nach ADAC-Schätzungen ist bei jedem dritten Gebrauchtwagen der sogenannte Wegstreckenzähler verändert. Eine Überprüfung ist nicht einfach. "Am besten ist es, sich den Kilometerstand garantieren zu lassen", rät Schattenkirchner. Ansonsten könnten sich Verbraucher Reparaturrechnungen oder TÜV-Bescheinigungen zeigen lassen. Auch die gefahrenen Kilometer mit dem Baujahr zu vergleichen, sei in einigen Fällen bereits aufschlussreich.

Probefahrten unerlässlich

Für besonders wichtig hält die Expertin Probefahrten. "Gerade beim Gebrauchtwagen die Katze im Sack zu kaufen ohne Probefahrt, ist ein großes Risiko." Erst danach sollte ein Vertrag abgeschlossen werden. Auch von hohen Anzahlungen oder anderen Vorleistungen sowie Käufen aus dem Ausland rät Schattenkirchner ab. Darüber hinaus sollten sich Verbraucher im Klaren darüber sein, dass auch online geschlossene Verträge bindend sind - etwa per E-Mail. Im Internet gebe es zahlreiche Betrugsmaschen. Die häufigsten Probleme seien auf der Website der Initiative "Sicherer Autokauf im Internet" von ADAC und der polizeilichen Kriminalprävention aufgelistet.

Auch Verkäufer von Gebrauchtwagen haben es nicht immer leicht. Oft werden von Plattformen höhere Preise versprochen als letztendlich gezahlt werden. Um herauszufinden, wie viel das eigene Auto noch wert ist, hat die Juristin Schattenkirchner zwei Tipps parat: "Zum einen können Verkäufer nach ihrem eigenen Wagen und vergleichbaren Angeboten suchen. Die andere Möglichkeit sind ADAC-Prüfzentren."

Noch findet meist nur die Anbahnung von Geschäften im Internet statt. "Bei mobile.de oder AutoScout24 ist es in der Regel noch so, dass beide Parteien vermittelt werden", so Schattenkirchner. Der Vertrag werde noch außerhalb des Internets geschlossen. Ob der Börsenneuling Auto1 für einen langfristigen Wandel sorgt, bleibt abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 19. Januar 2021 um 13:13 Uhr.