Eine Hand dreht die Heizung auf | dpa
Hintergrund

Steigende Energiepreise Was Gaskunden gegen den teuren Winter tun können

Stand: 15.10.2021 11:56 Uhr

Viele Gasversorger heben die Preise an - einige haben ihren Kunden gar gekündigt. Doch der Wechsel auf billigere Anbieter wird immer schwerer. Was Verbraucher nun beachten sollten.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Für Haushalte, die mit Gas heizen, könnte der nächste Winter besonders teuer werden. Immer mehr Versorger wollen die Preise erhöhen. Laut Vergleichsportal Verivox haben 42 Gasanbieter für September, Oktober und November Preisanhebungen von durchschnittlich 13 Prozent angekündigt. "Wir erwarten im Herbst eine größere Gaspreiswelle", sagt Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.

"Serie von Preiserhöhungen droht in diesem Winter"

"In den nächsten drei Monaten werden höchstwahrscheinlich viele Basis-Tarifkunden Post von ihrem Versorger bekommen, in der Preiserhöhungen angekündigt werden", glaubt Arik Meyer, Geschäftsführer vom Tarifaufpasser SwitchUp. Stichtag für Preisanhebungen zum Jahreswechsel ist der 18. November. Mehr als 30 Millionen Haushalte in Deutschland verfügen über einen Gasanschluss.

Nach Einschätzung von Meyer könnten im ersten Quartal des kommenden Jahres weitere Versorger an der Preisschraube drehen. "In diesem Winter wird es eine Serie von Preiserhöhungen geben", prophezeit Meyer gegenüber tagesschau.de.

Geld sparen mit Anbieterwechsel

Seit Wochen empfehlen Energieexperten und Verbraucherschützer Gaskunden, im Zweifelsfall den Anbieter zu wechseln. Damit könnten sie mehrere hundert Euro im Jahr sparen, sagt Verivox-Sprecher Lundquist Neubauer. Es gibt in Deutschland über 900 Gasanbieter. Verbraucher können pro Postleitzahl durchschnittlich aus über 100 Tarifen wählen.

Sobald der Gasanbieter eine Preiserhöhung ankündigt, "haben Kunden ein Sonderkündigungsrecht", wie Energieexperte Hans Weinreuter von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz erklärt. Wichtig sei, das Schreiben des Gasversorgers sorgfältig zu prüfen. Häufig würden Preiserhöhungen im hinteren Teil oder im Kleingedruckten versteckt. Erst bei der Jahresabrechnung merke man dann, dass man sie akzeptiert habe.

"Kunden sollten nicht alles hinnehmen und prüfen, ob die Preiserhöhung angemessen ist", rät Experte Meyer vom Tarifaufpasser SwitchUp. Sie sollten dann auf Vergleichsportalen nach günstigeren Anbietern suchen oder einen Tarifaufpasser beauftragen.

Erste Versorger nehmen keine Neukunden mehr an

Der alljährliche spätherbstliche Anbieterwechsel könnte diesmal aber schwieriger werden als üblich. Denn die ersten Versorger lehnen aktuell Neukunden ab - zumindest vorerst. E.on hat am Mittwoch dieses Geschäft gestoppt. "Leider können wir Ihnen derzeit keine Erdgas-Produkte anbieten", teilte der Düsseldorfer Energieriese auf seiner Homepage mit. Man wolle zunächst ein Produkt konzipieren, das den aktuellen Entwicklungen auf den Gasmärkten gerecht werde.

E.on gehört zu den zehn größten Gasversorgern in Deutschland. Gemessen am Gasabsatz sind die Düsseldorfer die Nummer sieben - hinter Vattenfall, der Thüga-Gruppe, EWE und EnBW. Größter deutscher Gasanbieter waren zuletzt die Stadtwerke München.

EnBW und Entega vorerst nicht mehr auf Vergleichsplattform

Auch der E.on-Rivale EnBW hat seine Marketing-Aktivitäten für das Neukundengeschäft zurückgefahren. Das Unternehmen bat die Vergleichsplattform Verivox, seine Angebote vorübergehend aus der Vermittlung zurückzunehmen. Andere Versorger wie die Entega haben das ebenfalls getan. Das bestätigte Verivox-Sprecher Neubauer gegenüber tagesschau.de. "Wir gehen davon aus, dass es sich hier um eine kurzfristige Reaktion auf den Markt handelt", sagt er. Die Versorger könnten ihr Neukundengeschäft zeitnah wieder aufnehmen, sobald sie ihre Preise neu kalkuliert haben, vermutet Neubauer.

Vor allem die unabhängigen Discounter stecken im Dilemma: Sie könnten zwar viele Neukunden anlocken, haben aber zunehmend Zahlungsschwierigkeiten. Die Vervierfachung der Großhandelspreise hat sie hart getroffen. Sie hatten teilweise auf fallende Preise gesetzt und wurden jetzt kalt erwischt. Folglich müssen sie an den Spotmärkten zu steigenden Preisen einkaufen.

Erste Insolvenzen von Billiganbietern

Immer mehr kleine Billig-Versorger kappen deswegen die Lieferungen und kündigen Verträge. So stellte die Deutsche Energiepool aus dem niedersächsischen Emsland ihre Gaslieferungen als einer der ersten Anbieter ein - zum Ärger vieler Kunden. Vor wenigen Tagen musste auch der Brandenburger Anbieter Otima aufgeben und Insolvenz anmelden.

Verbraucher, die den Gasanbieter wechseln wollen, sollten also genau hinschauen, ob das Unternehmen in guter finanzieller Verfassung ist. Sonst könnte ein böses Erwachen drohen. Bei der Deutschen Energiepool hätten Verbraucher misstrauisch werden können. Der Discount-Anbieter verlangte teilweise nur rund ein Cent pro Kilowattstunde. "So günstig kann kein Anbieter einkaufen", sagt Verbraucherschützer Weinreuter gegenüber tagesschau.de. Zudem können Verbraucher auf Bewertungsportalen sehen, ob ein Anbieter dubiose Geschäftspraktiken hat.

Örtlicher Grundversorger springt im Insolvenzfall ein

Immerhin ein Trost: Die Kunden von insolventen Gasversorgern müssen sich keine Sorgen machen, dass das Gas abgedreht wird. "Es ist gesetzlich geregelt, dass es zu keiner Versorgungslücke kommt", erklärt Experte Weinreuter. Bei Problemen müsse immer der örtliche Grundversorger einspringen und eine Lieferung garantieren.

Auch andere nicht insolvente Versorger haben den Gashahn zugedreht. Laut "Bild"-Zeitung haben die Rheinische Elektrizitäts- und Gasversorgungsgesellschaft (mit Marken wie Immergrün, Meisterstrom und Idealenergie), Fuxx Sparenergie, Strogon sowie die Wunderwerk AG eine Vielzahl ihrer Verträge gekündigt. Insidern zufolge hat auch Leu Energie massiv Kunden gekündigt.

Keine Versorgungspflicht bei Sonderverträgen

Drei Viertel aller Gasverträge beruhen nicht auf dem Basistarif, sondern sind so genannte Sonderverträge. "Hier gibt es keine Versorgungspflicht", erklärt Verbraucherschützer Weinreuter. "Es herrscht Vertragsfreiheit." Der Versorger könne jederzeit unter Einhaltung der Kündigungsfrist den Vertrag aufkündigen.

Die Folgen für die Kunden sind dann schmerzhaft: Sie müssen in die Grundtarife wechseln, die oft deutlich teurer sind. Zudem entgeht ihnen der Jahresbonus.

Grund der Kündigung prüfen und notfalls Beschwerde einlegen!

Doch Kunden müssen eine Kündigung nicht widerspruchslos hinnehmen. "Ein Vertrag darf nicht ohne Grund gekündigt werden", erklärt Tarifaufpasser Meyer. Eine missglückte Beschaffungsstrategie des Versorgers reiche oft nicht als Grund.

Experten raten: Bei einem unklaren Grund oder bei einer Verweigerung des Jahresbonus sollten Kunden Beschwerde beim Anbieter einlegen. Falls er nicht reagiere, könnten sie kostenfrei die Schlichtungsstelle Energie kontaktieren. Diese bewerte dann schnell den Sachverhalt und kläre den Fall mit dem Versorger.

Verträge mit kurzer Laufzeit empfehlenswert

Gaskunden, denen rechtmäßig gekündigt wird, sollten schnell wieder raus aus dem teuren Grundtarif. Und einen neuen günstigeren Vertrag mit einem Versorger abschließen. Verbraucherschützer raten, dabei keine zu langen Laufzeiten zu vereinbaren. Sie empfehlen ein Jahr als maximale Vertragsdauer, damit die Chance auf einen baldigen Wechsel zu einem günstigeren Anbieter gewahrt bleibt.

Wer glaubt, dass die Gaspreise auch im kommenden Jahr nach Ende des Winters weiter steigen, kann auch einen Vertrag mit zweijähriger Laufzeit abschließen. Eine längere Preisstabilität könne sich zurzeit durchaus lohnen, meint der Verivox-Experte Neubauer.

Über dieses Thema berichtete „Mein Nachmittag“ im NDR Fernsehen am 30. September 2021 um 16:09 Uhr.