Hand entzündet mit einem Streichholz die Kochplatte eines Gasherds | dpa

Hohe Gas- und Energiepreise "Das ist eine zweite Miete"

Stand: 30.06.2022 08:13 Uhr

Die Gaspreise explodieren. Das bekommen inzwischen viele Verbraucher durch massive Preiserhöhungen ihrer Versorger zu spüren. Der mögliche Wechsel zu einem anderen Anbieter birgt Risiken.

Von Anke Heinhaus, HR

Kneipenbesitzer Georgeos Theodosius aus Wiesbaden traut seinen Augen nicht: Sein Versorger, die EGR Energie Vertrieb GmbH, hat den Gas-Tarif um 250 Prozent erhöht: Statt monatlich 220 Euro zahlt er jetzt 774 Euro. Andernfalls müssen seine Gäste im Winter im Kalten sitzen.

Weitergeben kann und will er diese Preissteigerung nicht. "Die Gäste hier sind auch schon am Limit, es ist ja nicht nur bei mir teurer geworden, es ist ja bei jedem privat teurer geworden", sagt Theodosius. Er wisse nicht, wie er das alles weitergeben solle.

Fast die Hälfte heizt mit Gas

Die stark steigenden Marktpreise treffen viele Verbraucher in Deutschland. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) heizte 2021 fast die Hälfte der Deutschen mit Gas.

Auch bei den Neuinstallationen machten Gasheizungen im vergangenen Jahr den Großteil aus: 70 Prozent entschieden sich nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) für eine Gasheizung. Damit lag die Zahl der neu installierten Gasheizungen 2021 so hoch wie zuletzt vor 25 Jahren.

Preise massiv gestiegen

Viele Verbraucher dürften diese Entscheidung nun bereuen. Denn ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden Gas muss nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox bis zu 2000 Euro mehr für diesen Gasverbrauch zahlen als noch vor einem Jahr. Damit haben sich die Kosten für das Heizen mit Gas teilweise verdreifacht.

Diese Erfahrung stark gestiegener Kosten macht auch der Frankfurter Restaurator Rainer Justies. Vor einigen Wochen hat er einen Brief von seinem Gaslieferanten Mitgas bekommen. "Das Unternehmen hat eine brutale Preiserhöhung zum 1. Juli angekündigt", schildert Justies. Konkret soll der Verbrauchspreis pro Kilowattstunde angehoben werden, von bisher etwa 5,50 Cent auf 21,17 Cent. Das entspricht einer Preissteigerung von rund 300 Prozent. Auch Strom sei teurer geworden, erzählt der Restaurator: "Insgesamt muss ich für Energie bald etwa 440 Euro im Monat zahlen, das ist eine zweite Miete", so Justies.

Viele Versorger heben Preise stark an

Auf Anfrage begründet Mitgas den Preissprung damit, dass man zuletzt viele Kunden aufgenommen habe. "Demzufolge mussten wir zusätzliche Gasmengen zu den derzeit sehr hohen Marktpreisen einkaufen", heißt es in einer Stellungnahme. Die Kosten müsse man teils an die Kunden weitergeben und die Preise zum 1. Juli anheben.

Mit dieser Preiserhöhung zur Jahresmitte ist Mitgas nicht alleine. Dem Vergleichsportal Verivox zufolge gibt es in Deutschland mehr als 900 verschiedene Gasanbieter, die Preisanpassungen für 2022 liegen bei durchschnittlich 75 Prozent.

Betroffene haben Sonderkündigungsrecht

"Wenn ein Anbieter die Preise erhöht, kommt das einer Änderung des Vertrages gleich", erklärt Energiekostenberater Sebastian Winkler. Betroffene könnten dann in der Regel von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen. Ob sie zu einem anderen Anbieter wechseln, sollten sie sich aber vorher gut überlegen, so Winkler. Denn selbst wenn Kunden ihr Gas anderswo günstiger bekämen, könne das nach hinten losgehen.

In den vergangenen Monaten hatten Billiganbieter wie gas.de reihenweise Kunden gekündigt. Am Ende wurden die Betroffenen zwar von den Grundversorgern aufgefangen, landeten dort aber oft in extrateuren Tarifen.

Bund zahlt Energiepauschale und Heizkostenzuschuss

Die Lösung, die der Staat derzeit anbietet, ist eine einmalige Zahlung von 300 Euro für einkommensteuerpflichtige Erwerbstätige. Außerdem zahlt der Staat einen Heizkostenzuschuss an Haushalte, die Wohngeld beziehen. Dieser wurde gegenüber den ursprünglichen Plänen nochmals nachgebessert und liegt nun bei mindestens 270 Euro. Wenn mehrere Haushaltsmitglieder zu berücksichtigen sind, steigt der Wohngeldzuschuss noch. Vom Heizkostenzuschuss profitieren auch Auszubildende, die bereits BAföG erhalten.

Über dieses Thema berichtete der HR am 30. Juni 2022 um 20:15 Uhr.