Blick auf die Leinwand beim Max Ophüls-Filmfestival | Frauke Feldmann/SR

Festivals in Pandemiezeiten Die hybride Alternative

Stand: 18.01.2022 13:39 Uhr

Wie funktionieren Festivals in Pandemiezeiten? Das macht zur Zeit das Filmfestival "Max Ophüls Preis" in Saarbrücken vor. Die Organisatoren setzen auf einen hybriden Mix aus Präsenzkino und Streaming.

Von Frauke Feldmann, SR

Weder Organisatoren noch Jungfilmer und Zuschauer können es so richtig glauben, als sich im Saal 1 des Saarbrücker Cinestars der Vorhang öffnet. Zwar ist der Kinosaal halb leer, aber dennoch: Es ist eine Festivaleröffnung in Präsenz. Per Livestream wird sie in acht weitere saarländische Kinos übertragen, auf der Festival-Webseite sowie auf YouTube gestreamt. Bis zuletzt wurde gebangt, ob die Eröffnung wie geplant stattfinden kann. "Wir sind auf die behördliche Schließung der Kinos vorbereitet und könnten durch die Hybridstruktur jederzeit komplett auf Online umstellen", erklärt Festivalleiterin Svenja Böttger. Das hofft natürlich hier niemand.

Frauke Feldmann
Eingang zum Cinestar im Saarland. | Frauke Feldmannm/SR
Das Filmfestival "Max Ophüls Preis"

Zur letzten "Max Ophüls Preis"-Präsenzveranstaltung im Januar 2020 kamen rund 45.500 Besucher. Vergangenes Jahr nutzten rund 12.800 Nutzer das reine Online-Angebot, es gab etwa 39.000 Filmsichtungen. Beim diesjährigen Hybrid-Konzept werden bis zum 26. Januar 80 Filme gezeigt. Von ihnen konkurrieren 49 Wettbewerbsfilme um insgesamt 18 Preise. Diese sind mit 118.500 Euro dotiert. Die jungen Filmemacher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigen sich meist mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen, darunter der Klimawandel, Machtmissbrauch und die Diskussion um sexuelle Identitäten.

Nur 50 Prozent Auslastung

Das Konzept ist vom Ordnungsamt geprüft. Rein in die Kinos kommt nur, wer genesen oder voll geimpft und getestet ist. Die Kinosäle dürfen nur zu 50 Prozent ausgelastet werden, dafür wurde das Festival auf elf Tage gestreckt. Und auch der gute alte Popcorntrick muss wegfallen, die Zuschauer bleiben sitzen, im Stil eines Schachbrettmusters. Immer ein bis zwei Plätze bleiben zwischen ihnen frei. Jeder Wettbewerbsfilm läuft zudem nur ein einziges Mal, dafür aber in mehreren Kinos gleichzeitig. Die Künstler-Gespräche im Hauptsaal werden von Kameras aufgezeichnet und ebenfalls live gestreamt. Andere Filmreihen sind ausschließlich online verfügbar.

Doch wie kommt das Modellprojekt beim Publikum an? Die Organisatoren zeigen sich in beiden Bereichen mit den Verkäufen zufrieden. "Das liegt einerseits daran, dass wir im Vorfeld ordentlich Rabatz gemacht haben. Wir haben Werbung für das Konzept gemacht und auf unserer Homepage versucht, alles so gut es geht zu erklären", berichtet die Festivalleiterin. Außerdem seien die Menschen längst an Online-Streaming gewöhnt.

2G-Kontrolle am Einlass beim Max Ophüls-Filmfestival | Frauke Feldmann/SR

Auf dem Festival gilt bei Präsenzveranstaltungen die 2G-Plus-Regel. Bild: Frauke Feldmann/SR

Fehlende Finanzierung und geänderte Drehbücher

Die gute Resonanz freut aber nicht nur die Organisatoren, für die das Hybrid-Konzept einen großen finanziellen Mehraufwand bedeutet. Auch viele Jungfilmer leiden unter den Konsequenzen der Pandemie. Nachdem es im vergangenen Jahr wegen der geschlossenen Kinos einen Filmstau gegeben habe, seien diesmal weniger Filme eingereicht worden. Die Finanzierung sei schwierig gewesen, gerade im Langfilmbereich. "Man merkt vor allem in den freien Produktionen und Projekten, dass die es natürlich besonders schwer haben, Möglichkeiten zu kriegen sich zu finanzieren", so Böttger. Geldgeber und Sponsoren seien weniger Risikofreudig. Ein paar Projekte seien ganz zurückgezogen worden. Andere steckten in der Postproduktion fest.

Alison Kuhn hatte zwar Glück mit der Finanzierung: Das Budget für ihren Kurzfilm "Fluffy Tales" über Machtmissbrauch war durch die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf gedeckt. Die Studentin musste trotzdem mehrfach umdenken und umplanen. "Ich wollte im März 2020 eigentlich einen ganz anderen Film drehen. Dann hatten wir einen Drehabbruch wegen Corona. Danach habe ich monatelang drauf gewartet, dass die Produktion wieder aufgenommen werden kann." Allerdings war ihre ursprüngliche Geschichte wegen zu vieler Berührungen nicht mehr umsetzbar. "Ich musste innerhalb von wenigen Wochen einen ganz neuen Film auf die Beine stellen."

Auch wegen solcher Einzelschicksale war es den Organisatoren wichtig, das Festival zumindest teilweise in Präsenz stattfinden zu lassen. Gerade die zufälligen Begegnungen auf dem Festival zwischen Drehbuchautoren, Regisseuren und Geldgebern machten Ophüls aus, betont Böttger. "Leider können wir den Austausch nicht in der gewohnten Form anbieten." Trotzdem bestehe so die Chance, sich wenigstens zu zweit oder dritt zu treffen. Darüber hinaus gibt es Online-Angebote wie das Speed-Dating und einen digitalen Marktplatz für Drehbücher.

Jungfilmerin im Gespräch beim Max Ophüls-Filmfestival | Frauke Feldmann/SR

Die Kontakte, die auf dem Festival geknüpft werden, sind für den Filmnachwuchs besonders wichtig. Bild: Frauke Feldmann/SR

"Wir wollen ein Signal senden"

Auch die Stadt Saarbrücken freut sich nach eigenen Angaben "ungemein", dass das Festival wieder stattfinden kann. "Wir wollen aus Saarbrücken ein Signal herausgeben an eine Branche, die mit am stärksten unter der Pandemie leidet", betont Oberbürgermeister Uwe Conradt. Schön sei auch, dass das hybride Format Festivalfans überall erreiche und Menschen, die sonst keine Chance gehabt hätten, viele Filme zu sehen.

Am Ende verlassen alle Besucher zügig das Kino. Viel geredet wird über den Eröffnungsfilm nicht mehr. Das liegt aber sicher auch daran, dass man den Stoff erstmal verdauen muss. "Everything will change" von Marten Persiel ist eine Dystopie, die im Jahr 2054 spielt und vom Artensterben handelt. Bilder und Musik gehen nah. Genau wie die Tatsache, dass man endlich wieder eine Festivalpremiere miterlebt. "Filme sind für die Leinwand gemacht. Einen Film auf der Leinwand zu sehen, das ist einfach etwas anderes", da sind sich Organisatorin Böttger und Filmemacherin Kuhn einig. Die Studentin freut sich nun auf ihre eigene Premiere - und hofft, dass Corona ihr und dem Festival keinen Strich mehr durch die Rechnung macht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Januar 2022 um 12:00 Uhr.