Völlig zerstörte Häuser im rheinland-pfläzlischen Ort Mayschoß. | dpa

Elementarschäden nach Hochwasser Was spricht für eine Pflichtversicherung?

Stand: 23.07.2021 14:41 Uhr

Viele Klimaexperten sind davon überzeugt, dass Extremwetterlagen künftig immer häufiger auftreten werden - und damit auch extreme Schadenslagen. Kommt jetzt die Pflichtversicherung gegen Elementarschäden?

Die materiellen Schäden der Flutkatastrophe sind gigantisch: Nach den Sturzfluten und Überschwemmungen der vergangenen Woche stehen von staatlicher Seite schon 400 Millionen Euro bereit - gewissermaßen als erste Hilfe. Zusätzlich ist ein milliardenschwerer Aufbaufonds geplant.

Die Schadenssumme der jüngsten Katastrophe wird GDV-Schätzungen zufolge mit mindestens fünf Milliarden Euro aber weit darüberliegen. "An Geld wird es nicht scheitern", hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer verkündet. "Dafür zahlen die Leute ja Steuern, dass ihnen in solchen Situationen geholfen wird."

Aber ist denn gerecht, wenn die Allgemeinheit für die entstandenen Schäden aufkommt? Könnte nicht bei den Gebäudeeigentümern der Eindruck entstehen, sie müssten sich selbst nicht um Versicherungsschutz kümmern, weil der Staat im Notfall einspringt? Schließlich würde eine sogenannte Elementarschadensversicherung, die gegen außergewöhnliche Naturereignisse versichert, den finanziellen Schaden ausgleichen.    

Erhöhtes Risiko, kein Versicherungsschutz?

Jetzt wird über die Einführung einer Pflichtversicherung für Gebäudeeigentümer debattiert, weil in Deutschland nach Zahlen der Verbraucherzentrale nur rund 46 Prozent aller Privathäuser gegen Schäden durch Naturgefahren wie Hochwasser und Überschwemmung versichert sind.

Doch nicht jeder, der bislang eine Elementarschadensversicherung wünschte, bekam sie auch. Wer in Gebieten wohne, in denen Elementarschäden drohen, müsse entweder sehr hohe Prämien zahlen, hohe Selbstbeteiligungen in Kauf nehmen oder bekomme den gewünschten Versicherungsschutz wegen des erhöhten Risikos vielleicht sogar gar nicht, heißt es dazu vom Bund der Versicherten (BdV).

Rund 1,2 Millionen Wohnimmobilien befinden sich in Gebieten, die bei Starkregen besonders stark gefährdet sind. Das zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit dem Erfurter Analyseunternehmen On-Geo. Aber Experten sind der Ansicht, dass die Folgen dieser Naturgefahren längst nicht mehr nur die Bewohner von Risikogebieten treffen und auch immer häufiger auftreten werden.   

Debatte über die Konsequenzen

Die Versicherungsbranche stehe in der Pflicht, allen Verbrauchern einen bezahlbaren Versicherungsschutz anzubieten, meint Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv): "Das Ausmaß der Hochwasserkatastrophe führt erneut vor Augen, wie sehr die Schäden durch den Klimawandel für Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmen."

Die Ökonomin Monika Schnitzer, Mitglied der Wirtschaftsweisen, hält das Modell Pflichtversicherung für sinnvoll. So könne verhindert werden, "dass manche auf eine solche Versicherung verzichten, im Vertrauen darauf, im Katastrophenfall Hilfe durch den Staat zu erhalten", zitiert sie die "Wirtschaftswoche". Die Prämien müssten sich aber an den Risiken orientieren.

Unbezahlbare Prämien?

Der Präsident des ifo-Instituts, Clemens Fuest, fordert im Falle einer Pflichtversicherung eine sehr hohe Selbstbeteiligung, "damit die Fehlanreize, in hochwassergefährdeten Gebieten zu bauen, in Grenzen gehalten werden".

Der Verband Haus & Grund lehnt eine Versicherungspflicht hingegen ab. Verbandspräsident Kai Warnecke weist daraufhin, dass die Prämien in Risikogebieten unbezahlbar werden könnten. "Eine Versicherungspflicht, so nützlich sie im Schadensfall auch sein mag, lässt jedenfalls die Kosten des Wohnens weiter ansteigen", stellt Warnecke fest.

Ernst Rauch, der Chef-Klimawissenschaftler des Rückversicherers Münchener Rück, sieht auch die Kommunen in der Verantwortung, für mehr Schutz vor Hochwasser zu sorgen. Die öffentliche Hand müsse die Infrastruktur systematisch an die Veränderungen in der Natur durch den Klimawandel anpassen - etwa durch die Renaturierung von Bächen, um fließenden Gewässern bei Starkregen mehr Freiraum zu geben.

Versicherungen stoßen nicht an ihre Grenzen

Eine staatlich unterstützte Elementarversicherung hält Rauch in Deutschland für unnötig. Versicherer und Rückversicherer stießen längst nicht an die Grenzen ihrer Kapazität. Im größten Schadenjahr 2017 hätten sie weltweit mehr als 100 Milliarden Euro an Schäden bezahlt. "In Europa, in Deutschland sprechen wir von Größenordnungen, die ein einstelliges, in seltenen Fällen mal zweistelliges Milliarden-Euro-Niveau erreicht haben." Die Frage sei eher, wie hoch die Prämien künftig sein müssten, so Rauch.

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Versicherungsverbandes GDV, plädiert im Deutschlandfunk ebenfalls für eine bessere Prävention: "Ich glaube, es gibt viele Ansatzpunkte und eben nicht allein nur die Pflichtversicherung."  

Der GDV geht davon aus, dass 99 Prozent aller Gebäude in Deutschland gegen Elementarschäden versicherbar wären. Für das verbliebene eine Prozent müsse eine gesamtgesellschaftliche Lösung gefunden werden, meint Asmussen. Die Versicherungsbranche könne laut nicht allein die Folgen oder die fehlenden Anpassungsmaßnahmen des Klimawandels tragen. Es sei aber auch klar, dass sie an der Diskussion teilnehme, "wie wir uns in Zukunft insgesamt besser gegen Extremwetter-Risiken absichern".