Elektroauto wird geladen. | Sandra Biegger/SWR

Folge der Lieferprobleme Prämien für E-Auto-Käufer in Gefahr

Stand: 08.07.2021 19:17 Uhr

Wer ein neues E-Auto kauft, bekommt einen Zuschuss von bis zu 9000 Euro. Aber nur, wenn es bis Jahresende angemeldet wird. Das ist derzeit höchst ungewiss, weil die Hersteller Lieferprobleme haben.

Von Sandra Biegger, SWR  

Karl-Heinz Hummel aus Wackernheim bei Mainz sitzt mal wieder Probe in einem E-Hyundai im Autocenter Mainz. In den vergangenen Monaten hat er viele verschiedene Modelle genau unter die Lupe genommen. Noch vor einem Jahr wäre es für Hummel undenkbar gewesen, ein E-Auto zu fahren. Warum sich das geändert hat? Da muss der Rheinhesse nicht lange überlegen: "Erstens, weil ich etwas für die Umwelt tun will, zweitens bin ich mittlerweile tatsächlich auch von der Technik und dem Komfort vieler E-Autos überzeugt, und nicht zuletzt will ich natürlich die komplette staatliche Förderung mitnehmen." 

Sandra Biegger

Zeit drängt, doch die Hersteller hängen hinterher

Die komplette Förderung sind in Hummels Fall derzeit 9000 Euro - die sogenannte Innovationsprämie. Hummel hat Sorge, dass er dieses Geld nur bekommen könnte, wenn er sein neues Auto bis 31. Dezember anmeldet. Denn ob ihm das gelingt, liegt nicht allein in seiner Hand. Denn: Wie in vielen anderen Bereichen gibt es in der Automobilbranche Lieferschwierigkeiten - und zwar massive.

Diese Lieferschwierigkeiten machen auch Katharina Heinz zu schaffen. Die 27-Jährige leitet das Autocenter Mainz, das rund 1800 Autos pro Jahr verkauft. Auf dem riesigen Verkaufsgelände stehen derzeit nur wenige Neuwagen zur Ansicht. Die Autohersteller auf der ganzen Welt kommen nicht hinterher mit der Produktion. Heinz sagt, mittlerweile würden die Hersteller keine verbindlichen Zusagen mehr machen, bis wann sie ein Fahrzeug spätestens liefern.

Allen fehlten unter anderem Halbleiter für den Bau der Autoelektronik. Die Gründe dafür seien wohl vielfältig: die havarierte "Ever Given" im Suez-Kanal, die fehlenden Transportkapazitäten, wegen Corona geschlossene Halbleiter-Produktionsstätten, Fehlplanungen der Autohersteller - all das spielt nach Heinz' Ansicht wohl eine Rolle. Letztlich sei es aber auch zweitrangig, warum keine Autos geliefert würden. Klar sei: "Die Fahrzeuge kommen nicht zu uns, weshalb auch immer!"

Elektroautos stehen vor einem Autohaus. | Sandra Biegger/SWR

Im Autocenter Mainz sind nur wenige E-Autos sofort verfügbar. Bild: Sandra Biegger/SWR

Wegen der Innovationsprämie unter Zeitdruck

Heinz hat jüngst alle ihre Verkäuferinnen und Verkäufer gebeten, die Kunden explizit auf die möglichen finanziellen Folgen dieser Lieferschwierigkeiten hinzuweisen. Denn anders als bei der Abwrackprämie sei es bei der E-Auto-Prämie völlig unerheblich, wann der Kaufvertrag unterschrieben wird. Es zähle einzig und allein der Tag der Anmeldung. Und schon jetzt sei klar, dass ein heute gekauftes Auto nicht mehr zwangsläufig in diesem Jahr geliefert werde.

Im Rahmen der Corona-Konjunkturprogramme war die Förderung deutlich aufgestockt worden. Gemäß Beschluss des Autogipfels im Bundeskanzleramt im November 2020 soll diese "Innovationsprämie" von maximal 9000 Euro pro Auto über das Jahr 2021 hinaus bis zum 31. Dezember 2025 verlängert werden. Diese Verlängerung hat bislang aber noch nicht stattgefunden. Laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle will das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie diese aber in Kürze vornehmen. Was "in Kürze" konkret heißt, ist unklar. Und das verunsichert viele Autokäufer.

Unsicherheit könnte Kunden abschrecken

Autohändlerin Heinz sagt, manche Kunden seien regelrecht geschockt, dass sie eventuell nicht den vollen Zuschuss bekommen - auch wenn sie noch heute einen Kaufvertrag unterschreiben würden. Das Problem sei, dass viele einen Teil der derzeit 9000 Euro Höchstförderung fest als Anzahlung für den Wagen einplanen würden. Unter anderem wegen des rasanten technischen Fortschrittes im Bereich der E-Autos würden die meisten Kunden die Fahrzeuge nämlich leasen und nicht kaufen.

Heinz gibt zu bedenken: So mancher werde aufgrund der unklaren Förderhöhe eventuell dann doch eher ein günstigeres Auto mit Verbrennungsmotor kaufen - womöglich sogar ein älteres Fabrikat mit hohem Verbrauch. Das sei in Bezug auf die Reduzierung des CO2-Ausstoßes dann natürlich kontraproduktiv. Abhilfe könnte die Politik nach Heinz' Ansicht schaffen, wenn sie die Förderung an den Zeitpunkt des Kaufes und nicht an den der Anmeldung knüpfen würde.

E-Auto-Käufe könnten verschoben werden

Der Automobilexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach kennt die Problematik. Auch er sagt: Wegen der Unsicherheiten bei Lieferfristen und Förderung werde sicherlich der eine oder andere jetzt erst mal die Finger von einem E-Auto lassen und zu einem Verbrenner greifen - oder aber den Kauf eines neuen Autos einfach ins neue Jahr schieben, hin zu einem Zeitpunkt, von dem an es wieder Klarheit über die Höhe der Förderung für E-Autos gibt. Genügend Geld dafür ist auf alle Fälle da: Nach Angaben von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier wurden bis Anfang Juli 2,1 Milliarden Euro ausbezahlt, das entspricht in etwa der Hälfte der staatlichen Fördermittel für E-Mobilität.

"Zuschüsse sind süßes Gift"

Prinzipiell plädiert Wissenschaftler Bratzel dafür, dass es auch vom kommenden Jahr an noch hohe Zuschüsse für E-Autos gibt. Diese könnten helfen, den sozialen Frieden zu erhalten. Es dürfe nicht sein, dass sich nur noch Gutverdiener E-Fahrzeuge leisten könnten und die andere die hohen Kraftstoffpreise zahlen müssten.

Mittelfristig ist es nach Bratzels Ansicht aber notwendig, die staatlichen Zuschüsse zu kürzen. Diese könnten nämlich auch ein "süßes Gift" sein: So lange die Zuschüsse hoch seien, hätten die Autohersteller wenig Druck, kostengünstigere Modelle zu entwickeln und anzubieten. Außerdem sei es fast wichtiger, dass der Staat noch mehr Geld in den Ausbau der Infrastruktur stecke. Das beste E-Auto nütze nichts, wenn es nicht genügend Möglichkeiten zum Laden gebe.

Liefertermin wichtiger als Ausstattung

Und was macht Karl-Heinz Hummel aus Wackernheim in Rheinland-Pfalz? Er hat sich nach langem Hin und Her tatsächlich dazu durchgerungen, ein E-Auto und keinen Diesel zu kaufen - lange Lieferfristen hin oder her. Allerdings hat sich der 68-Jährige ganz bewusst für ein Modell mit einer Ausstattung entschieden, das bereits in der Produktion eingeplant ist, so dass es mit der Lieferung in diesem Jahr noch klappen sollte.

Hummel sagt, dieses Mal sei ihm beim Kauf des Autos tatsächlich der Lieferzeitpunkt wichtiger als mögliche Sonderausstattungen. Nur bei der Farbe sei er nicht kompromissbereit: "Noch ein weißes Auto will ich dann doch nicht!" Wenn alles gut geht, kann Hummel sein Auto tatsächlich noch rechtzeitig vor Jahresende anmelden - und sich über die Höchstförderung freuen. Eine Garantie dafür gibt ihm aber niemand.

Über dieses Thema berichtete BR Fernsehen am 07. Juli 2021 um 16:00 Uhr in der Sendung "BR24 Rundschau".