Werk 2 der Mineralölraffinerie Oberrhein in Karlsruhe. | Miro
Analyse

Spritpreise stagnieren auf hohem Niveau Benzin und Diesel nur tröpfchenweise

Stand: 23.03.2022 14:57 Uhr

Die Preise an den Zapfsäulen liegen auf Rekordniveau. Warum besonders Geringverdiener betroffen sind und welche Ähnlichkeiten die aktuelle Situation mit der Ölkrise der 1970er-Jahre hat.

Von Tim Diekmann, SWR

Am Hafen der Miro, der Mineralölraffinerie Oberrhein in Karlsruhe, ist regelmäßig die Welt zu Gast. Tankschiffe kommen über den Rhein mit wertvoller Fracht etwa aus dem Nahen Osten, Nord- und Südamerika und der Nordsee. Hier in der Miro wird aus dem unverarbeiteten Erdöl wertvolles Benzin, Diesel und Heizöl gewonnen. Auf einer Fläche von rund 460 Hektar schlängeln sich über 2000 Kilometer Rohre, die das Rohöl von Maschine zu Maschine bringen.

Tim Diekmann

"Unser Geschäft läuft immer"

Es ist eine kleine Stadt, mit eigenem Bahnhof und großem Straßennetz - und nach eigenen Angaben Deutschlands größte Raffinerie. Von der angespannten Lage auf dem Weltmarkt und den explodierenden Energiepreisen bekommen sie hier aber kaum etwas mit. "Unser Geschäft läuft wie immer", sagt Geschäftsführer Markus Scheib im Gespräch mit tagesschau.de. "Die Benzin- und Dieselmaschinen laufen, unsere Anlagen sind voll ausgelastet. Das ist normal, denn nur so decken wir unsere Fixkosten." Auf die gestiegene Nachfrage für Kraftstoffe könne man hier also gar nicht reagieren.

4,3 Millionen Tonnen Benzin und 3,7 Millionen Tonnen Diesel hat die Raffinerie 2021 produziert. Kraftstoffe, die seit dem Ukraine-Krieg zu Rekordpreisen an Tankstellen verkauft werden. Doch das was der Verbraucher gerade zu spüren bekommt, spielt in der Karlsruher Raffinerie keine Rolle.

Luftaufnahme der Mineralölraffinerie Oberrhein in Karlsruhe. | Miro

Von oben betrachtet sieht die Mineralölraffinierie Oberrhein, kurz Miro, aus wie eine kleine Stadt. Bild: Miro

Vor allem Geringverdiener trifft es

Die Verbraucher leiden unter steigenden Energiepreisen, ganz besonders diejenigen, die schon bisher jeden Euro zweimal umdrehen mussten. Kathrin Waldhör aus dem bayrischen Hebertsfelden tankt deshalb oft nur noch für wenige Euro. In der ARD-Sendung hart aber fair berichtet die Mutter von zwei Kindern, dass es schon vor den Preissteigerungen schwer gewesen sei, etwas zur Seite zu legen. Zu den Geringverdienern gehören sie und ihr Mann nicht direkt, aber "wenn ich an die nächste Heizöllieferung im Herbst denke, dann ist an sowas wie Urlaub überhaupt nicht zu denken".

Im Schnitt geben die Deutschen rund 37 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für Wohnen und Energie aus. Es ist der größte Einzelposten, der aber je nach Einkommen variiert: Bei Haushalten mit einem geringen monatlichen Einkommen von unter 1300 Euro sind es bis zu 50 Prozent des Einkommens, die in Ausgaben für Wohnen und Energie fließen.

Sozialverband verlangt schnelle Lösung

So würden vor allem Geringverdiener zurzeit überproportional stark belastet, kritisiert der Sozialverband VdK. "Geringverdiener, die in Ballungszentren arbeiten, aber dort aufgrund der hohen Mieten nicht wohnen können, sind auf ihr Auto angewiesen und müssen jetzt noch mehr Geld investieren. Das Auto einfach mal stehen zu lassen, ist oft keine Option", sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Deshalb brauche es jetzt von der Bundespolitik eine schnelle Lösung. "Der Tankrabatt von Lindner hilft vor allem Menschen mit viel Geld, die große Autos haben", kritisiert Bentele. "Sinnvoller scheint mir die Idee vom Mobilitätsgeld, dass nach Einkommen entlastet wird." Noch diskutiert die Ampelkoalition in Berlin, wie eine Entlastung genau aussehen könnte. Heute Abend könnte im Koalitionsausschuss eine Entscheidung fallen.

Fossile Abhängigkeit wird zum Problem

Dass der Ukraine-Krieg und die Folgen eines möglichen Embargos für russisches Öl Deutschland so hart treffen, liegt auch an der nach wie vor hohen Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Rohstoffen. Im vergangenen Jahr hat der Bund mehr als drei Viertel seines Primärenergieverbrauchs aus fossilen Brennstoffen bezogen, also Kohle, Erdgas und Mineralöl. Letzteres liegt in etwa auf dem gleichen Niveau wie schon in den-1980er Jahren. Der Anteil Erneuerbarer Energien macht zurzeit gerade einmal 16 Prozent aus.

Wie kann also kurzfristig der Preisanstieg gestoppt werden? Ein Ansatz wäre, die Fördermenge von Rohöl zu erhöhen. Die Idee: Je mehr Öl zur Verfügung steht, desto günstiger kann das "schwarze Gold" auch auf dem Weltmarkt gehandelt werden. Doch die in der OPEC zusammengeschlossenen erdölexportierenden Länder weigern sich. Für den Ökonomen Gabriel Felbermayr vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung kommt das nicht überraschend. In der "Wirtschaftswoche" sagt er: "Das Kartell (will) angesichts des geplanten Ausstiegs vieler Staaten aus fossilen Brennstoffen noch mal richtig Kasse machen."

Inzwischen scheint selbst die Internationale Energieagentur (IEA), ein Zusammenschluss von Industrienationen, nicht mehr mit einem zügigen Einlenken der OPEC-Länder zu rechnen und ruft zum Energiesparen auf. Innerhalb von vier Monaten könnten die 31 Mitgliedsstaaten - darunter auch Deutschland - 2,7 Millionen Barrel Erdöl täglich einsparen. Notwendig sei dafür die Umsetzung eines Zehn-Punkte-Plans, der unter anderem autofreie Sonntage, Tempolimits und den Ausbau von Carsharing vorsieht.

Frappierende Ähnlichkeit mit der Ölkrise 1973

Es sind Maßnahmen, die die IEA vorschlägt, die viele an die erste Ölkrise 1973 erinnern. Schon damals reagierte Deutschland mit autofreien Sonntagen und Tempolimits auf die steigenden Energiepreise. Und auch damals spielte die OPEC eine entscheidende Rolle in der Krise. Mit dem Ausbruch des israelisch-arabischen Jom-Kippur-Kriegs reduzierte die Organisation der Arabischen Erdölexportierenden Staaten (OAPEC) die Produktion und den Export von Erdöl. Die Dachorganisation OPEC beendete die üblichen Preisverhandlungen mit großen Ölkonzernen. Der Ölpreis vervielfachte sich in der Folge in den kommenden Monaten.

Doch Schuld ist nicht allein die OPEC. Weil bereits einzelne Ölkonzerne entschieden haben, auf den Import von russischen Öl zu verzichten, müssen Alternativen zu oftmals höheren Preisen auf dem Weltmarkt eingekauft werden.

Nicht die Raffinerien kassieren ab

Auch bei der Miro in Karlsruhe fließt kein russisches Öl mehr durch die Leitungen. Darauf haben sich nach Auskunft von Geschäftsführer Scheib die Gesellschafter der Raffinerie, Shell, Esso, Rosneft Deutschland und Philips 66, geeinigt. Der Kritik, dass sich Raffinerien in diesen Tagen die Taschen mit höheren Gewinnmargen voll machen, entgegnet der Geschäftsführer vehement: "Wir arbeiten als Raffinerie als Lohnunternehmer - im Auftrag unserer Gesellschafter. Wir verarbeiten deren Rohöle zu Benzin, Diesel und Heizöl in der gewünschten Menge und Qualität - haben aber weder Einfluss auf die eingesetzten Rohöle noch auf die Preise."

Darauf haben die Ölkonzerne Einfluss. Und den scheinen sie zu nutzen. Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe vom Bundeskartellamt, aufbereitet vom Portal Benzinpreis.de, belegen, dass der Überschuss - also die Summe, die die Firmen einstreichen abzüglich Rohölkosten und Steuern - zuletzt massiv gestiegen ist. Während Anfang Februar der Überschuss bei rund 29 Cent je Liter Diesel lag, stieg der Anteil Mitte März auf bis zu 68 Cent.

Über dieses Thema berichtete das ARD Mittagsmagazin am 22. März 2022 um 13:03 Uhr.